Reifentechnologie: Die Luft ist raus

Der elektrische Antrieb stellt automobile Gewissheiten in Frage. Klar, im Moment stehen Stromer auf runden und mit Luft gefüllten Reifen. Es zeichnet sich aber ab, dass das Elektroauto neues Schuhwerk braucht. Das könnte dann sogar ohne Luft auskommen. Wir haben beim DEKRA Reifenexperten nach den neuen Reifentrends gefragt.

Fahrzeughersteller erwarten quer durch alle Fahrzeugklassen perfekt abgestimmte Pneus. Reifen. Foto: Shutterstock / Kim Kuperkova

Der elektrische Antrieb stellt automobile Gewissheiten in Frage. Klar, im Moment stehen Stromer auf runden und mit Luft gefüllten Reifen. Es zeichnet sich aber ab, dass das Elektroauto neues Schuhwerk braucht. Das könnte dann sogar ohne Luft auskommen. Wir haben beim DEKRA Reifenexperten nach den neuen Reifentrends gefragt.

Eigentlich könnte die Reifenbranche die Transformation zur Elektromobilität ganz gelassen angehen. Immerhin hat sie zuletzt eine bemerkenswerte Innovationskraft an den Tag gelegt. Im Portfolio der Hersteller finden sich Reifen, die kleinere Schäden auf der Lauffläche mit Hilfe eines integrierten Dichtmittels automatisch verschließen. Es gibt Reifen mit enorm widerstandsfähigen Strukturen im Profil, die erst durch den Einsatz von 3D-Druckern möglich werden. Dazu kommen intelligente Technologien, die nicht nur Luftdruck und Verschleiß überwachen, sondern auch Informationen über den Straßenzustand liefern und den Reifen damit zu einem Akteur in der vernetzten Mobilität befördern. Die Vermutung liegt also nahe, dass das Schuhwerk, das einem Auto mit herkömmlichem Antrieb bestens passt, auch fürs Elektromobil das richtige sein dürfte. Aber haarscharf vorbei ist auch daneben. Die Wahrheit ist: Die Reifenbranche steht derzeit mächtig unter Druck.

Der elektrische Antrieb ist eine Herausforderung für Reifenentwickler

„Die Elektromobilität verändert die Anforderungen an die Reifen“, erklärt Christian Koch, Reifenexperte und Leiter der Fachabteilung Analytik der DEKRA Niederlassung München. Demnach bringen die Stromer im Vergleich zum Verbrenner mehr Gewicht auf die Waage, der Schwerpunkt liegt tiefer und die Radlasten verteilen sich anders. „Man braucht mehr Luftvolumen, um das Fahrzeuggewicht zu tragen. Die Reifen werden daher größer oder aber breiter“, weiß der DEKRA Experte. Diese Entwicklung löst allerdings eine Reihe von Zielkonflikten aus. Legt der Reifendurchmesser zu, kann das negative Folgen für Abrollkomfort und Abrollgeräusch haben. Eine wichtige Stellgröße ist die Fahrdynamik des elektrischen Antriebs. Wer ständig mit starkem Beschleunigen und häufigem Abbremsen das Potenzial seines Elektroautos ausreizt, zahlt dafür einen Preis in Form eines hohen Reifenabriebs. „Fachleute gehen davon aus, dass die Reifen an Elektroautos gegenüber einem vergleichbaren Verbrenner bei entsprechendem Fahrstil eine um bis zu 40 Prozent höhere Abriebsrate haben können“, erklärt Christian Koch.

Der Rollwiderstand rückt im Lastenheft der Entwickler ganz nach oben

Auch die Fahrzeughersteller nehmen die Reifenbranche in die Pflicht. Sie erwarten quer durch alle Fahrzeugklassen perfekt abgestimmte Pneus, auf denen Elektroautos noch einige Kilometer Reichweite zulegen können. Im Lastenheft der Entwickler rückt folglich einmal mehr der Rollwiderstand ganz nach oben. Der passende Hebel scheint bereits gefunden. „Der Trend in der Branche geht in Richtung Nachhaltigkeit und Leichtbauweise. Viele Hersteller setzen bereits auf Hightech-Recyclingverfahren, die eine Verwendung erneuerbarer Materialien als Füllstoff für Reifen möglich machen“, berichtet Christian Koch.

Continental Reifen GreenConcept
Die Reifenstudie „Conti GreenConcept“ enthält einen hohen Anteil nachwachsender und recycelter Materialien. Foto: Continental

Die gerade auf der IAA Mobility vorgestellte Reifenstudie „Conti GreenConcept“ zum Beispiel enthält einen hohen Anteil nachwachsender und recycelter Materialien. Dazu gehören unter anderem Kautschuk aus Löwenzahn, Silikat aus der Asche von Reishülsen sowie pflanzliche Öle und Harze. Zum Einsatz kommen neben aufbereitetem Stahl und Ruß auch Polyester aus recycelten PET-Flaschen in der Karkasse des Reifens. Bei Continental heißt es, man habe Gewicht und Rollwiderstand des Konzeptreifens deutlich verringert – der Rollwiderstand liege um rund 25 Prozent unter dem eines Reifens mit der Rollwiderstandsklasse A im EU-Reifenlabel.

Schickt Michelin den Luftreifen bald auf das Abstellgleis?

Uptis Michelin
„Uptis“ – das Kürzel steht für Unique Puncture-proof Tire System, was übersetzt etwa „einzigartiges pannensicheres Reifensystem“ bedeutet. Foto: Michelin

Gänzlich neue Wege geht der Reifenhersteller Michelin mit dem „Uptis“ – das Kürzel steht für Unique Puncture-proof Tire System, was übersetzt etwa „einzigartiges pannensicheres Reifensystem“ bedeutet. Dahinter steht das Konzept eines Reifens, der ohne Luft als Trägermedium auskommt. Seit rund vier Jahren arbeiten die Franzosen bereits am luftlosen Reifen, den neuesten Stand dieser Technik haben sie Mitte des Jahres vorgestellt. Der Michelin Uptis hebt die bisherige Trennung von Rad und Reifen auf. Das auf Testfahrten in Nordamerika bereits bewährte Konzept setzt stattdessen auf eine extrem leichte Rad-Reifen-Kombination, bei der eine Aluminiumfelge über flexible und enorm resistente Kunststoffspeichen untrennbar mit Lamellen aus Gummi, Polyesterharz und Kohlefaser verbunden sind. Das Reifensystem verspricht eine hohe Leistungsfähigkeit und Beständigkeit – Plattfüße, Bordsteinschäden an Flanken und Karkasse dürften damit der Vergangenheit angehören.

DEKRA Experte Christian Koch erkennt in dem Konzept handfeste Vorteile: „Der Uptis schließt die Luft gewissermaßen als Unsicherheitsfaktor aus. Damit entfällt ein wesentlicher Nachteil für Rollwiderstand und Abrieb, weil in der Praxis der Fülldruck mangels Kontrolle häufig nicht optimal ist.“ Sein Fazit ist daher klar: „Hut ab, wenn das alles funktioniert.“

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