Maschinenbau trifft Netzwelt

Bei Grüner Systemtechnik ist digitalisierte Arbeitsproduktion Programm: physische Produktion und virtuelle Datenwelt sorgen für perfekte Qualitätssicherung.

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Die digitalisierte Arbeitsproduktion erlaubt eine lückenlose Überprüfung von Maschinen und Produkten. (Bild: DEKRA)

Seit knapp 40 Jahren dem Standort Deutschland treu, mit gesundem Wachstum und durch eigene technische Innovationen dem Puls der Zeit immer einen Schlag voraus – das funktioniert, wie die Grüner Systemtechnik GmbH aus Baden-Württemberg zeigt. Wobei der Hightech-Betrieb selbst verständlicherweise meist nicht sehr zeigefreudig ist. Nur selten sind Dritte in den Werkshallen anzutreffen und schon gar nicht dürfen diese ihre Nase in die Details der Technik und der Prozesse stecken. Doch für DEKRA solutions machten die Schwaben eine Ausnahme.

Das eigene Know-how ist das streng gehütete Geheimnis des Erfolgs und Fixpunkt in der Strategie des Familienunternehmens, das 1979 als kleiner Maschinenbaubetrieb anfing und inzwischen ein international anerkannter Produzent von Zulieferteilen für die Automobilindustrie ist. Einen Außenstehenden, der bei Grüner allerdings alles sehen und seine Nase überall hineinstecken darf, gibt es dennoch: Michael Stellwag ist Experte bei DEKRA Certification für den Bereich Industrie und Automotive. Er nimmt den neuesten Grüner-Standort in Merklingen auf der Schwäbischen Alb in Sachen Qualitätsmanagement genauestens unter die Lupe. Nach erfolgreich bestandenem Audit gibt er die Empfehlung für das entsprechende Zertifikat nach ISO/TS 16949, über das auch die anderen Werke in Bad-Überkingen/Hausen und im thüringischen Hildburghausen verfügen.

Mit insgesamt fast 900 Beschäftigten entwickeln, konstruieren, bauen und programmieren die Schwaben ihre wichtigsten Maschinen komplett selbst. Darunter die Bearbeitungszentren, die Hochdruckentgrat- und Waschanlagen. Auch die Betriebsmittel von den Spezialwerkzeugen bis hin zur Steuerungssoftware sind „made by Grüner“. Wie kann so etwas heutzutage wettbewerbsfähig sein? „Mainstream ist es sicher nicht“, lächelt Dietmar Biegert, der Leiter der Qualitätssicherung bei Grüner. „Die Technik, die in unseren Maschinen steckt, erlaubt uns aber, effizienter zu produzieren.“ Wie man so einen Vorteil entwickelt und vor allem, wie man ihn technisch umsetzt, das hat sich Grüner selbst erarbeitet.

Alles wird geprüft

Seit knapp über zehn Jahren verkauft der Maschinenbaubereich des Unternehmens seine Produkte nicht mehr, sondern ist ausschließlich für den eigenen Bedarf zuständig. Das Audit zum Qualitätsmanagement mit der Durchleuchtung aller Abteilungen der neuen Fertigungs- und Produktionsstätte dauert zwei Tage inklusive Begutachtung der Nachtschicht. Jeder Abteilungs- und Bereichsleiter muss Michael Stellwag Rapport ablegen. Dicke Ordner mit analoger Dokumentation werden gewälzt, unzählige Bildschirmseiten mit Digitalem durchgeklickt, alles wird besprochen und analysiert. Ergänzt von der ausführlichen Prüfung aller Abläufe und Schnittstellen in Wareneingang, Fertigung, Endmontage und -kontrolle, Prüflabor und, und, und. Ganz schön aufwendig, oder?

„Das mag sein, aber es geht nicht nur darum, ein Papier mit Stempel für unsere Kunden zu haben, dass wir hier nach ihrem Standard arbeiten“, erklärt Dietmar Biegert, „vielmehr möchten wir für uns sicher sein, dass unsere analogen und digitalen Prozesse, die wir übrigens auch selbst ständig überwachen und optimieren, so sind, dass am Ende das herauskommt, was der Kunde haben will.“ Denn so lassen sich unnötige Folgekosten minimieren, die heute beim Wettbewerb am Markt eine nicht zu verachtende Rolle spielen. Sämtliche Qualitätsüberwachungsmechanismen im Detail online zu dokumentieren und nachvollziehbar zu machen ist ein wesentlicher Punkt.

In Merklingen laufen seit September 2014 Motorenteile, Getriebegehäuse, Lenkgetriebegehäuse sowie verschiedene Strukturteile durch die großen vollautomatischen Bearbeitungszentren. Aluminium oder Magnesium sind die gängigen Materialien. Gerade hängen Getriebegehäuserohlinge für Pkw auf den Werkstückträgern, die die Mitarbeiter an den Umlaufbändern bereitstellen. Ob das Teil, das sie sich greift, das richtige ist und zum eingestellten Programm der Bohrer, Schneiden und Fräsen passt, erkennt die Maschine am Code auf Gehäuse und Träger. Von der Bearbeitung selbst ist durch das seitliche Sichtfenster nicht viel zu erkennen, denn Werkstück und wechselnde Werkzeuge verschwinden im Bearbeitungsraum. Aber das hochmoderne Datenerfassungssystem, mit dem die Maschine verbunden ist, protokolliert jeden Arbeitsschritt, jede mögliche Unregelmäßigkeit, einfach alles, was während der Bearbeitung mit dem Werkstück passiert.

Lückenlose Aufzeichnung

Den Mitarbeitern in der Abteilung Betriebsmittel signalisiert sie überdies, wenn ein Werkzeug demnächst verschlissen sein wird. Sollte eines beschädigt sein, stoppt sie selbstständig und schlägt Alarm. Das gilt für alle Bearbeitungszentren, die in Merklingen im Dreischichtbetrieb laufen. Aber nicht nur die Fertigung produziert neben Autoteilen auch Datenkolonnen, nein, alle anderen Abteilungen speisen ihrerseits sämtliche ermittelten Informationen in die zentrale Erfassung ein, zum Beispiel Messergebnisse von Stichproben, den Werkzeugbestand oder die Dichtigkeitsprüfprotokolle in der Endabnahme. Kommunikation und Datentransparenz rundum also. Die beginnen am Wareneingang und hören erst auf, wenn das Bauteil beim Kunden auf dem Montageband landet und dessen System sämtliche Infos direkt übernehmen kann.

Jedes Stück hat seine Historie, die für Grüner bis zur Stunde null in der Gießerei nachvollziehbar ist. Die Vernetzung von Lieferanten, Logistik, Maschinen, Bearbeitung und Qualitätskontrolle und die Bereitstellung der Aufzeichnungen online für alle Bereiche im Betrieb, für die zentrale Verwaltung im Stammsitz in Hausen und letztendlich auch für den Kunden – Industrie 4.0 live. Was lässt sich in einem hochmodernen Betrieb noch verbessern? „Wir denken darüber nach, wie wir bereits vor der Bearbeitung noch effizienter sein können“, sagt Dietmar Biegert, „aber mehr verrate ich noch nicht.“ Das Ergebnis kann sich Auditor Stellwag sicher anschauen, wenn er bei der jährlichen Überprüfung des Zertifikats oder 2018 zur Rezertifizierung mal wieder seine Nase bei Grüner reinstecken darf.

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