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Für größtmögliche Sicherheit im Großmotoren-Testfeld des Werks Augsburg zieht MAN Diesel und Turbo SE die Experten für Explosions- und Brandschutz von DEKRA EXAM zu Rate.

MAN Diesel Großmotoren-Testfeld

Der Motorblock des MAN-Großmotors ist mit einer umlaufenden Wartungsgalerie versehen. Der 1,5 Tonnen schwere Antriebsstrang ist über eine elastische Kupplung mit der Leistungsbremse verbunden. (Bild: Karl-Heinz Augustin)

Beim Gang durch das Großmotorenwerk von MAN in Augsburg kommt man sich bisweilen vor wie Gulliver im Land der Riesen: Handtellergroße Ventile, meterlange, glänzende Pleuelstangen und gigantische Kolben auf Paletten säumen den Weg durch die Produktion. Die Zylinder, in denen sie einmal auf- und ablaufen werden, haben je bis zu 480 Millimeter Bohrung und 600 Millimeter Hub. Bis zu 20 Zylinder weisen die Diesel- und Gasmotoren für Schiffe und Kraftwerke auf, die hier ihre Testläufe absolvieren.

In den Prüfstandhallen türmen sich Großmotoren haushoch auf. Die für sie zuständigen Mechaniker und Ingenieure kommen zur Wartung nur über Galerien an viele der Bauteile heran. Unzählige farbig gekennzeichnete Rohre und Leitungen versorgen die Motoren: In den grünen fließt das Kühlwasser, in den braunen das Öl, Orange steht für Dieselkraftstoff und Gelb für Gas.

Geburtsstätte des Dieselmotors

Das Gebäude aus dem frühen 19. Jahrhundert, Teil des MAN-Großmotorenwerks mitten in Augsburg, beherbergt Prüfstände für Tests und Abnahmeläufe von Kundenmotoren und den Prototypentest. „An diesem Ort hat Rudolf Diesel den weltweit ersten Dieselmotor in Betrieb genommen“, betont Kilian Stegmair, Leiter des Bereichs Prüfstandtechnik, beim Gang durch die Hallen nicht ohne Stolz.

Sobald die Spätschicht nach Hause gegangen ist und alle Motoren stillstehen, begleitet er das Team von DEKRA EXAM Experten, die die sicherheitsgerichtete Steuerung der Prüfstände und Hallensysteme testen und anschließend zertifizieren. Denn anders als in modernen Gebäuden hat MAN in den historischen Gemäuern besondere Anforderungen an den Brand- und Explosionsschutz.

Sicherheit in Sekundenschnelle

„Sollte ein einzelner Bereich der riesigen Hallen in Brand geraten oder ein Leck in einer Gasversorgungsleitung auftreten, muss ein ausgeklügelter Mechanismus greifen, der einzelne oder – bei einem Hauptalarm – alle Prüfstände, Motoren sowie Mess- und Regelsysteme, Klimaanlagen, Heizungen und Kräne in Sekundenbruchteilen aus- und stromlos schaltet“, sagt Stegmair. Danach werden automatische Löschanlagen ausgelöst, die Kraftstoffzufuhr gekappt und alle gasführenden Leitungen der Prüfstandanlage sowie der Motoren mit Stickstoff gespült.

DEKRA Experte Marc Kipping überprüft und zertifiziert nicht nur die funktionale Sicherheit des Not-Aus-Systems, er hat MAN auch im Vorfeld dazu beraten. Gemeinsam entschied man sich für eine sicherheitsgerichtete speicherprogrammierte Steuerung, kurz sSPS, die ausfallsicher ihren Dienst verrichtet und für mehr Sicherheit am Prüfstand steht.

(Bild: Karl-Heinz Augustin)

Explosions- und Brandschutz: DEKRA Ingenieur Marc Kipping bringt den MAN-20-Zylinder-Dieselmotor durch das Drücken des Not-Aus-Schalters zum Stehen. Der simulierte Ablauf eines Alarms zeigt dem Experten, ob die funktionale Sicherheit des Prüfstands gegeben ist. (Bild: Karl-Heinz Augustin)

„Sie haben uns damit definitiv in die richtige Richtung begleitet“, lobt Stegmair. Selbst bei Ausfall einer Komponente oder der gesamten Steuerung kann ein zweites, parallel dazu aufgebautes System im Ernstfall abschalten. „Man kann die sSPS als eine Art zentrales Nervensystem betrachten, mit und in dem alle Maschinen miteinander verbunden sind“, erklärt Kipping.

DEKRA EXAM berät das MAN-Team ebenfalls in Sachen Sicherheit, wenn es um die Motorenprüfstände und die Motoren selbst geht. Spezialisten für Maschinensicherheit behalten die möglichen Gefahren im Umgang mit den Aggregaten nach neuesten CE-Richtlinien im Auge. Stegmair lobt: „Durch diese Zusammenarbeit trägt DEKRA EXAM erheblich zur Qualifizierung der MAN-Mitarbeiter in Sachen Brand- und Explosionsschutz, Maschinensicherheit sowie funktionaler Sicherheit bei.“

Stillstand auf Knopfdruck

Um die Alarmierung und die simultane Abschaltung der Motorenprüfstände unter Realbedingungen zu überprüfen, lässt Kipping dann einen 20-Zylinder-Motor anwerfen. Ohrschützer werden verteilt, der Lärm beim Starten des Aggregats ist durchdringend. Ein Druck auf den Anlasser versetzt den gesamten Motorblock in Schwingung. Nachdem der Antrieb Last aufgenommen hat, folgt ein weiterer Druck von Kipping auf einen roten „Not-Aus“-Knopf an einer Säule in der Nähe – woraufhin der Motor sofort wieder verstummt. Auf dem LED-Bildschirm unter dem Leitstand leuchten die Worte „Not-Aus Prüffeld“ auf, ein lautes Alarmsignal ist zu hören. Nun ist es an Kipping, gemeinsam mit seinem Kollegen Oussama Cherichi alle Schaltschränke in der Nähe der Motoren zu öffnen und die Schaltzustände mit der Kamera zu dokumentieren.

Nach einer für alle Beteiligten anstrengenden Nachtschicht mit vielen An- und Abschaltungen sowie Alarmierungen steht jedoch fest: MAN Diesel und Turbo SE ist nicht nur in der Motortechnik führend, sondern auch beim Brand- und Explosionsschutz sowie dem Thema Maschinensicherheit für das Testmotorenfeld in Augsburg.
(Text: Alexander Föll)

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