Produkttests als Lebensretter

Bert Zoetbrood, Leiter DEKRA Produktprüfung & -zertifizierung, über die Sicherheit zu Hause und die Vernetzung der Gesellschaft.

Die DEKRA Produktprüfer testen nicht nur eine sichere Funktionalität, sondern fahnden auch nach Schadstoffen. (Bild: DEKRA)

Herr Zoetbrood, die Zahl der Getöteten im Verkehr geht zurück, aber die Zahl der Unfalltoten zu Hause steigt. Woran liegt das?
Zoetbrood: In den westlichen Ländern sehen wir in der Tat einen Rückgang der Verkehrsunfälle. Die Statistiken über Verkehrssicherheit und die Sicherheit am Arbeitsplatz sind leichter verfügbar und zuverlässiger als die über die Sicherheit zu Hause. Diese hängt stark von der Qualität der Produkte, deren Wartung und auch von der ordnungsgemäßen Verwendung ab. Offensichtlich gehen die Verbraucher beim Kauf der Produkte davon
aus, dass diese sicher sind in der Anwendung. DEKRA ist ein führender Anbieter im Bereich Prüfung von Produktsicherheit und Zertifizierung und arbeitet mit vielen Interessengruppen zusammen, um die Produktsicherheit im Straßenverkehr, am Arbeitsplatz und zu Hause zu gewähren. Leider steigt die Zahl der Unfälle zu Hause, was zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass Produkte von geringer Qualität und sogar gefährliche Produkte auf dem Markt sind.

Liegt die hohe Unfallrate zu Hause vielleicht auch daran, dass in anderen Bereichen, beispielsweise bei Unfällen in Betrieben, gleich umfangreiche Ermittlungen eingeleitet werden?
Zoetbrood: Die Statistiken über Unfälle am Arbeitsplatz werden viel besser geführt. Dafür gibt es auch gesetzliche Rahmenbedingungen. Wenn dagegen ein Patient nach einem Unfall zu Hause zum Arzt kommt, wird die Ursache meist nicht festgehalten. Aber es gibt auch andere Beispiele. So wurden in Großbritannien in den Jahren 2011 bis 2014 ungefähr 12.000 Brände in Wohnungen und Häusern untersucht. Brandursache war meist
defekte weiße Ware wie Waschmaschinen oder Trockner.

Wir haben außerdem festgestellt, dass ein hoher Prozentsatz der auf dem europäischen Markt angebotenen Elektrogeräte für Verbraucher nicht sicher, ja sogar gefährlich ist. In der Europäischen Union wird für eine Vielzahl von Konsumgütern das System der Selbstkonformitätserklärung durch Hersteller und Importeure angewandt. Aber viele arbeiten auch mit unabhängigen Zertifizierungsgesellschaften zusammen.

Die jüngste Studie, die DEKRA zusammen mit Industriepartnern durchgeführt und im letzten November den Mitgliedern der Europäischen Kommission und dem Europäischen Parlament in Brüssel vorgelegt hat, zeigt, dass 14 Prozent der elektrischen Verbrauchsgüter, die auf Basis einer Konformitätserklärung des Herstellers in Europa vertrieben werden, gefährlich sind und viele davon nicht den Vorschriften entsprechen. Bei Produkten, die von einer unabhängigen Prüfstelle geprüft und zertifiziert wurden, sind es weniger als ein Prozent – ein Beweis dafür, dass die unabhängige und kompetente Produktprüfung ein echter Mehrwert ist.

Wodurch könnten die Unfälle im Haus reduziert werden?
Zoetbrood: Zunächst sollte den Menschen klar sein, wo die Gefahren lauern. Das Wichtigste ist die Qualität der Produkte. Und dann sollte man sie richtig verwenden. Ein wichtiger Punkt ist auch deren ordnungsgemäße Instandhaltung. Sie sehen, ein großer Teil der Verantwortung liegt bei den Nutzern. Wir von DEKRA haben deshalb am 30. Juni einen jährlich stattfindenden Tag der Sicherheit für unsere Mitarbeiter eingerichtet, an dem wir sie auf die Sicherheit im weitesten Sinn, nicht nur bei der Arbeit, hinweisen. Der Sicherheitsansatz von DEKRA vereint Technologie, Standards und Denkweise.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang eine Prüforganisation wie DEKRA bei der Reduzierung von Unfällen zu Hause?
Zoetbrood: Wir sind aktiv in der Prüfung von elektrischen Produkten, die weitgehend von Verbrauchern verwendet werden. Hatten wir uns ursprünglich auf die elektrische Sicherheit konzentriert, so haben wir unsere Aktivitäten nun sehr stark auf andere Dienstleistungen ausgeweitet: zum Beispiel auf chemische Analysen, Überprüfung der elektromagnetischen Verträglichkeit, der drahtlosen Vernetzung und vieles mehr. Es geht aber auch um neue Dienstleistungen wie funktionale Sicherheit, also ob ein Produkt so funktioniert, wie es soll, und um Cyber-Sicherheit. Wir sehen den Trend, dass immer höhere Anforderungen an komplexe Produkte gestellt werden. Viele davon sind miteinander verbunden und kommunizieren miteinander, sie haben Internet-Schnittstellen und Software, die regelmäßige Updates erhält. Die Überprüfung bestimmter Produkte in all diesen Aspekten rückt immer mehr in den Mittelpunkt eines echten Sicherheitspartners. Sie sehen dies unter anderem im Gesundheitsbereich, bei IT-Lösungen, Haushaltsgeräten und natürlich im Automobilbereich. In dieser hypervernetzten Welt müssen die Menschen sich darauf verlassen können, dass ihre Produkte sicher, zuverlässig und leicht zu bedienen sind. Und die meisten Menschen achten auch auf Datenschutz und Nachhaltigkeit.

