Interview: Aktive und passive Sicherheit

Clemens Klinke, Mitglied des Vorstands DEKRA SE und verantwortlich für die Business Unit Automotive, im Gespräch mit Chefredakteur Bernd Ostmann über künftige Herausforderungen an die Fahrzeugtechnik und deren Überwachung.

Interview zum Thema Sicherheit mit Clemens Klinke, Mitglied des Vorstands DEKRA SE und Chefredakteur Bernd Ostmann.

Clemens Klinke, Mitglied des Vorstands DEKRA SE und Chefredakteur Bernd Ostmann (v. l. n. r.) (Bild: Thomas Küppers)

Herr Klinke, wie sehen Sie die Rolle von DEKRA, was die aktive und passive Sicherheit betrifft?
Klinke: Wir sind mit unserem DEKRA Automobil Test Center in Klettwitz ganz vorn dabei, wenn es um die Homologation, die Neuzulassung von Fahrzeugtypen geht. Was die periodisch-technische Überwachung betrifft, müssen wir natürlich weiterhin mit den Entwicklungen Schritt halten. Beispielsweise bei der elektromagnetischen Verträglichkeit. Die wird in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen. Wir sind bei DEKRA hier gut aufgestellt, auch dank der Kooperation mit unserem Industriebereich.

Gibt es auch Ansätze, das Prüfwesen in andere Länder zu übertragen?
Klinke: In Deutschland und in Europa haben wir in den letzten Jahrzehnten eine richtige Erfolgsstory geschrieben, was die Reduzierung der Anzahl der Verkehrstoten angeht. Bei wachsendem Fahrzeugbestand und steigender Fahrleistung haben wir unsere Ziele mit Blick auf die Reduzierung der Opferzahlen erreicht. Das hat natürlich viele Ursachen. Die Fahrzeugüberwachung ist dabei aus meiner Sicht einer der wichtigen Faktoren. Natürlich versuchen wir, dieses Thema auch in anderen Ländern voranzubringen, die große Probleme haben. Südafrika ist zum Beispiel so ein Land. Wir versuchen die Regierungen zu überzeugen, wenigstens einen Mindeststandard in Sachen Fahrzeugprüfung einzuführen.

In Deutschland werden mittlerweile auch Assistenzsysteme überprüft?
Klinke: Mitte dieses Jahres gab es in Deutschland den Einstieg in die Prüfung von elektronischen Sicherheitssystemen.

Was prüfen Sie dabei ab?
Klinke: Mit dem so genannten HU- Adapter können wir die sicherheitsrelevanten Assistenzsysteme ansteuern, die im Auto verbaut sind. Dabei prüfen wir den Verbau und die Funktion, dort wo es möglich ist. Einen Airbag zum Beispiel kann man nicht arbeiten lassen — oder höchstens ein Mal. Hier prüfen wir, ob die Airbags eingebaut sind und ob die Zündeinrichtung angesteuert werden kann. Die Beleuchtung und auch Kurvenlicht können wir von außen angesteuert prüfen. Bei anderen Systemen, wie beim adaptiven Bremslicht, zerlegen wir den kompletten Prozess, von der Ansteuerung bis zur Wirkung, in verschiedene Schritte: Durch unterschiedlich simulierte Verzögerungen werden unterschiedliche LEDs zugeschaltet.

Sehen Sie da in Zukunft noch mehr Aufgaben auf DEKRA zukommen?
Klinke: Natürlich wird die Elektronik im Fahrzeug immer bedeutsamer. Wenn elektronische Systeme für mehr Verkehrssicherheit sorgen sollen, müssen wir sicherstellen, dass sie ein ganzes Fahrzeugleben lang einwandfrei arbeiten. Das wird im Rahmen der Hauptuntersuchung geprüft. Da die Anzahl der Assistenzsysteme immer mehr zunimmt, wird das Thema in Zukunft noch wichtiger, keine Frage.

Welchen Anteil wird der zunehmende Einbau von Assistenz-Systemen bei der Verkehrssicherheit und beim Rückgang der Zahl der Verkehrstoten haben?
Klinke: Das ist schwierig zu beantworten. Ich beziehe bei den Assistenten auch die moderne Lichttechnik mit ein. Wenn man alles zusammen rechnet, dann sind 20 Prozent Potenzial sicher
nicht zu hoch gegriffen. Davon bin ich fest überzeugt. Die Prüfung von Assistenz-Systemen wird nur in Deutschland durchgeführt. In den anderen EU-Staaten nicht.

Warum?
Klinke: Die Standards bei der Fahrzeugüberwachung sind insgesamt im Vergleich der EU-Staaten sehr unterschiedlich. Es gibt erste Schritte hin zu einheitlichen Mindeststandards. Aber es ist schon von jeher so gewesen, dass wir in Deutschland Vorreiter waren, und das ist auch beim Thema Prüfung von elektronischen Systemen der Fall. Ich bin froh, dass es in Deutschland gesetzliche Regel ist, dass sicherheitsrelevante Systeme, die einmal im Auto verbaut worden sind, ein Leben lang funktionieren und das bei der HU unter Beweis stellen müssen.

Wie sieht es mit der Sicherheit von Daten aus. Wird sie künftig auch zu Ihrem Prüfumfang gehören?
Klinke: Früher oder später müssen auch Themen wie die elektromagnetische Verträglichkeit oder die Sicherheit der Systeme gegen Manipulation von außen bei der Hauptuntersuchung eine Rolle spielen. Festgelegt wird das am Ende vom Gesetzgeber, aber bei uns stehen diese Themen auf der Agenda.

Sie sammeln bei DEKRA in den unterschiedlichen Bereichen eine Menge Daten. Entwickeln Sie daraus auch neue Geschäftsfelder?
Klinke: Das wird natürlich auch ein Thema für uns werden. Vor allem aber erhoffen wir uns von Daten, die wir sammeln, Aufschluss für eine weitere Verbesserung der Verkehrssicherheit — zum Beispiel durch unsere renommierte Unfallforschung.

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