Digitaler Wandel bringt eine Fülle neuer Aufgaben

Ivo Rauh, Mitglied des Vorstands DEKRA SE und Leiter der Business Unit Industrial, über die neuen Herausforderungen an die Sachverständigenorganisation, die ein digitaler Wandel in der Industrie mit sich bringt.

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Ivo Rauh, Mitglied des Vorstands DEKRA SE, über den digitalen Wandel in der Industrie. (Bild: DEKRA)

Die Begriffe Industrie 4.0 oder Arbeit 4.0 sind momentan in aller Munde. Welche Rolle spielt DEKRA in diesem Feld?
Industrie 4.0 ist ein sehr deutscher Begriff. International wird von Connectivity und dem Internet der Dinge als der Möglichkeit, alles miteinander zu vernetzen, gesprochen. Diese Entwicklung wird einen großen Einfluss auf unser tägliches Leben haben, sodass wir uns als Dienstleister nicht verschließen können. Für uns als neutrale Prüforganisation wird es auf jeden Fall eine Fülle neuer Aufgaben geben.

Wo sehen Sie sich in der Rolle des Vordenkers?
Wir haben mehrere Bereiche, in denen wir Vordenker sind und uns mit Zukäufen und Know-how verstärken: Im Fokus stehen Fragen der Vernetzung im Bereich der drahtlosen Kommunikation. Das betrifft das Automobil, Konsumgüter und die organisatorische und technische Sicherheit von Industrieanlagen. Die Gründerväter von DEKRA haben vor 90 Jahren den Auftrag Sicherheit in der Satzung festgeschrieben, den wir an die technische Entwicklung anpassen.

Ein neues Thema, in dem DEKRA aktiv wird, ist unter anderem die Cyber Security. Welche Rolle spielen Sie dort?
Hier geht es darum, dass Maschinen und Elemente, auch wenn sie im Verbund vernetzt sind, tatsächlich so funktionieren, wie sie funktionieren sollen. Wir wollen sicherstellen, dass Maschinen und Komponenten über sichere Schnittstellen richtig miteinander kommunizieren.

Welche konkreten Aktivitäten gibt es bereits?
DEKRA baut derzeit das Serviceportfolio gezielt aus. Wir sind beispielsweise der weltweit erste akkreditierte Partner für die Sicherheitszertifizierung „Achilles“ von Wurldtech, einem Spezialunternehmen für Computer- und Netzsicherheit, das zum GE-Konzern gehört.

Sie sind im Prüfwesen zu Hause. Wie wird Industrie 4.0 die Rolle des Prüfingenieurs verändern?
Auf den Prüfingenieur werden neue Aufgaben zukommen. Es wird eine Entwicklung zu mehr Fernüberwachung geben. Aber alles der Fernüberwachung zu überlassen halte ich für gefährlich. Es wird immer Produkte geben, die der Experte konkret anfassen und vor Ort prüfen muss.

Maschinen sollen sich in Zukunft selbst überwachen, sogar kleinere Reparaturen selbst übernehmen. Sehen Sie da eine Gefahr für Ihr Prüfwesen?
Selbstlernende Systeme sind bis zu einem gewissen Grad sehr effizienzsteigernd. Nur müssen wir sicherstellen, dass sie den Sicherheitsstandards auch genügen. Sich komplett darauf zu verlassen, dass sich eine Maschine selbst wartet oder prüft, wird so nicht kommen. Die Nachfrage nach Inspektionen durch eine unabhängige Organisation – die sogenannte Third Party – wird nicht weniger, sondern meines Erachtens tendenziell mehr.

DEKRA setzt bereits seit Längerem Prüfroboter ein. Ist das ein Feld, das Sie ausbauen werden?
Wir setzen in der Tat im Bereich der Materialprüfung und Inspektion zunehmend hochmoderne Prüfroboter ein und erschließen neue Aufgabenfelder. Einerseits geht es darum, dass keine Menschen mehr in potenziell gefährlichen Umgebungen prüfen müssen. Andererseits sind automatisierte Inspektionen manchmal schneller und effizienter und verringern so die Stillstandszeiten beim Kunden. Unser Wettbewerbsvorteil: Wir entwickeln die Roboter für diese sehr speziellen Aufgaben weitgehend selbst.

Welche Rolle werden Roboter künftig einnehmen?
Die Robotik wird sehr stark an Fahrt gewinnen. Industrieroboter sind bereits flächendeckend im Einsatz. Wir sind gefragt, wenn es darum geht, Rahmenbedingungen zu schaffen, die sicherstellen, dass keine Mitarbeiter und Investitionen gefährdet werden. Wir sehen zudem, dass Roboter im privaten Bereich immer häufiger genutzt werden. Auch für diese Anwendungen wird eine Produktprüfung oder eine Art „Hauptuntersuchung“ nötig werden. Dort entstehen viele Aufgaben.

Was bedeutet das Internet der Dinge für die Internationalisierung Ihrer Organisation?
Der Industriebereich ist bei DEKRA bereits die internationalste Business Unit. Rund 80 Prozent der Mitarbeiter arbeiten außerhalb Deutschlands. Das Internet der Dinge wird sicher zu mehr Wachstum führen. Wir müssen dort sein, wo sich das meiste Geschäft bewegt und wohin unsere Kunden gehen: Das sind neben Europa eben Asien – insbesondere China, Taiwan, Korea und Japan – sowie Nordamerika.

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