„Es geht um Gerechtigkeitssinn, aber auch Loyalität“

FIFA-Weltschiedsrichterin Bibiana Steinhaus trifft DEKRA Schadengutachterin Monique Kordes. Ein Gespräch über Sicherheit im Fußball und Straßenverkehr, Fairness und Sachverstand in einer Männerdomäne.

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Bibiana Steinhaus (links) ist Schiedsrichterin im deutschen Profifußball. Sie leitet Spiele in der 2. Bundesliga, der 3. Liga und im DFB-Pokal. Monique Kordes (rechts) ist Schadengutachterin bei DEKRA in Hannover. Sie ist spezialisiert auf Motor- /Aggregateschäden. (Bild: Andre Germar/DEKRA)

Fußball ist Volkssport Nummer eins in Deutschland. Im Fußball passieren ein Drittel aller Sportunfälle. Was hat der Beruf des Schiedsrichters mit Sicherheit zu tun?
Steinhaus: Fußball bewegt die Welt wie keine andere Sportart. Gerade in Deutschland ist Fußball die Sportart Nummer eins. Im Zuständigkeitsbereich des DFB finden am Wochenende circa 80.000 Spiele statt, die von Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern geleitet werden. Ihre Aufgabe besteht unter anderem auch darin die Gesundheit der Spieler zu schützen.

Was trägt der Beruf der Kfz-Gutachterin zur Sicherheit bei?
Kordes: Sobald wir einen Schaden besichtigt haben, sind wir verantwortlich das Fahrzeug auf Verkehrstüchtigkeit, Verkehrssicherheit zu überprüfen, um andere Verkehrsteilnehmer im Nachhinein nicht zu gefährden. Das ist ein wichtiger Aspekt.

Neutralität, Sachverstand und Unabhängigkeit, das sind Kernwerte des Wirkens bei DEKRA und auch die eines Schiedsrichters. Würden Sie dem noch weitere Attribute anfügen?
Steinhaus: Ja, denn sowohl die Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter als auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von DEKRA stehen für Souveränität, Transparenz und Professionalität. Werte und Normen, die über das reine Einhalten von Regeln hinausgehen und das gesellschaftliche Miteinander beschreiben – auch den Umgang im sportlichen Wettkampf. Dazu kommen Gerechtigkeitssinn, Durchsetzungsvermögen, Empathie, Diplomatie, Loyalität, Neutralität, Objektivität und natürlich auch die Einhaltung von Fair Play.

Diese drei Kernwerte – Neutralität, Sachverstand und Unabhängigkeit – gelten für Ihr Wirken bei DEKRA, wo sehen Sie weitere Attribute?
Kordes: Ganz wichtig ist, in diesem Beruf selbstsicher zu sein. Dass man zu den Entscheidungen, die man getroffen hat, steht und sich nicht von äußeren Einflüssen lenken lässt. Diplomatie gehört in einem gewissen Maß auch dazu. Man muss natürlich sehen, dass man, gerade im Schadenbereich, mit den Parteien spricht.

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Im Fernsehen wird oft über Regelkunde und -anwendung geurteilt. Wie schafft es ein Schiedsrichter all das Wissen und diese Entscheidungskompetenz in so kurzer Zeit am Ort des Geschehens abzurufen?
Steinhaus: Genau darin besteht die Herausforderung: Aufgrund meiner Fachkenntnisse, die ich mir angeeignet habe, meiner Erfahrungen, die ich gesammelt habe, aufgrund meiner Wahrnehmung und der Beratung mit meinem Team ist es mir möglich, eine belastbare Entscheidung zu treffen. Und diese Entscheidung dann nach außen zu kommunizieren. Nicht nur verbal gegenüber den Beteiligten auf dem Feld, sondern auch durch meine Körpersprache gegenüber den Zuschauern Transparenz herzustellen: Warum wurde so entschieden und nicht anders? Ich kann mir vorstellen, dass dieses Vorgehen Ähnlichkeiten mit der Vorgehensweise bei der Bewertung eines Objektes hat.

Kordes: Ich bin auch der Auffassung, dass es viele Parallelen in unseren Berufen gibt. Auch wir Gutachter müssen in der Lage sein, während der Besichtigung am Fahrzeug und des gesamten Umfeldes eine sofortige Einschätzung des Schadens und der Sachlage durchzuführen. Wir haben die Vorteile, dass unsere Objekte sich in der Regel zur Besichtigung nicht bewegen und wir einzelne Details nach der Besichtigung mit unserem Team besprechen können. Die erste Einschätzung am Fahrzeug ist jedoch immer maßgeblich.

