Chefsessel im Stresstest

Einer der ersten Kunden im neuen DEKRA Möbelprüflabor in Stuttgart ist der Luxusmöbelhersteller Walter Knoll. Für die Wohnlandschaften und Büroausstattungen des traditionsreichen Unternehmens gelten höchste Qualitätsansprüche.

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Ein Bürostuhl muss in seiner Nutzungszeit einiges aushalten. (Symbolbild: Mel/Flickr/CC BY 2.0)

In der Näherei der Firma Walter Knoll in Herrenberg ist Leder der Blickfang. Riesige Rinderhäute in Hülle und Fülle, geschmeidig gehalten durch Luftbefeuchter an der Decke. In vielen Optiken und Farbtönen werden sie hier zu Möbelbezügen. Auch ganze Tischplatten lassen sich mit Leder gestalten. Und der Leadchair, ein Drehstuhl der Extraklasse. Ein Chefsessel, der mit 2.000 bis 3.000 Euro manchen Nicht-Chef ein Monatsgehalt
kosten würde.

Fünf Jahre hat seine Entwicklung gedauert. Fünf Jahre für einen einzigen Stuhl? „Ja, ein Drehstuhl ist die Königsdisziplin“, sagt Markus Benz, der 52-jährige Gesellschafter und Vorstand, „das ist anspruchsvoller Maschinenbau verbunden mit höchster Ästhetik.“ Der Prozess, in dem Design und Technik zu einer vollendeten Einheit reifen, braucht Zeit. Der Betrachter soll schließlich möglichst wenig von der Technik sehen.

International renommierte Architekten und Designer wie Sir Norman Foster und Ben van Berkel entwerfen die Möbel der Marke Walter Knoll. Der Leadchair stammt vom Wiener Team EOOS. Gefertigt wird in eigenen Betrieben in Herrenberg und im nahe gelegenen Mötzingen sowie bei Zulieferern in Süddeutschland und Norditalien.

Anspruchsvolle Kunden auf allen Kontinenten

Die Walter Knoll AG & Co. KG hat den Berliner Reichstag ausgestattet, den Bundesrat, den Hearst Tower in New York, weltweit Luxushotels, Flughäfen, Banken. Auch die Einrichtung der neuen Europäischen Zentralbank in Frankfurt wird aus Herrenberg kommen. Mit Produkten für den Büroeinrichtungsmarkt macht Walter Knoll 60 Prozent seines Umsatzes von insgesamt 80 Millionen Euro, den Rest mit Wohnmöbeln. Tische, Stühle, Sofas, Sessel bis hin zu kompletten Konferenzanlagen gehen von hier aus zu anspruchsvollsten Kunden auf alle Kontinente.

Das Design von Walter Knoll soll edle Leichtigkeit vermitteln. Zudem muss selbst das filigranste Möbelstück höchsten Ansprüchen im Gebrauch genügen. „Stühle sind deshalb immer kritisch“, sagt der Firmenchef, „man versucht, die technischen Möglichkeiten auszureizen. Dabei stößt man oft an die Grenzen des Materials.“ Damit diese Grenzen nicht überschritten werden, gibt es im Laufe der Entwicklung eines Stuhls viele Prüfungen im eigenen Testlabor. Bei neuartigen Konstruktionen können es schon auch einmal 30 Durchläufe sein, erklärt Benz.

Die Testperson wiegt 110 Kilogramm

Zusätzlich lässt Walter Knoll die Möbel in einer unabhängigen Einrichtung prüfen. Seit Mitte des vergangenen Jahres ist das unweit von Herrenberg möglich, im neuen Möbelprüflabor bei DEKRA in Stuttgart. Acht Prüfstände erlauben hier Tests nach 26 europäischen Normen. Kernkompetenz ist die Vergabe des GS-Zeichens für Geprüfte Sicherheit oder des DEKRA Siegels für Möbel. „Geprüfte Sicherheit ist für uns von existenzieller Bedeutung“, sagt Benz. Bei allen öffentlichen Ausschreibungen ist das GS-Zeichen Voraussetzung.

In Stuttgart fährt der Leadchair zum Beispiel 36.000 Mal mit 110 Kilogramm Gewicht über eine Bodenschwelle. Das geschieht am Linearprüfstand. Die 110 Kilo stehen für eine Testperson. So viel Gewicht muss ein geprüfter Stuhl dauerhaft verkraften. Auf dem Biege-Wechsel-Prüfstand wird 50.000 Mal das Hineinsetzen eines ebenso schweren Körpers in einen Stuhl simuliert. Hier wird auch die Rückenlehne getestet. Die Anforderung an ein Produkt im Prüfstand formuliert Werner Leistner, Vertriebsleiter der DEKRA Testing & Certification GmbH, ganz einfach: „Wenn es nicht zusammenbricht – dann ist es gut.“

Auch vorhersehbarer Missbrauch wird simuliert

Ralf Blum ist Teamleiter für die Möbelprüfungen im DEKRA Labor. Der Ingenieur kam direkt aus der Möbelindustrie zur Sachverständigenorganisation. In Arbeitskreisen der Gütegemeinschaft Möbel hat er zum Beispiel am Blauen Engel für Polstermöbel mitgewirkt. Er findet: „Die Möbelprüfung in Deutschland ist gedanklich sehr weit.“ Er meint damit, dass sogar Situationen durchgespielt werden, die von einem normalen Stuhl eigentlich gar nicht verlangt werden müssten. Stuhlkippeln zum Beispiel. Blum nennt das „vorhersehbaren Missbrauch“. Dafür gibt es eigens einen Kipp-Fall-Prüfstand. Die Ausstattung des Labors erlaubt Tests unterschiedlichster Möbel und technisch ähnlicher Produkte, vom Kindergitterbett bis zum Einkaufswagen. Die Zielgruppe sieht Vertriebsleiter Leistner bei deutschen und zentraleuropäischen Herstellern.

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