Assistenzsysteme – Lebensretter im Lkw

Mit zunehmender Digitalisierung haben sich auch die Assistenzsysteme im Lkw enorm weiterentwickelt. Im Ernstfall können sie Leben retten. Bei den Lkw-Sicherheitsstandards gibt es weltweit aber erhebliche Unterschiede.

Müdigkeitsassistent: Ab einer Geschwindigkeit von 60 km/h analysiert das System die Lenkbewegungen innerhalb der Fahrspur und zeigt den Aufmerksamkeitsgrad im Zentraldisplay an. Bei mangelnder Aufmerksamkeit erfolgt ein optisches und akustisches Signal.

Müdigkeitsassistent: Ab einer Geschwindigkeit von 60 km/h analysiert das System die Lenkbewegungen innerhalb der Fahrspur und zeigt den Aufmerksamkeitsgrad im Zentraldisplay an. Bei mangelnder Aufmerksamkeit erfolgt ein optisches und akustisches Signal.

Die Welt ist bunt und ebenso die Geschmäcker. Indische Lkw-Fahrer haben beispielsweise eine Vorliebe für Lkw-Kabinen aus Holz. Was vor allem in den Industrieländern undenkbar erscheint, ist auch, dass das ABS (Antiblockiersystem) dort erst seit 2015 Pflicht für neue Lkw ist. In Deutschland beispielsweise darf schon seit 1991 kein Truck mehr ohne ABS neu auf die Straße. In der EU dürfen Lkw seit November 2014 nicht mehr ohne das Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP) zugelassen werden. Seit 2015 müssen Lkw zwingend über den sogenannten Spurwächter (Lane Departure Warning System, abgekürzt LDWS) und ein automatisches Notbremssystem verfügen.

Europa nimmt Spitzenposition bei Lkw-Technik ein

Nicht nur die Geschmäcker, sondern auch die Anforderungen in Sachen Sicherheitsstandards sind weltweit sehr verschieden. Während in den USA zum Beispiel heutzutage nur ABS und ESP vom Lkw verlangt werden, rollen in China noch immer Lkw ganz ohne ABS vom Band. Im Regulatorischen ist Europa dem Rest der Welt also weit voraus. Was auch damit zu tun hat, dass die europäischen Nutzfahrzeughersteller in vielerlei Hinsicht eine Spitzenposition bei der Lkw-Technik einnehmen. Nun ist aber fortschrittliche Sicherheitstechnik zunehmend auch in Märkten wie Nord- oder Südamerika sowie Japan verbreitet. Auch wenn sie dort noch gar nicht zwingend vorgeschrieben ist. Das wiederum hängt eng mit einer anderen Dominanz der europäischen Hersteller zusammen: Längst schon haben sie sich in diesen Märkten als starke Player etabliert oder kaufen sich noch immer dort ein.

Der Abbiegeassistent erkennt den Radfahrer noch bevor er im Seitenspiegel zu sehen ist. Foto: Daimler

Der Abbiegeassistent erkennt den Radfahrer noch bevor er im Seitenspiegel zu sehen ist. Foto: Daimler

Was aber nicht heißen muss, dass der Rest der Welt in dieser Hinsicht schläft. Der US-Hersteller Paccar zum Beispiel, zu dem unter anderem die Marken Kenworth und Peterbilt gehören, liefert heutzutage bestimmte Modelle ebenso serienmäßig mit automatischem Notbremssystem aus wie die Daimler-Tochter Freightliner den neuen Cascadia. Die Logik, der die Entwicklung der Lkw-Sicherheit in Europa schon immer gehorcht, ist allerdings eine besonders systematische. Sie basiert auf jahrzehntelanger Unfallforschung und ist seit jeher darauf ausgerichtet, die Brennpunkte nach Maßgabe der Brisanz methodisch zu entschärfen. Als besondere Gefahren für den Lkw-Fahrer waren schnell identifiziert: Abkommen von der Fahrbahn, Auffahren auf den Vordermann und Frontalkollision mit einem anderen Lkw.

So kamen im Lauf der Zeit der Sicherheitsgurt, stetig crashoptimierte Kabinen, Bremsassistent sowie der Spurwächter. Dass die Entwicklungen stufenweise und aufeinander aufbauend erfolgen, demonstriert der erst im Sommer vorgestellte erste Spurhalteassistent mit aktivem Lenkeingriff: Der hält den Lkw nicht nur dann auf der Spur, wenn der Fahrer nichts gegen das Abkommen von derselben unternimmt. Er kann auch sonst in brenzligen Situationen, zum Beispiel wenn der Lkw ins Schleudern kommt, automatisch gegenlenken.

Aktive Sicherheit rückt in den Fokus der Entwickler

Aktive Sicherheit, also Unfallvermeidung, sowie der Schutz des Unfallgegners, also Partnerschutz, rücken in den Fokus der Entwickler. Die Bandbreite der dazugehörigen Systeme reicht von Heck- sowie Frontunterfahrschutz über das automatische Notbremssystem bis hin zu Entwicklungen wie Fußgängererkennung, Spurwechsel- oder Abbiegeassistent.

Moderne Lkw-Bremssysteme verzögern mit 7 m/s2 und kommen aus Tempo 80 nach rund 40 Metern zum Stehen. Foto: Karl-Heinz Augustin

Moderne Lkw-Bremssysteme verzögern mit 7 m/s2 und kommen aus Tempo 80 nach rund 40 Metern zum Stehen. Foto: Karl-Heinz Augustin

Wie gut die einzelnen Sicherheits- und Assistenzsysteme im Lkw funktionieren, testet DEKRA unter anderem im Technology Center in Klettwitz. Auf dem Weg zur Realisierung der Vision Zero gilt es, Möglichkeiten zu entwickeln, um Unfälle unabhängig von den technischen Voraussetzungen im Lkw vermeidbar zu machen. Im Falle des Abbiegeassistenten, der Unfälle mit Radfahrern verhindern soll, kann beispielsweise eine Änderung der Straßenverkehrsordnung eine sinnvolle Maßnahme sein. So könnte der Paragraf, der es Rad- und Mofafahrern überhaupt erst erlaubt, einen wartenden Lkw rechts zu überholen, gestrichen werden.

Als weitere Möglichkeiten zur Erhöhung der Sicherheit im Verkehr gelten – neben technischen und rechtlichen – auch infrastrukturelle. Diese können Städte und Kommunen weltweit umsetzen und so einen Beitrag zur Senkung der Unfallzahlen leisten. So könnte beispielsweise der Fußgängerüberweg am Kreisverkehr so platziert werden, dass der Lkw-Fahrer ihn vor dem Abbiegen bestmöglich im Blickfeld hat.

Beispiel zur Funktionsweise eines Assistenzsystems

Das sind die vier Stufen des MAN Notbremssystems EBA2. Grafik: DEKRA

Das sind die vier Stufen des MAN Notbremssystems EBA2. Grafik: DEKRA

Das MAN Notbremssystem EBA2 funktioniert in vier Stufen: Ist der Lkw unterwegs und kein Hindernis in Sicht, ist der ACC (Abstandsregeltempomat) aktiviert. Es droht keine Gefahr. Sobald jedoch ein Hindernis auftaucht und der Fahrer keine Reaktion zeigt, erfolgt eine erste optische und akustische Vorwarnung und eine leichte Bremsung wird eingeleitet. Wenn der Fahrer immer noch nicht reagiert, schaltet der ACC ab und es ertönt eine sirenenartige Warnung bei Teilbremsung. Reagiert der Fahrer immer noch nicht, leitet der MAN EBA2 mit maximaler Leistung die automatische Notbremsung ein.

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