Der DFB überlegt den Videobeweis einzuführen. Inzwischen haben Millionen Zuschauer mehr Möglichkeiten, Ihre Entscheidungen zu beurteilen. Wo sehen Sie persönlich Vor- und Nachteile des Videobeweises?
Steinhaus: Ich bin offen für technische Hilfsmittel bei allem, was uns in der Frage weiterhilft, am Ende des Tages die korrekte Entscheidung zu treffen. Die Torlinientechnologie wurde mittlerweile erfolgreich in der Bundesliga eingeführt und ich begrüße diese Unterstützung sehr. Sie nimmt den Entscheidungsdruck. Wie die genaue Einführung des Videobeweises tatsächlich ausgestaltet werden soll, ist mir zum heutigen Zeitpunkt noch nicht bekannt.

Das klingt nach einer Prise Skepsis?
Steinhaus: Wie gesagt, ich bin technischem Fortschritt grundsätzlich nicht abgeneigt, gebe aber zu bedenken: Wo fängt der Videobeweis an und wo hört er auf? Wann ist es einer Mannschaft gestattet, auf den Videobeweis zu gucken und die Bewertung der TV-Bilder einzufordern? Könnte der Videobeweis unter Umständen so als taktisches Hilfsmittel genutzt werden? Die inhaltliche Ausgestaltung ist hier sicher von massiver Bedeutung.

„Frau Kordes, wann kommt denn Ihr Kollege?“ Als Kfz-Gutachterin in einem gänzlich von Männern dominierten Feld, nimmt man Ihnen das Wort „Sicherheit“ ab?
Kordes: Nein, zuerst oftmals nicht. Da gibt es ein Beispiel, wie ein Kunde, der partout nicht wollte, dass eine Frau sein Auto begutachtet. Er hätte es keiner Frau zugetraut, den Schaden und den Wert seines Fahrzeugs festzulegen. Tatsächlich war es so, dass kein männlicher Kollege hinfahren konnte, denn ich war als einzige für den Raum verfügbar. Im Nachgang ist der Kunde mein größter Fan. Er freut sich wahnsinnig und sobald er wieder ein Fahrzeug mit einem Unfallschaden hat, ruft er mich an. Ich denke, man muss einfach als Frau überzeugen. Wenn man als Frau ein Hobby oder einen Beruf hat, der in der Männerdomäne zu Hause ist, ist man sowieso die ganze Zeit bestrebt zu zeigen, was man kann, ist ehrgeiziger.

Und bei Ihnen Frau Steinhaus?
Steinhaus: Ich sträube mich dagegen, diese „Frau in Männerdomäne“-Schublade zu bedienen. Es geht mir vor allem darum, für meine Leistung anerkannt zu werden. Und mit meinem Sachverstand entsprechend meiner Funktion und meiner Rolle im Fußballkontext wahrgenommen zu werden. Und ob ich jetzt groß oder klein, dick oder dünn, blond oder braun, Männlein oder Weiblein bin, ist unterm Strich für die Erfüllung der Aufgabe unerheblich. Ich bin seit 2007 als Schiedsrichterin in der 2. Liga aktiv. Ich bin sicher, dass ich über diesen langen Zeitraum in der 2. Liga nicht hätte bestehen können, wenn nicht auch die Qualität meiner Arbeit für sich spräche.

Sie wollen also keine Ausnahmeregelung?
Steinhaus: Ausnahmen sind im Hinblick auf die Förderung der Akzeptanz nicht hilfreich. Jeder Unparteiische hat im Vorfeld eines Einsatzes die gleichen Rahmenbedingungen zu erfüllen. Auch im Hinblick auf die Überprüfung der athletischen Fähigkeiten. Keine Ausnahmen. Schließlich spielen die Fußballer nicht langsamer aus Rücksicht auf eine Schiedsrichterin, die unter Umständen nicht schnell genug ist, um dem Spiel zu folgen. Wir haben neben mir mit Riem Hussein eine Schiedsrichterin in der 3. Liga, mit Katrin Rafalski, eine Assistentin in der 2. Liga. Das alles wurde völlig geräuschlos eingeführt. Sie machen einfach einen tollen Job, sind sehr anerkannt, sowohl nach außen, als auch nach innen.

Was zeichnet Sie dann aus?
Steinhaus: Uns Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter zeichnet Durchhaltevermögen aus. Selbstdisziplin und ein großes Maß an der Fähigkeit zur Selbstkritik. Wir arbeiten intensiv, um jedes Wochenende bestmögliche Leistungen abzurufen. Wir sind Teamplayer, unterstützen uns. Wir lieben den Fußball!

Die DEKRA-Infografik zeigt, bei welchen Sportarten Unfälle drohen:

 

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Bild: Ela Strickert

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