Wegweisende Rettung

Das Düsseldorfer Betriebsgelände der Firma Henkel stellt die Werkfeuerwehr vor besondere Herausforderungen und beansprucht im Ernstfall die ganze Aufmerksamkeit der Löschfahrzeugfahrer. DEKRA war mit dem mobilen Fahrsimulator vor Ort.

(Bild: Wiciok)

Das Cockpit des Fahrsimulators wirkt täuschend echt. (Bild: Wiciok)

Die Lkw-Kabine rüttelt und ächzt. Der Motor heult unter dem Fahrersitz. Doch alles ist simuliert. Ein elektronisch und hydraulisch betätigtes System bewegt das Fahrerhaus des DEKRA Fahrsimulators fast realistisch. Die Windschutzscheibe und die Seitenfenster sind Projektionsflächen, auch die Spiegel nur eine Grafik. Im Innern steuert Feuerwehrmann Patrick Tetard sein digitales Löschfahrzeug über eine Autobahn, die künstliche Sonne scheint in das Führerhaus. Blaulicht und Martinshorn begleiten Tetard bei seiner zügigen Fahrt. Irgendwo brennt es. „Vorsicht, Stauende“, hallt es aus einem Lautsprecher. Instruktor Thorsten Straube sitzt draußen in der Ausbilderstation des Simulators und gibt unterstützende Hinweise.

Der Fahrer bremst das schwere Gefährt langsam ab, hält sich in der Mitte der zweispurigen Autobahn und hofft auf die Rettungsgasse. Wie in Zeitlupe fahren die Autos an die Seite, verzetteln sich, bleiben stehen, wirken konfus. „Das ist wie im richtigen Leben“, zeigt sich Tetard beeindruckt und peilt die Rettungsgasse an. Die Grafiken in den Monitoren wechseln: Schlagartig verschwindet die Sonne hinter den Wolken, es beginnt zu regnen, Blitze zucken vom Himmel. Tetard schaut in die Spiegel: Rechts und links seines 26 Tonnen schweren Gefährts ist nur wenig Platz. „Eigentlich kommt eine Überlandfahrt bei der Werkfeuerwehr Henkel nicht vor“, sagt der erfahrene Düsseldorfer Feuerwehrmann. „Aber diese Schulung ist unverzichtbar.“ Seine Fahreinheit ist beendet. Er klettert aus der Kabine, geht die drei Stufen in den Computerraum hoch. Manöverkritik mit DEKRA Instruktor Straube.

Fünf Tage für 80 Feuerwehrleute

Die Ausbilderstation samt Fahrsimulator und Schulungsraum passt in den Auflieger des DEKRA Trucks. Der steht für fünf Tage auf dem Gelände der Firma Henkel. „Um alle 80 Feuerwehrleute im Fahrsimulator zu schulen, brauchen wir diese Zeit. Mit Blick auf Urlaub, Schichtdienste oder sonstige Verschiebungen ist ein längerer Einsatz notwendig“, sagt Ulrich Haschke, Ausbildungsleiter der Werkfeuerwehr. Er ist froh, diese Schulungsmöglichkeit zu haben. Die Weiterbildung der Feuerwehrmänner und die Ausbildung des Nachwuchses zum Werkfeuerwehrmann orientieren sich an den Lehrplänen der Landesfeuerwehrschule Nordrhein-Westfalen. „Fahrsicherheitstraining ist dabei ein wichtiger Bestandteil“, weiß Haschke.

Im Jahr 2012 kam der Kontakt zwischen DEKRA und der Werkfeuerwehr zustande. „Am ‚Tag der Logistik‘ präsentierte DEKRA den Fahrsimulator. Der ist für die Darstellung von Sondersignalfahrten der Einzige seiner Art in Deutschland“, sagt DEKRA Vertriebskoordinator Marco Köchling. Der Werkfeuerwehr Henkel kam das Angebot entgegen, zumal das Betriebsgelände mit besonderen Herausforderungen aufwartet: enge, verwinkelte Straßen, Gleise, Fahrbahnunebenheiten oder Kopfsteinpflaster. Da könne schon das Rangieren schnell zu einer besonderen Aufgabe werden, bestätigt Haschke. „Leider können wir unter diesen realen Bedingungen nicht trainieren. Das Risiko ist einfach zu groß.“ So ein Löschfahrzeug mit einem wilden Manöver auf die Seite zu legen könnte schnell einen Schaden von mehreren hunderttausend Euro verursachen. „Sollte uns das im Simulator passieren“, sagt Köchling und lacht, „dann stellen wir das Fahrzeug mit einem Mausklick einfach wieder auf.“

Zeitziel: Drei Minuten

Reinhard Buchsdrücker zeigt sich beeindruckt von der Disziplin der Düsseldorfer Teilnehmer, die er jeweils im Nebenraum vor der Simulationsfahrt schult. „Den Profis ist bewusst, dass sie dieses Training brauchen. Denn mit einem 26 Tonnen schweren Fahrzeug durch das Gelände zu kommen bedeutet mit Bedacht, aber zügig zu fahren. Zumal die Vorgabe klar definiert ist: Innerhalb von drei Minuten müssen sie an jedem Einsatzort auf dem Gelände sein“, sagt der DEKRA Projektleiter Fahrsimulation. Dabei überfahren die Feuerwehrleute starke Bodenwellen oder Gleise. Zwar lassen sich dank elektronischer Helferlein die modernen Löschfahrzeuge wie Personenkraftwagen bedienen und fahren, doch vier Tonnen Kabine auf der Vorderachse und 22 Tonnen auf den Hinterachsen bedürfen eines angemessenen Fahrstils.

„Zudem ist der Wagenlenker nicht alleine an Bord. Das vermitteln wir in der ergänzenden theoretischen Schulung. Wir informieren über Ausmaße und Gewichte der modernen Feuerwehrautos“, sagt Buchsdrücker. Er war selbst Mitglied der freiwilligen Feuerwehr und weiß, dass man zum Beispiel als Fahrzeugführer unter Anspannung gerne bisweilen vergisst, dass noch eine Drehleiter auf dem Dach mitfährt. „Gerade in so engen Bereichen wie einem Werkgelände ist die Gefahr groß, schnell einmal irgendwo hängen zu bleiben!“ Darum schicken die DEKRA Experten die Feuerwehrleute immer und immer wieder durch enge digitale Straßen. Bis alles sitzt. Und wenn es richtig knifflig werden soll, simulieren die DEKRA Experten auch gerne kurzerhand einen rennenden Hund auf der Fahrbahn. Virtuell ist eben vieles möglich.

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