Die Welt ist nicht genug

Die Entwicklung vom Vulkanforscher zum Astronauten ist für Alexander Gerst eine logische Fortführung seiner Karriere. Dem Blick ins Innere des Planeten folgte der Blick von außen.

Vom Vulkanforscher zum Astronaut: Alexander Gerst im All

Vom Vulkanforscher zum Astronauten: Alexander Gerst (Bild: ESA)

Die Frage, wie er Astronaut geworden sei, bekam Alexander Gerst schon oft gestellt. Betont hat er dabei vor allem seine generelle Neugier und das technische Interesse, das durch seinen Großvater geweckt worden war. Der hatte als Amateurfunker die Worte des Enkels zum Mond geschickt. Von der Oberfläche reflektiert, kamen sie als Echo zur Erde zurück. „Für mich als Sechsjähriger war ein Teil von mir auf dem Mond“, sagte Gerst gegenüber der „Welt“.

Die Trickfilmserie „Captain Future“ über die Abenteuer eines Raumschiffkapitäns und seiner Crew hat ihn als Kind ebenfalls fasziniert. So sollten die Naturwissenschaften fortan Gersts Leben bestimmen. Auf einer einjährigen Weltreise entdeckte der gebürtige Künzelsauer seine Begeisterung für neuseeländische Vulkane und beschloss, Geophysik zu studieren. Gegenüber dem „Tagesspiegel“ begründete er seine Entscheidung so: „Ich wollte wissen, wie die Erde funktioniert, was Vulkane und Erdbeben antreibt, wie man die Menschen vor den Folgen schützen kann.“

Reisen liegt Gerst im Blut

Sein Forscherdrang führte ihn zu Vulkanen in Äthiopien, Italien, Indonesien und Guatemala. Zeitliche Spannungsveränderungen in der Erdkruste, die Gerst bei einer Untersuchung unter dem neuseeländischen Vulkan Ruapehu entdeckte, brachten ihm außer seinem erfolgreichen Diplomabschluss bereits während seines Studiums 2001 internationale Anerkennung, da diese in direktem Zusammenhang mit einer Eruption standen. Der Wissenschaftler leistete so einen wesentlichen Beitrag zur Vorhersage von Vulkanausbrüchen.

Doch auch wenn Gerst seine berufliche Bestimmung gefunden zu haben schien, ließ ihn der Weltraum nicht los. Als die Europäische Weltraumorganisation ESA 2008 Nachwuchsastronauten suchte, bewarb er sich. Die Voraussetzungen des „idealen Bewerbers“ stellten für den Vulkanforscher kein Problem dar. Außer einem guten Gedächtnis, der Fähigkeit zu logischem Denken, Konzentration und räumlicher Orientierung sowie Fingerfertigkeit erwartete die ESA einen ausgezeichneten Hochschulabschluss sowie eine sehr gute körperliche Verfassung.

Der Eine unter 8.413

Nach Bestehen zahlreicher Tests wählte die ESA Gerst unter 8.413 Bewerbern für Europas neue Astronautenklasse aus. Ein Job mit Seltenheitswert: Der 38-Jährige war der elfte Deutsche im All und der dritte Deutsche auf der International Space Station ISS.

Und obwohl dieser Erfolg für ein Ausnahmetalent spricht, wirkt der Schwabe bei Fernsehinterviews und Live-Schaltungen aus dem Weltall keineswegs abgehoben, sondern im Gegenteil ausgeglichen, besonnen und bodenständig. Diese Charaktereigenschaften konnte er schon früh erproben. So war der Baden-Württemberger als Kind bei den Pfadfindern, der Feuerwehr und als Rettungsschwimmer engagiert. Auch sein ausgeprägter Teamgeist qualifizierte ihn für die Mission im All. „Wenn man Astronauten sucht, kann man viele Sachen testen, aber eine Sache, die sich sehr schwer testen lässt, ist die Fähigkeit, in Extremsituationen arbeiten zu können und im Team zu arbeiten“, sagte Gerst im Dezember 2012 bei seinem Besuch im Hamburger Körber Forum.

Der eigene Körper als Testobjekt

Gerst weiß, wovon er spricht. Während seiner vulkanologischen Forschung am Mount Erebus in der Antarktis hatte der Geophysiker sechs Wochen bei minus 45 Grad Celsius zugebracht. Die dort gesammelten Daten dienten seiner Dissertation über die Dynamik von Vulkanausbrüchen.

Auch im All gewann Gerst, der sich auf Twitter „Astro_Alex“ nennt, wieder viele Daten zur Grundlagenforschung. Mehr als 100 Tests betreute er und experimentierte dabei mit Metallen, Plasmen und Robotern. Sogar der eigene Körper diente ihm als Forschungsobjekt. Denn die Mission sollte unter anderem Erkenntnisse zum Alterungsprozess liefern, da dieser in der Schwerelosigkeit im Zeitraffer abläuft: Muskelabbau, Osteoporose, Rückenbeschwerden, Kreislauf und Orientierungsprobleme, zunehmende Kraftlosigkeit sowie Probleme im Immunsystem. Um dem entgegenzuwirken, trainierten Gerst und seine Kollegen täglich zwei Stunden angeschnallt auf dem Laufband.

Botschafter für den Frieden

Zu den ständigen Aufgaben von Gerst gehörten außerdem die Bedienung des europäischen Forschungsmoduls „Columbus“ sowie des unbemannten Transportfrachters der ESA. Seine Popularität nutzte der Astronaut im All nicht nur, um auf die Wichtigkeit der Weltraumforschung und des Umweltschutzes aufmerksam zu machen, sondern auch als UNICEF-Pate und in gewisser Weise als Botschafter des Friedens. Denn er hat gezeigt, wie es trotz schwieriger politischer Zeiten gelingen kann, mit Kollegen aus Russland und den USA erfolgreich an einem Projekt zu arbeiten.

Ginge es nach Gerst, war das nicht seine letzte Mission im Weltall. Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung bekannte er, ein bemannter Flug zum Mars „wäre die ultimative Reise“. (Text: Petra Schreiber)

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