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„Erst wenn jeder Mitarbeiter das Gefühl hat, Teil von etwas Großem zu sein, kann das Unternehmen das höchste Tempo erreichen.“ Zukunftsforscher Ali Mahlodji erklärt im „Work Report 2019“ die neue Welt der Arbeit und wie Menschen ihr Potenzial entfalten können. 

Ali Mahlodji ist der Autor des „Work Report 2019“. Foto: Florian Rainer

Ali Mahlodji ist Autor des „Work Report 2019“. Foto: Ali Mahlodji

Ein roter Faden im „Work Report 2019“ ist die Abkehr von hierarchischen Systemen. Was ist das Problem daran?

Mahlodji: Hierarchien haben in den Anfängen der Industrialisierung gut funktioniert. In Bereichen, in denen es um Sicherheit geht, wie dem Flugwesen oder dem Gesundheitswesen, haben sie nach wie vor eine Berechtigung. In einer von Globalisierung und Digitalisierung geprägten Arbeitswelt sind hierarchische Systeme oft nicht mehr zweckmäßig und wirken blockierend. Organisationen sind mit zunehmender Komplexität und Geschwindigkeit konfrontiert, und die Wissens- und Entscheidungskompetenz muss auf mehrere Schultern verteilt werden.

Welche neuen Rollen kommen den Führungskräften und den Mitarbeitern zu?

Mahlodji: In der alten Arbeitswelt stand die Führungskraft im Mittelpunkt, in der neuen Arbeitswelt sind es die Mitarbeiter. Deren Talente gilt es zu entdecken und zu fördern. Die Führungskraft agiert wie der Coach in einem Fußballteam. Er war einmal der beste Fußballer und kennt alle Aktionen im Spiel. Seine Aufgabe ist es, jeden Spieler zur besten Version seiner selbst zu machen. Er muss herausfinden, wer am besten in welcher Position und in welcher Kombination mit anderen ist – und die Spieler auf die große Meisterschaft und den Gegner einschwören. Aber während des Spiels spielen die Spieler. Der Coach bleibt in der zweiten Reihe.

Wenn Mitarbeiter mehr Verantwortung übernehmen: Wie kann das notwendige Vertrauen geschaffen werden?

"Wissens- und Entscheidungskompetenz muss auf mehrere Schultern verteilt werden", sagt Ali Mahlodji. Foto: Florian Rainer

„Wissens- und Entscheidungskompetenz muss auf mehrere Schultern verteilt werden“, sagt Ali Mahlodji. Foto: Florian Rainer

Mahlodji: Die Führungskraft muss den Mitarbeitern klarmachen, wie sich ihr Beitrag in das große Ganze einfügt. Wenn Mitarbeiter Informationen bekommen, die über ihre Aufgabe hinausgehen, spüren sie ein Gefühl der Zugehörigkeit und der Wertschätzung. Gleichzeitig müssen auch die Belohnungssysteme erneuert werden. Erst wenn jeder Mitarbeiter das Gefühl hat, Teil von etwas Großem zu sein, kann das Unternehmen das höchste Tempo erreichen.

Sie empfehlen die Integration von älteren Mitarbeitern. Wie kann die Generationskluft geschlossen werden?

Mahlodji: In einer Welt, in der man über Smartphones vernetzt ist, spricht man nicht mehr viel miteinander und geht nicht mehr so tiefe Beziehungen ein. Im Internet erleben junge Menschen eine Welt, in der sie gefühlt alles sofort haben können. Geduld und Beziehungsfähigkeit sind Kompetenzen, die jetzt am Arbeitsmarkt fehlen. Ältere Menschen haben diese Fähigkeiten. Vermischt man die Dynamik der Jugend und die Weisheit und Geduld der Älteren, hat man eine starke und wandlungsfähige Organisation.

Die Digitalisierung diktiert das Tempo. Das führt auch zu Überforderung. Wie können Organisationen gegensteuern?

Mahlodji: Die Gegenbewegung entsteht gerade in der Adaption traditioneller Achtsamkeitstechniken aus dem asiatischen Raum, wie Yoga und Meditation. Achtsamkeitsgeschulte Mitarbeiter sind nicht mehr im ständigen Reaktionsmodus. Sie lernen, ein paar Atemzüge Distanz zwischen dem Geschehen und ihrer Reaktion einzubauen, und erreichen damit eine höhere Lebensqualität. Aber jeder Mitarbeiter muss selbst realisieren, dass die Überforderung nicht durch noch schnellere Arbeit zu überwinden ist. Vielmehr muss das Arbeitsparadigma neu überdacht werden, um herauszufinden, was es wirklich braucht.

Sie entwerfen ein positives Szenario für die Arbeitswelt der Zukunft. Was muss sich ändern?

Mahlodji: Menschen haben immer danach gestrebt, das zu machen, was sie gern machen, und wir bewegen uns rasant auf dieses Ziel zu. Problematisch ist die alte Denke der Lohnarbeit: Ohne Arbeit ist man nichts wert. In 40 Jahren wird es erstmals weniger Jobs geben, als neue entstehen, und dann kann man nicht mehr von mangelndem Willen oder Ausnutzen des Sozialsystems sprechen. Das bedingungslose Grundeinkommen muss durchdacht und verstanden werden, um die Würde des Menschen zu erhalten und ein positives Bild zu entwickeln.

Sie sagen, dass Sicherheit nicht mehr im Bestehenden, sondern in der ständigen Bewegung gefunden werden muss. Wie können wir uns das vorstellen?

Mahlodji: Die zwei großen Sicherheitsmechanismen der alten Arbeitswelt existieren nicht mehr. Das Individuum kann seine Verantwortung nicht mehr länger dem Arbeitgeber und dem Staat übertragen. Deshalb ist es gut, wenn Führungskräfte mit ihren Mitarbeitern über Veränderung sprechen und ihnen klarmachen, dass die Zukunft nicht vorhersehbar ist – aber dass es gemeinsam zu schaffen ist. Durch das Einbeziehen mehrerer Menschen und das Erkennen der Gemeinschaft wird der Druck reduziert. Das Individuum braucht ein Verständnis von sich selbst – seinen Fähigkeiten, seinem Tempo und seinem Netzwerk.

Ali Mahlodji wurde 1981 in Teheran geboren und wuchs in Wien auf, wo er ein technisches Studium absolvierte. Seinen Weg ins Berufsleben fand er über Umwege und mehr als 40 Jobs. Eine Erfahrung, die ihn zum Co-Gründer der Internet-Berufsorientierungsplattform whatchado.com machte. Heute ist er EU-Jugendbotschafter, Keynotespeaker, Investor, Berater und Autor. Außerdem ist er in der Akademie für Potenzialentfaltung von Prof. Dr. Gerald Hüther als Leiter Bildung und Persönlichkeitsentwicklung tätig. Der „Work Report 2019“ wurde im Zukunftsinstitut veröffentlicht.

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