Infografik: Wo zu Hause die größten Unfallgefahren lauern

Das Leben ist gefährlich. Eine Binsenweisheit. Die Wahrscheinlichkeit, einem Flugzeugabsturz oder einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen, ist sehr gering. Wesentlich bedrohter sind wir dort, wo wir uns am sichersten wähnen: zu Hause.

Die Unfallgefahr lauert zu Hause

Im eigenen Haushalt ereignen sich mehr tödliche Unfälle als im Straßenverkehr. (Bild: Peter Hübbe/DEKRA)

Sicherheit ist ein großes Thema in unserer Gesellschaft. Sichere Autos, sichere Spielplätze, sichere Arbeitsplätze. Aber in unseren Wohnungen spielt uns das eigene Sicherheitsbewusstsein wohl einen Streich. Hier setzen wir uns ziemlich ungehemmt Gefahren aus. Wie ließe sich sonst erklären, dass die Zahl der tödlichen Unfälle in den eigenen vier Wänden in Deutschland mit jährlich rund 9.000 Opfern weit mehr als doppelt so hoch liegt wie die im Straßenverkehr mit etwa 3.500 Unfalltoten?

Die meisten Unfälle passieren zu Hause. Das zumindest sagen die Daten des Statistischen Bundesamtes, aber eine genau aufgeschlüsselte Erfassung von Unfällen gibt es in Deutschland nicht. Denn wer mit einer abgeschnittenen Fingerkuppe in die Notaufnahme eines Krankenhauses kommt, wird behandelt, aber der Unfall zu Hause wird nicht als solcher registriert. Deshalb fasst auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) für ihren Überblick verschiedene Statistiken von Unfallversicherungen, Statistischem Bundesamt und Schätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) zusammen. Danach verletzen sich zu Hause jährlich 2,8 Millionen Menschen. Wenn die Statistiker den Freizeitbereich hinzuaddieren, sind gar 5,9 Millionen Verletzte zu beklagen. Im Straßenverkehr sind es zum Vergleich etwa 370.000.

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Das Vertraute als Risiko

Wie kommt es zu so hohen Zahlen? Dr. Jörg Angenendt, Psychologe am Universitätsklinikum Freiburg, sieht unsere Gefühle in der Verantwortung,da sie das Erleben von Risiko und Sicherheit steuern: „Zu Hause kennt man sich aus, ist im vertrauten Nahraum. Da hat man kein Bedrohungserleben oder ein Bewusstsein für Gefahren, wenn man mal eben irgendwo draufsteigt und dabei statt der Leiter den Stuhl nimmt.“ Die eigene Kontrolle über die Situation werde überschätzt und den meisten Menschen seien die spektakulären Zahlen zu den
alltäglichen Risiken auch gar nicht bekannt, sagt er. „Wenn zu Hause etwas schiefläuft, bekommen das allenfalls ein paar Nachbarn mit. Anders als bei Flugzeugabstürzen, die weltweit die Nachrichten bestimmen und massive Angst auslösen“, betont Angenendt.

Obwohl das Flugzeug statistisch gesehen ein äußerst sicheres Verkehrsmittel sei, dringe ein Unfall, bei dem auf einen Schlag 150 Menschen ums Leben kämen, ins Bewusstsein. „Die vielen Unfälle zu Hause sind stille, unspektakuläre Einzelereignisse, die nicht an uns heranreichen und zu denen es keine Bilder gibt“, sagt der Psychologe. „Wir sehen nicht, wie die alte Frau hilflos und schmerzverkrümmt im Treppenhaus liegt, bis die Rettungskräfte kommen. Das ist ein privates Geschehen ohne Öffentlichkeitswirksamkeit.“Die Bedeutung häuslicher Unfälle wird aber nicht nur verkannt, sondern auch verdrängt. Weder Politik noch Verbraucherschutz gehen das Thema offensiv an. Die Beneluxstaaten oder die Skandinavier sind da weiter und erst recht gilt das für die Schweiz, die mit ihrer Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) vorbildhaft arbeitet.

Unfallverhütung in der Schweiz

Unter dem Motto „Wir machen Menschen sicher“ erstellt die BFU jedes Jahr eine „Statistik der Nichtberufsunfälle und des Sicherheitsniveaus in der Schweiz“. Dabei geht es um Straßenverkehr, Sport, Haus und Freizeit. „Wir decken den ganzen Präventionskreislauf ab“, sagt BFU-Direktorin Brigitte Buhmann. Ihre Organisation betreibt Forschung, bildet Lehrer, Polizisten oder Sicherheitsfachleute in Betrieben aus, berät Architekten und Baufachleute und konzipiert Informationskampagnen. Die jüngste Großaktion widmet sich dem Stürzen (www.sichergehen.ch). Für die komplexen Aufgaben arbeiten Psychologen, Juristen, Sozial-, Wirtschafts- und Bewegungswissenschaftler Hand in Hand.

