Managerin, Macht, Motoren

Mit einem Klischee hat Mary Barra schon aufgeräumt. Seit sie General Motors lenkt, ist Autobauen keine reine Männersache mehr. Jetzt will sie beweisen, dass die Amerikaner genauso gute Autos bauen können wie die Deutschen.

(Bild: General Motors)

Mitte April 2014 stellt Mary Barra, die Vorstandsvorsitzende von General Motors, in New York den neuen Chevrolet Trax, einen Kompakt-SUV, vor. (Bild: General Motors)

Am 8. Juni 2009 verschwindet an der Wall Street eine Legende der Automobilgeschichte von der Bildfläche. Nach über 100 Jahren gehört General Motors nicht länger zur Liste der US-Unternehmen, die den Aktienindex Dow Jones bestimmen. Der zweitgrößte Autohersteller der Welt, der mit seinen Marken Cadillac, Pontiac, Oldsmobile, GMC, Buick, Chevrolet und Opel Industriegeschichte geschrieben hat, ist pleite.

Doch das Ende ist zugleich das Datum der Wiedergeburt. Die Regierung stellt 51 Milliarden Dollar bereit, um den endgültigen Untergang des Autoriesen zu verhindern. Jetzt geht es darum, den Konzern rigoros  umzustrukturieren und dafür holt sich Vorstandschef Daniel Akerson eines seiner größten Talente an die Seite. Er beruft die Elektrotechnikerin Mary Barra in den Vorstand, die, seit 28 Jahren im Unternehmen, eine der Schlüsselpositionen bei der Neu ausrichtung übernehmen soll. „Dass General Motors schon bald wieder Gewinne einfuhr, war nicht zuletzt Marys Verdienst“, sagt Akerson, als er seinen Posten im Januar 2014 an Barra übergibt.

Die Autoindustrie bestimmt das Leben der Menschen

In Amerikas gigantischer Autometropole Detroit bestimmen seit Generationen General Motors, Ford und Chrysler das Leben der Menschen. Damit erklärt Mary Barra auch ihre Leidenschaft für Autos. Sie sei schon als Autonarr  Neuauf die Welt gekommen, sagt sie. „Wahrscheinlich ganz einfach deswegen, weil mein Vater sein Leben lang bei Pontiac in der Produktion gearbeitet hat.“ Und Autos waren für sie stets mehr als schöne rote Flitzer. Sie will Autos auseinandernehmen, sie bis ins kleinste Detail verstehen. Dass sie später einmal als Technikerin bei GM arbeiten würde, steht für sie daher schon als Teenager fest. Mit ihrer Liebe zum Auto und einer geradezu stählernen Entschlossenheit sich durchzusetzen, verfolgt Mary Barra ihre Karriere, absolviert an der Stanford Universität nebenbei noch ein Managementstudium und zieht gleichzeitig zwei Kinder groß.

Als Mary Barra 2009 den Vorstand verstärkt, führt sie als Personalchefin eine vollkommen neue Unternehmenskultur ein. In der Männer- und Motorenwelt von GM herrschen bis dahin strenge Hierarchien und ein bisweilen barscher Umgangston. Barra dagegen besteht auf Kommunikationund Konsens. Für sie ist das Unternehmen wie eine Familie, „die nur als Einheit stark und erfolgreich sein kann“. Mit ihrer ausgleichenden Art gelingt es ihr auch, die Modellpolitik von GM neu auszurichten. Sie streicht die Zahl der Baureihen zusammen, um Kosten zu sparen.

Barra läutete eine Trendwende ein

Anstatt dieselben bulligen Machokarossen mit noch mehr PS zu produzieren, folgt sie dem Wunsch der Kunden und setzt auf technische Erneuerung und erstklassige Qualität. GM entwickelt ein Elektroauto und den Chevrolet Sonic, eine USVersion des VW Golf. Vieles spricht dafür, dass Mary Barra gerade eine bedeutende Trendwende in der amerikanischen Autobranche einleitet. Die Autos, die in den letzten 50 Jahren in Detroit vom Band rollten, verkörperten keine hochwertigen Konsumprodukte, sondern waren Vehikel des „amerikanischen Traums“. Ob Pick-up Truck, Mustang, Chevrolet oder Cadillac, US-Autos standen für das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Mary Barra ist die erste amerikanische Automanagerin, für die Innovation und Qualitätsstandards mindestens so wichtig sind wie der richtige Werbeslogan. Um das zu unterstreichen, fliegt die frisch ernannte Vorstandsvorsitzende im Januar 2014 als Erstes zu Opel nach Deutschland und verspricht den 3.300 Mitarbeitern der angeschlagenen GMTochter ihre volle Rückendeckung. Nicht zuletzt wegen Opels technischer Überlegenheit werde die Marke ein wichtiger Bestandteil des Konzerns bleiben.

Barra genießt das Vertrauen der Investoren

Dass sie General Motors auf die richtige Fahrspur gebracht hat, bestätigt sich nicht zuletzt bei der ersten großen Bewährungsprobe, die Barra als Chefin zu bestehen hat. Ein fehlerhaftes Zündschloss von GM soll zu einer Reihe von tödlichen Verkehrsunfällen geführt haben. Doch trotz des Wissens um dieses Problem verheimlichten GM-Manager den Fall, statt eine Rückrufaktion zu starten. Barra stellt sich den Vorwürfen und übernimmt die volle  Verantwortung. Damit ist die Sache zwar keinesfalls ausgestanden, doch an der Wall Street steht die Aktie von General Motors hoch im Kurs. Investoren vertrauen Mary Barra, denn die Absatzentwicklung ist positiv und bei einem Vorsteuergewinn von sieben Milliarden Dollar konnte der Autokonzern im letzten Jahr erstmals seit 2008 wieder eine Dividende auszahlen.

Während sie General Motors komplett umkrempelt, hat sie in ihrem eigenen Leben nichts verändert. Zwar bekommt sie nun ein Jahresgehalt von rund fünf Millionen Dollar, doch aus ihrem unauffälligen Einfamilienhaus mit Doppelgarage will die vierköpfige Familie nicht ausziehen. Und wenn Barra Entspannung sucht, fährt sie mit ihrer Corvette spazieren und genießt einfach das Dröhnen des Motors.

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