Bahn frei

Das Zulassungsverfahren für einen neuen Güterwagen auf dem europäischen Schienennetz ist enorm aufwendig. Hersteller Traktsia vertraut bei der Zertifizierung von Fahrzeug und Betrieb auf die Expertise von DEKRA.

(Bild: Thomas Küppers)

(Bild: Thomas Küppers)

Für den pinkfarbenen Drehgestell-Flachgüterwagen der Bauart „Sgmmns“ beginnt das Arbeitsleben im europäischen Schienenverkehr auf einem Abstellgleis des Herstellers Traktsia in Samuil, einem kleinen Städtchen im Nordosten Bulgariens. Traktsia ist eine 1999 gegründete private Aktiengesellschaft, die sich Neubau, Modernisierung, Reparatur und planmäßige Untersuchungen von Güterwagen auf die Fahne schreibt.

Der brandneue Güterwagen ist das erste Modell einer Baureihe, die mit dem Transport von Containern, Coils und Langgut auf der Schiene Karriere machen soll. Noch weist der Lack des Vierachsers keinen Kratzer auf. Selbst der Ladeboden duftet noch nach frischem Kiefernholz. Die in schneeweißen Normbuchstaben ausgeführte Anschrift an den Längsträgern verrät, dass das 21 Tonnen schwere Fahrzeug im Bahnhof Duisburg beheimatet ist. Bevor Traktsia das Ausfahrsignal für den Güterwagen auf Grün stellen
kann, sind jedoch noch einige Formalitäten zu erledigen.

Ein Schritt vor der Genehmigung

„Ein Güterwagen für das konventionelle transeuropäische Eisenbahnnetz muss grundlegende Anforderungen im Hinblick auf technische Kompatibilität, Sicherheit, Zuverlässigkeit, Betriebsbereitschaft und Umweltschutz erfüllen“, erklärt Andreas Schirmer, Leiter der Produktlinie Rail bei DEKRA Industrial International. Eine Lokomotive darf demnach einen Güterwagen erst dann an den Haken nehmen, wenn dieser eine Inbetriebnahmegenehmigung besitzt. Voraussetzung dafür ist ein Prüfverfahren, das mit einer EG-Konformitätsbescheinigung für das Fahrzeug abschließt.

Der pinkfarbene Flachgüterwagen ist nur noch einen kleinen Schritt von der finalen Genehmigung entfernt. Die Zertifizierung für die EGBauartprüfbescheinigung hat er bereits bestanden. Allerdings muss Traktsia auch die Serienproduktion des Güterwagens nach einschlägigen Richtlinien durchführen. Den Nachweis, dass die Bulgaren dazu in der Lage sind, bildet in diesem Fall das EG-Zertifikat zur Zulassung des Qualitätssicherungssystems. Für Pencho Parvanov, den Vorstandsvorsitzenden von Traktsia, haben die bürokratischen Mühen der Konformitätsprüfungen längst ihren Schrecken verloren. „Dank der Zusammenarbeit mit DEKRA können wir uns auf unsere Kernkompetenzen konzentrieren. Wir bauen Eisenbahnwagen und DEKRA führt uns durch den Dschungel des Zulassungsverfahrens“, umschreibt Parvanov die bereits vier Jahre dauernde Geschäftsbeziehung.

Quer durch alle Abteilungen

Für das Zertifizierungsaudit in Samuil hat Andreas Schirmer zwei Tage angesetzt. Zur Seite steht ihm sein Kollege Wolfgang Erler, der als Sachverständiger Rail den Part des Ko-Auditors übernimmt. Bei der Zertifizierung geht es vor allem darum, wie das Unternehmen Abläufe und Prozesse organisiert und dokumentiert. „Wir sehen uns an, welche Steuerungs- und Lenkungsmaßnahmen zur Verfügung stehen, wenn sich im Fertigungsprozess Abweichungen ergeben. In der Konstruktionsabteilung lassen wir uns zeigen, wie die Mitarbeiter konstruktive Änderungen an den Fahrzeugen an die technologische Abteilung weitergeben“, beschreibt Schirmer die Aufgabe.

Das Audit führt die DEKRA Prüfer quer durch sämtliche Abteilungen des Werks. Sie statten Einkauf, Wareneingang und Lager ebenso einen Besuch ab wie Logistik, Produktdokumentation und Personalbeschaffung. In der Produktion lässt sich Schirmer von den Schweißern den Schweißpass zeigen, an der Roboterschweißanlage überprüft er eine Schweißanweisung, die dem Maschinenbediener Stromstärken, Spannung, den Vorschub der Anlage und die Schweiß-Zusatzstoffe vorschreibt. Die letzte Station des Audits führt die Prüfer zum pinkfarbenen Flachgüterwagen auf dem Abstellgleis. An dieser Stelle geht es darum, wie die Mitarbeiter der Qualitätssicherung dem Kunden das Fahrzeug bei der Endabnahme präsentieren.

Zurück nach Duisburg

Das Protokoll sieht zum Beispiel eine Sichtprüfung vor, die mögliche Mängel aufdecken soll. Auch eine Funktionsprüfung von Anbauteilen wie Bremse, Handbremse und Containerzapfen ist vorgesehen. Zu guter Letzt lässt sich Schirmer die Dokumente und Listen zum Fahrzeug vorlegen. Sein eigener Prüfbericht wird später bestätigen, dass Traktsia alle Voraussetzungen für die Zertifizierung erfüllt. Jetzt kann das Unternehmen beim Eisenbahn-Bundesamt eine EG-Konformitätserklärung abgeben und die Inbetriebnahme für den Güterwagen beantragen. Dann beginnt für das pinkfarbene Fahrzeug die Reise in den Heimatbahnhof Duisburg. Dort warten schon die Güterlokomotiven.

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