Mit Tempo 30 in die Zukunft

Paris plant ein Tempolimit in der Stadt – und viele andere Metropolen wollen der Entschleunigung folgen. Von verkehrsberuhigten Städten verspricht man sich mehr Lebensqualität, weniger Unfälle und Emissionen.

Im Pariser Stadtgebiet soll ab Herbst 2021 Tempo 30 gelten. Foto: shutterstock - C.Nass / DEKRA

Im Pariser Stadtgebiet soll ab Herbst 2021 Tempo 30 gelten. Foto: shutterstock – C.Nass, DEKRA – Alexander Berg

Im Herbst 2021 soll Paris im gesamten Stadtgebiet zu Tempo 30 übergehen. Die Idee zur Geschwindigkeitsreduzierung kommt von der Bürgerkonvention für Klima (Convention citoyenne pour le climat). Zwar gibt es noch keine Ergebnisse der im Herbst durchgeführten Bevölkerungsbefragung, doch die Politik wünscht sich die Entschleunigung. Bürgermeisterin Anne Hidalgo hatte Tempo 30 vor ihrer Wiederwahl im Juni 2020 versprochen. „Damit wird der öffentliche Raum beruhigt, die Straßen werden sicherer und der Verkehrslärm wird vermindert“, erklärt Hidalgo. Zudem versprechen sich die Politiker weniger Unfälle und geringere Emissionen. Auch andere europäische Städte treten auf die Bremse. In Madrid gilt auf 80 Prozent aller Straßen ein Tempolimit von 30. Die Niederlande wollen es in allen Siedlungen einführen, Großbritannien zieht mit 20 Meilen pro Stunde (ca. 32 km/h) nach. Auch die Region Brüssel folgt fast vollständig. Selbst in den USA gibt es Städte wie New York oder Portland, die aktuell das Prinzip unserer 30er-Zone implementieren.

Tempolimit 30 rettet Leben

Helsinki und Oslo haben bereits gute Erfahrungen mit dem Tempolimit. 2019 gab es unter Fußgängern und Radfahrern keinen einzigen Verkehrstoten, wie die zuständigen Behörden vermelden. Zu den Schlüsselfaktoren habe unter anderem eine Verringerung der Höchstgeschwindigkeiten gezählt, sagt Helsinkis Vize-Bürgermeisterin Anni Sinnemäki im Februar 2020.

In Deutschland glänzt Berlin als Vorreiter für Tempo 30 – mit Erfolg. Nicht nur die Unfallzahlen sanken seit Einführung 2017 um rund zehn Prozent, auch die Stickstoffmonoxid-Werte gingen im Zeitraum von 2017 bis 2020 laut Umweltbundesamt um bis zu 29 Prozent zurück. Auch in der Schweiz gibt es positive Erfahrungen: 2019 wurde der tiefste Stand seit Erfassung der Daten gemeldet, wie das Schweizer Bundesamt für Statistik mitteilt. Insgesamt sind in diesem Jahr 187 Personen im Straßenverkehr in der Schweiz ums Leben gekommen. 1977 hingegen gab es noch 1.302 Todesfälle im Straßenverkehr. Maßnahmen wie die Ausweitung von Tempo-30-Zonen und die Einführung von Tempo-20-Zonen in Schweizer Innenstädten trugen dazu bei, dass trotz des steigenden Verkehrsaufkommens die Zahl der Unfälle zurückging.

Der Verkehr rollt langsamer

In Albanien, bis 1991 eine fast autofreie Zone, gilt in der Stadt seit jeher 40 km/h. Schneller lässt sich beim heutigen Verkehrsaufkommen aber sowieso kaum fahren. Ein längst globales Problem. Fast überall rollt der Verkehr in Großstädten nicht nur zähflüssig, er wird immer langsamer. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bundesvereinigung Logistik (BVL) und Here Technologies vom Oktober 2019. So fahren die Düsseldorfer mit 35,6 km/h im Tagesdurchschnitt am langsamsten in Deutschland. Etwas schneller bewegen sich Autos in Bremen und Dresden mit 42 beziehungsweise 41 km/h. Zwischen 2015 und 2018 verringerte sich das Tempo in Deutschland im Schnitt um 1,2 Prozent pro Jahr. Im europäischen Ausland sieht es laut einer Statista-Studie von 2008 nicht anders aus. Die Durchschnittsgeschwindigkeit in London betrug bereits zu diesem Zeitpunkt 19 km/h, in Paris lag sie bei 31 km/h.

100 Millionen Tonnen CO2 einsparen

Bei so geringen tatsächlichen Durchschnittsgeschwindigkeiten liegt die Einführung von Tempo 30 auf der Hand. Zumal auf 100 Metern durchs Limit maximal vier Sekunden gegenüber Tempo 50 verloren gehen, wie Untersuchungen des Bundesumweltamtes von 2016 zeigen. Viel wichtiger ist jedoch der Fakt, dass die Absenkung der Höchstgeschwindigkeit außerorts und in der Stadt allein bis 2034 bis zu 100 Millionen Tonnen CO2 einspart, so die Deutsche Umwelthilfe. Null Emissionen, keine Unfälle – das muss keine Vision bleiben. Die nordwestspanische Stadt Pontevedra hat vor mehr als 20 Jahren Fahrzeuge größtenteils ganz aus der Stadt verbannt. Den letzten Verkehrstoten gab es dort 2007.

Drei Fragen an den DEKRA Experten Markus Egelhaaf

Markus Egelhaaf, DEKRA Unfallforscher. Foto: DEKRA

Markus Egelhaaf, DEKRA Unfallforscher. Foto: DEKRA

Welche Vorteile bringt Tempo 30 in der Stadt?

Tempo 30 führt zu einer Verstetigung des Verkehrsflusses, was den Verkehr vorhersehbarer macht. Abgas- und Geräuschemissionen werden reduziert. Kommt es zu einer Kollision, sind die resultierenden Personen- und Sachschäden geringer.

Was spricht gegen Tempo 30?

Tempo 30 im innerstädtischen Bereich kann den Verkehr auf gut ausgebauten Haupt- und Durchgangsstraßen ausbremsen. Daher ist eine Mischform zu bevorzugen, bei der ein generelles Tempolimit von 30 km/h in zu begründenden Fällen heraufgesetzt werden darf. Aber nur unter Schaffung einer sicheren Infrastruktur für Fußgänger und Radfahrer.

Wie sehen Sie die Stadt der Zukunft?

Ich gehe davon aus, dass in größeren Städten immer mehr Bereiche autofrei werden. Das Miteinander aller Mobilitätsformen wird durch Umgestaltungen der Infrastruktur und Anordnung geringer Höchstgeschwindigkeiten gefördert.

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