„Am Anfang stehen die Fragen, was passiert, warum passiert es und wie lässt es sich verhindern“, erläutert Buhmann. Dann werden Ziele festgesetzt und Maßnahmen beschlossen. „Was heute erforscht wird, kann morgen bereits umgesetzt werden.“ Das gehe jedoch nur mit den entsprechenden Zahlen. Diese zeigten auch, ob Maßnahmen wirken und wie hoch der volkswirtschaftliche Nutzen der Unfallprävention sei. Das Ergebnis: Jeder in die Prävention investierte Franken spart das Siebenfache an Folgekosten von Unfällen ein. „Wir wollen Verhalten beeinflussen, aber auch Verhältnisse “, sagt Buhmann und meint damit Infrastrukturen, Produkte, Normen und Gesetze. Die Unabhängigkeit von wirtschaftlichen oder politischen Interessen ist ihr wichtig – die Beratungsstelle kann schließlich gefährliche Produkte mit Verkaufsverbot belegen. Die BFU existiert seit 1938, seit 1984 hat sie als private Stiftung auch einen gesetzlichen Auftrag. Die Zusammenarbeit mit vielen verschiedenen Bundesämtern, Institutionen und Organisationen wird großgeschrieben. Das Budget der Beratungsstelle liegt bei umgerechnet etwa 25 Millionen Euro, die mehrheitlich aus einem Prämienzuschlag der Unfallversicherer stammen. In der Schweiz ist jeder Erwerbstätige über seinen Arbeitgeber unfallversichert. (www.bfu.ch)

Das sichere Haus

„Für eine gezielte Präventionsarbeit brauchen wir eine verlässliche Statistik, die uns sagt, wie viele Unfälle es tatsächlich gibt“, sagt auch Dr. Susanne Woelk. Die Hamburgerin ist Geschäftsführerin der Aktion Das Sichere Haus – Deutsches Kuratorium für Sicherheit in Heim und Freizeit e. V. (DSH) und hat das Ziel, die hohen Unfallzahlen mit Ratschlägen und Tipps zu senken. Legt man die Zahlen des Statistischen Bundesamts zugrunde, ist der Anstieg tödlicher Unfälle im privaten Bereich enorm. Im Jahr 2005 hatten sie einen Anteil von 33,5 Prozent an der Gesamtzahl der Unfallopfer, zehn Jahre später sind es knapp 40 Prozent. Davon sind knapp drei Viertel über 65 Jahre alt, weshalb die Statistiker diese Steigerung auf den demografischen Wandel zurückführen. Zudem sei davon auszugehen, dass sich hinter den Todesfällen unter der Rubrik „sonstige Unfälle“ noch eine ganze Reihe Heim- und Freizeitunfälle verbergen, sagt Woelk.

Unter der Rubrik „sonstige Unfälle“ werden Opfer erfasst, die keiner anderen Kategorie zuzurechnen sind wie beispielsweise Erfrorene. Die große Zahl der nicht näher beschriebenen Todesarten ist auch darauf zurückzuführen, dass bei diesen Sterbefällen vom Arzt keine nähere Angabe zum Unfallgeschehen auf dem Leichenschauschein gemacht wurde. Das Statistische Bundesamt geht aber davon aus, dass sich hinter der hohen Zahl auch viele häusliche Unfälle verbergen.

Die häufigste Unfallursache zu Hause sind Stürze. (Bild: DEKRA)

Den traurigen Rekord auf der Liste der tödlichen Unfälle halten Stürze mit einem Anteil von mehr als 80 Prozent. Mehr als drei Viertel der Opfer sind Personen im Alter ab 60 Jahren, hält Woelk fest. Aber auch jeder zweite Kinderunfall ist ein Sturz. Und für den Personenkreis zwischen diesen beiden Gruppen wird es gefährlich, wenn statt der sicheren Trittleiter aus Bequemlichkeit der Klappstuhl beim Fensterputzen zum Einsatz kommt. Auch vorübergehend auf der Treppe abgestellte Gegenstände, ein herumstehender Putzeimer oder ein dicker Teppich werden schnell zur Stolperfalle. Und obwohl es schwerfällt, das zu glauben, passieren Stürze zu ebener Erde besonders häufig.

Es scheint zu Hause keinen sicheren Ort zu geben. Auch im Schlafzimmer kann man fallen, wenn man im Dunkeln die Hausschuhe vor dem Bett übersieht. Und zu oft beschränken sich die Folgen leider nicht auf Knochenbrüche, Prellungen oder eine Zerrung. Woelk wünscht sich größeres Interesse von staatlicher Seite für das Thema Sicherheit zu Hause. Das koste Geld, aber beim Arbeitsschutz und der Verkehrssicherheit werde schließlich auch viel getan. „Man denke nur an die Einführung des Sicherheitsgurts, durch den die Zahl der Unfalltoten stark zurückging“, gibt sie zu bedenken. Der Schutz der Privatsphäre setzt solchen Eingriffen „von oben“ allerdings enge Grenzen, das weiß auch Woelk. Dennoch ist in Deutschland als prominente gesetzliche Maßnahme immerhin der Rauchmelder flächendeckend in den Wohnungen durchgesetzt worden. Brände stehen immerhin auf Platz vier als Ursache tödlicher Verletzungen bei Kindern.

