Kein Platz für Routine

Ob Industrietaucher, Tunnelsprengmeister oder Fensterputzer für Wolkenkratzer – besondere Tätigkeiten erfordern eine gründliche Vorbereitung, Akribie und Konzentration.

Tunnel

Roland Imfeld: Im Tunnelbau ist der Baustellenchef für seine eigene Sicherheit sowie für die seiner Mineure zuständig.

Bei der Arbeit sieht Marcus Diedrich meist nicht einmal die eigene Hand vor Augen. Es ist kalt und ungemütlich. „Das Umfeld, in dem wir uns bewegen, ist in der Regel ziemlich menschenfeindlich“, sagt er. Diedrich arbeitet dort, wo es für Ungeübte lebensgefährlich wäre: in Kühlwasserspeichern von Kraftwerken, in gefluteten Schächten, Hochbehältern oder Kanälen. Marcus Diedrich ist Industrietaucher. Ein Beruf, der mit Schnorchel-Romantik im australischen Great Barrier Reef nicht viel gemein hat. Und dennoch: Einen anderen kann er sich nicht vorstellen. „Das war schon ein Kindheitstraum“, so Diedrich, dessen Taucherkarriere bei der Bundeswehr ihren Anfang nahm. Und wenn er erzählt, wird ganz schnell deutlich: Sein Job ist für ihn mehr als eine Einnahmequelle. Er ist für ihn Berufung. „Taucher wird man nicht, man ist es“, sagt Diedrich, für den regelmäßige Weiterbildungen selbstverständlich sind. Seit 21 Jahren ist er im Geschäft. Doch gibt es sie noch immer, diese Situationen, in denen der gelernte Handwerker das Kribbeln spürt, die Abenteuerlust, die ihn antreibt. Routine hat bei Diedrich und seinen Kollegen keinen Platz.

Ruhig bleiben, stressfrei arbeiten

Jeder Arbeitseinsatz wird von Anfang an akribisch geplant. „Bei uns ist es immer ganz wichtig, dass wir uns keinen Stress machen und ruhig bleiben. Je gefährlicher eine Situation ist, desto entspannter müssen wir sein.“ Denn nur wer mit größter Sorgfalt vorgehe, vergesse nichts. Ist die Ausrüstung komplett? Wie sieht es mit der Gefährdungsbeurteilung aus? Ist der Tauchbereich kontaminiert? Diedrich und seine Kollegen gehen vor jedem Einsatz eine acht DIN-A4-Seiten lange Checkliste durch, haken die einzelnen Punkte ab, damit ja nichts auf der Strecke bleibt. Fühlt sich jemand in seiner ihm zugedachten Rolle nicht wohl, wird getauscht und ein anderer übernimmt. Dann erst beginnt der eigentliche Job. Unter Wasser sind die Taucher Betonbauer, Schlosser, Holzfachleute und manchmal auch Elektroniker und Beschichter.

„Einen Betriebsunfall hatten wir zum Glück noch nicht“, berichtet Marcus Diedrich. Nach kurzem Nachdenken fügt er hinzu: „Als Industrie-taucher muss ich eben genau wissen, was ich kann und was nicht.“

Fatih Yilmaz ist Arbeitssicherheitsexperte bei DEKRA. Er kennt sich aus mit Berufen, die besonderer Sicherheitsvorkehrungen bedürfen. Die eigenen Fähigkeiten richtig einschätzen zu können, aber auch zu wissen, was nicht möglich ist, das seien wichtige Punkte, um für größtmögliche Sicherheit zu sorgen, so Yilmaz. „Menschen in spektakulären Berufen sind sich der Risiken, die ihre Arbeit mit sich bringt, in der Regel sehr bewusst. Das hat viele Vorteile, denn sie gehen strukturiert und systematisch vor. Und das ist auch ein Grund dafür, warum gemessen an der Gefahr sehr wenig bei den Einsätzen passiert.“

Kritisch werde es hingegen, wenn zu viel Routine ins Spiel kommt. Wenn bei der Vorbereitung eines Auftrags weniger sorgsam vorgegangen werde und nicht mehr jede Einzelheit im Fokus stehe. „Dann nämlich wird viel weniger auf wichtige Details geachtet“, erklärt Yilmaz.