Welche Rolle spielt künftig das Internet der Dinge?
Zoetbrood: Das Internet der Dinge wird in den kommenden Jahren der Haupttreiber für viele Innovationen sein. Heute gibt es rund fünf Milliarden Geräte, die eine Internetverbindung haben. In fünf bis sechs Jahren werden es höchstwahrscheinlich 50 Milliarden Geräte sein. Damit wird es auch neue Sicherheitsrisiken geben wie Internetkriminalität. Wir haben heute schon Autos auf der Straße, die jede Woche oder jeden Monat ein Software-Update bekommen. Dieser Bereich ist rechtlich noch nicht geregelt. Denn wenn ein neues Update nicht richtig getestet und verifiziert wird, dann könnte es die komplette Funktionalität und Sicherheit des Produktes beeinträchtigen. Wir werden viel mehr Funktionalitäten von Software und Produkten überprüfen und zertifizieren müssen, in Zukunft auch durch Online-Prüfung und Real Time-Zertifizierung. Wir sehen hier große Wachstumschancen für DEKRA. Ziel unserer Dienstleistungen ist es, zu einer sicheren vernetzten Welt beizutragen.

Welche Rolle werden Roboter künftig im Haushalt spielen?
Zoetbrood: Ich glaube, dass Roboter eine immer größere Rolle spielen werden. Deshalb helfen wir beim Aufbau eines Roboter-Testzentrums hier im niederländischen Arnheim. Eines unserer Hauptziele ist dabei der Gesundheitsbereich. Wir glauben, dass Roboter in Krankenhäusern, Altersheimen, aber auch daheim das Leben von älteren und kranken Menschen verbessern werden. Patienten sollen künftig nach Operationen schneller das Krankenhaus verlassen und dann zu Hause von Geräten rund um die Uhr überwacht werden können. Einer unserer Kunden hat beispielsweise Überwachungsgeräte für Patienten nach Herzinfarkten entwickelt. Für eine bestimmte Zeit besteht das Risiko, dass diese Patienten wieder einen Herzanfall bekommen. Dafür gibt es jetzt Frühwarnsysteme. Diese Systeme sind in den USA, in Holland und in Großbritannien bereits im Einsatz. Sie reduzieren das Risiko, dass man an Herzversagen stirbt – und sie tragen auch dazu bei, die Kosten im Gesundheitsbereich erheblich zu senken. Das ist eine Möglichkeit, die steigenden Kosten der immer älter werdenden Bevölkerung in den Griff zu bekommen.

Was prüft DEKRA in Zukunft?
Zoetbrood: Das Internet der Dinge ist das Leitthema, auf das wir uns konzentrieren. Anbindung und Konvergenz sind im Fokus unserer Strategie. Wir betrachten Interoperabilität, Software und Netzwerkfähigkeit
als die Treiber für die Entwicklung neuer Produkte. Wir denken, dass die Vernetzung der Mobilität und die Urbanisierung auch unser Umfeld daheim stark verändern werden. DEKRA nimmt in vielen Bereichen wie der Medizintechnik, im Haushalt, bei Mobilgeräten und elektrischen Installationen in Häusern und Industriegebäuden eine führende Position ein. Wir haben die richtigen technischen Fähigkeiten und unser Prüfspektrum
wird immer breiter. Wir glauben, dass unabhängige Produktprüfungen den Unternehmen helfen, innovativ zu sein und in einer vernetzten Welt gedeihen zu können und sie somit zu einem sichereren Ort zum Leben und Arbeiten zu machen.

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