Unterschätzte Risiken

„Es gibt bei Unfällen zu Hause zwei Kategorien“, sagt Professor Florian Gebhard, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie. „Die, die durch Unachtsamkeit passieren, und solche, die mit dem unsachgemäßen Bedienen von Geräten verbunden sind.“ Die häufigste Unfallursache von Patienten bis 60 Jahren sei das Unterschätzen von Gefahren nach dem Motto „Klappt schon“. Der Klassiker sei die defekte Glühbirne, die schnell mithilfe eines Drehstuhls ausgewechselt werden soll. „Da fällt man dann runter und bricht sich etwas, weil man die Gefahr unterschätzt.“

Geräte sind eher für Heimwerker gefährlich. „Wir beobachten zunehmend, dass Menschen etwas zu Hause reparieren oder bauen wollen und sich dafür Profi-Maschinen ausleihen, die sie dann überfordern, auch weil sie die Betriebsanleitung nicht lesen“, sagt Gebhard. Dazu fällt ihm ein Patient ein, der mit einem geliehenen Hobel sein Parkett abschleifen wollte. Das Gerät habe sich dann selbstständig gemacht und schwere Verletzungen verursacht. Es gebe natürlich auch den unsachgemäßen Gebrauch von Rasenmähern oder Gartenunfälle mit elektrischen Heckenscheren. Nicht zuletzt endet die Obsternte des Öfteren mit Knochenbrüchen, wenn waghalsig und unsachgemäß versucht werde, auch noch die am höchsten hängenden Früchte zu erreichen.

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Kindlicher Leichtsinn

Was tun? Das Thema „Sicherheit zu Hause“ erfordert die aktive Auseinandersetzung damit. Von Kindern ist dies in der Regel nicht zu erwarten. Sie wollen und müssen ihren Bewegungsdrang ausleben. Das sollte Erwachsene aber nicht davon abhalten, mit ihnen über Gefahren zu sprechen oder zu verhindern, dass das Sofa fahrlässig als Trampolin missbraucht wird. Jeder dritte Kinderunfall ereignet sich zudem mit Haushaltsgeräten, hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz herausgefunden. Dessen Prüfsiegel belegt die Betriebssicherheit im normalen Gebrauch, doch es kann nicht verhindern, dass ein unbeaufsichtigter Zweijähriger am herunterhängenden Kabel des Wasserkochers zieht und sich verbrüht.

Auch wenn das Kinderbuch vom „Struwwelpeter“ in seiner Darstellung nicht mehr ganz zeitgemäß ist, sind manche Aussagen immer noch aktuell. Pauline allein zu Haus entdeckt eben die liegengebliebenen Zündhölzer und entfacht den Brand, genauso wie der zappelnde Philipp mit seinem Stuhl umkippt. Heutige Eltern können immerhin auf Rauchmelder vertrauen und kippsichere Hochstühle mit Prüfsiegel für die Kleinen gibt es auch. Ebenso sind Kindersicherungen für Steckdosen und Schränke mit gefährlichem Inhalt hilfreich. Ein Gitter vor der Treppe beugt dem Absturz aus der Höhe vor. Weil Kinder Gefahren nicht einschätzen können, ist der Weitblick von Erwachsenen gefragt. Aber auch Achtsamkeit. Denn wenn das Baby vom Wickeltisch fällt, ist häufig Ablenkung oder Hektik bei den Eltern im Spiel.

Besonders gefährdet sind auch die Senioren. Die Gefahr, sich zu Hause zu verletzen, ist bei ihnen drei Mal größer als die Wahrscheinlichkeit eines Autounfalls. Trotzdem wollen viele ältere Menschen ihre Eigenständigkeit behalten und das sollen sie auch. Aber die Einsicht, dass manche ehemals einfachen Dinge schwieriger und gefährlicher werden, lässt sich schulen, ein entsprechendes Verhalten ebenso. So ist gerade bei schlechter werdendem Sehvermögen eine gute Beleuchtung wichtig. Dicke Teppichkanten, Türschwellen und rutschige Bodenbeläge sollte es in einem Rentnerhaushalt besser nicht geben, dafür aber an jeder Treppe ein Geländer. Auch wenn es gegen die Gewohnheit ist, geschlossene Hausschuhe gewähren im Gegensatz zu Pantoffeln einen sichereren Tritt. Es ist der Faktor Mensch, der die Sicherheit zu Hause bestimmt. Das beginnt beim Bau, reicht über die Ausstattung mit geprüften Elektrogeräten, Spielzeug und Möbelstücken bis zum Gefahrenbewusstsein der Bewohner.

Die Infografik zeigt die Verteilung des Unfallrisikos in den eigenen vier Wänden:

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Bild: Niko Winkelmann