Akribisch planen, sorgsam abwägen

Genau diese kleinen Details entscheiden häufig über das Gelingen oder Misslingen eines Einsatzes. Das weiß auch Roland Imfeld. Mehrere Tausend Sprengungen hat er schon miterlebt. So genau hat er nicht mitgezählt. „Aber es sind sehr viele gewesen“, sagt er mit einem Schmunzeln. Zur Routine ist sein Beruf für ihn aber dennoch nicht geworden. Der 52-Jährige arbeitet als Baustellenchef im sprengtechnischen Tunnelbau. Für seinen Arbeitgeber, die Gasser Felstechnik AG, war er schon in der gesamten Schweiz unterwegs. Ist ein Tunnel im Entstehen und ein Fels im Weg,ist Imfeld zur Stelle. Immer wieder stehen Imfeld und seine Kollegen riskanten Situationen gegenüber. Dann etwa, wenn der Felsen brüchig ist und große Steine auf die Mineure, die Sprengmeister, zu fallen drohen. In solchen Momenten muss es schnell gehen, weiß der Baustellenchef. „Dann müssen wir zusehen, dass wir den Felsen zunächst sichern.“ Denn die Sicherheit aller Beteiligten steht an erster Stelle. Der Tunnel muss dann momentan warten.

Bevor Imfeld und sein Team mit der Sprengung beginnen, ist eine Reihe von Vorarbeiten nötig. Der Baustellenchef führt Messungen durch, prüft, ob sich Gas im Felsen befindet, das bei einer Sprengung zu Explosionen führen könnte. Imfeld plant, organisiert, wägt ab – und geht so mit gutem Beispiel voran. Die richtige Schutzausrüstung, das konsequente Durchsetzen der Arbeits-sicherheit und die lückenlose und nachvollzieh-bare Dokumentation des gesamten Bauablaufes: Imfeld ist akribisch. Und erst dann, wenn alles stimmt, geht es los.

Ein Punkt, den auch Fatih Yilmaz hervorhebt: „Eine gute Vorbereitung ist wichtig, denn es gibt keinen Masterplan. Jeder Arbeitsplatz muss neu beurteilt werden, ehe der Einsatz beginnt.“ Dies sei auch im Arbeitsschutzgesetz verankert. „Ein zukünftiger Auftrag ist nie so wie der letzte“, sagt er.

Um Unfälle zu vermeiden, sei es wichtig, sich an die jeweiligen Vorschriften zu halten. „Insbesondere bei gefährlichen Jobs gibt es maßgebliche Sicherheitsregeln“, erklärt der DEKRA Experte und ergänzt: „Dazu gehört zum Beispiel, dass man geprüftes Equipment verwendet.“ Weil spektakuläre Berufe häufig sehr anstrengend sind, gelte es zudem, sich körperlich fit zu halten. „Auf sich achten, ist das wichtigste Kapital“, sagt Yilmaz. Zu wenig Schlaf oder Alkohol seien da fatal. Und auch eine gute Ausbildung und viel Erfahrung seien wichtige Voraussetzungen, um sich in risikoreichen Berufen sicher zu bewegen.

Genau hinsehen, Checkliste durchgehen

Beides spielt auch für Jeffrey Scott eine wichtige Rolle. Jeden Morgen geht es für ihn hoch hinaus. Der 45-Jährige reinigt die Scheiben von Wolken-kratzern im US-Bundesstaat Wisconsin. Scott trainiert auch andere Fensterputzer und macht sie für den gefahrlosen Einsatz in schwindelerregender Höhe fit. „Wir planen jeden Einsatz ganz genau“, sagt Scott.

Bevor er und sein Team für freie Sicht sorgen, nehmen sie jeden Arbeitsort gründlich unter die Lupe. Dem Zufall wird dabei nichts überlassen. „Wir arbeiten immer nach einem festgelegten System und gehen jeden Punkt durch, bevor wir mit einem Auftrag beginnen. Sicherheit ist schließlich alles.“ Die richtige Ausrüstung, das fehler-lose Equipment, das dafür sorgt, dass die Fensterputzer während des Einsatzes wirklich gesichert sind: Scott schaut vor jedem Job ganz genau hin. Besonders risikoreich sei sein Beruf nicht, wenn man alle Vorkehrungen beachte, findet er. „Der gefährlichste Teil daran ist der Weg zur Arbeit“, erklärt er lachend.

Jeffrey Scott und seine Kollegen arbeiten immer im Team. „Man ist niemals alleine bei einem Ein-satz.“ So hat er es schon von seinen Eltern mit auf den Weg bekommen. Denn die Familie arbeitet bereits in der zweiten Generation im „Highrise window cleaning“-Geschäft. „Ich bin mit dem Beruf aufgewachsen. Schon als Junge habe ich meinen Vater hin und wieder begleitet“, erklärt Jeffrey Scott. Dann muss er los. Der nächste Auftrag, die Fenster in einem 120 Meter hohen Bürogebäude, warten schon.

Text: Daniela Lukaßen