Arbeitsunfälle clever vermeiden

Arbeitsunfälle durch menschliches Versagen lassen sich vermeiden: Der Schlüssel dazu liegt in unserem Gehirn. Ein Interview mit David Musgrave von DEKRA Insight verrät mehr.

Wie Pilot und Copilot sollen Mitarbeiter im Team ihre nächsten Arbeitsschritte miteinander durchgehen, um das Arbeiten sicherer zu machen. Illustration: Michael Stach

Wie Pilot und Copilot sollen Mitarbeiter im Team ihre nächsten Arbeitsschritte miteinander durchgehen, um das Arbeiten sicherer zu machen. Illustration: Michael Stach

Ist die Funktionsweise eines Gehirns mit der eines Computers vergleichbar?
Musgrave: Mittlerweile wissen wir viel darüber, was Menschen antreibt und was sie motiviert. Wir wissen außerdem sehr viel mehr über die Biologie des Gehirns. Noch vor zehn Jahren dachten wir, das Gehirn funktioniert wie ein Computer. Doch dies ist nicht der Fall.

Worin liegen die größten Unterschiede?
Musgrave: Im Gegensatz zu Computern haben wir einen unbegrenzten Speicherplatz. Wir können unendlich viele Informationen in unsere Gehirne einspeisen und bekommen nie Platzprobleme. Zudem können wir viele Dinge gleichzeitig machen, Computer nicht. Sie sind darauf ausgelegt, Dinge Schritt für Schritt auszuarbeiten. Das Gehirn macht mittels einer Reihe elektrochemischer Reaktionen viele Dinge auf einmal. Daher kommt auch seine Verarbeitungsgeschwindigkeit. Jedoch gibt es ein Schlüsselgebiet, auf dem unsere Gehirne den meisten Computern unterlegen sind: die Zuverlässigkeit. Diese Einschränkung hat große Auswirkungen auf die Sicherheit und die richtige Erst­reaktion am Arbeitsplatz.

Was sind die Ursachen für diese Unterlegenheit?
Musgrave: Es ist schwieriger für uns, die richtige Information aus unserem Gehirn zu holen als bei einem Computer. Menschliche Erinnerung verschlüsselt Informationen ein bisschen so, als würden wir sie in Furchen anlegen. Das ist der Lernprozess. Im Abrufprozess müssen wir rekonstruieren, was wir zuvor gelernt haben, und es gibt nie eine genaue Übereinstimmung, sodass Fehler passieren können. Das Problem der Zuverlässigkeit stammt teilweise von Gehirn-zentrierten Risiken – Brain-Centered Hazards –, mit denen jeder Arbeitnehmer im Job zurechtkommen muss. Kognitive Erschöpfung ist ein Beispiel dafür: Das Gehirn hat nicht mehr die Energie, um sicherheitskritische Situationen zu durchdenken, wenn es erschöpft ist. Deshalb funktioniert es nicht zuverlässig. So kann beispielsweise ein Bandarbeiter, der seit Jahren die gleiche Tätigkeit ausübt, eines Tages einen Fehler machen, der zu ernsthaften Verletzungen oder massiven Betriebsstörungen führt. Faktoren wie Arbeitsumgebung, Aufgabengestaltung, Firmenkultur und Unternehmensführung tragen auch dazu bei, dass Arbeitnehmern Fehler unterlaufen können, anstatt ­kritische Aufgaben erfolgreich auszuführen.

Wie könnten solche Risiken minimiert werden?
Musgrave: Indem Unternehmen Lösungen etablieren, die uns zu aktiverem und kritischerem Denken anregen und einen zuverlässigen Betrieb gewährleisten. Ein Beispiel ist die Einrichtung einer Gegenprüfung: Zwei oder drei Mitarbeiter, die an einer kritischen Aufgabe arbeiten, sprechen tatsächlich die notwendigen Schritte durch, ähnlich der Zusammenarbeit zwischen Pilot und Copilot. DEKRA Insight ist mit seinem Brain-Centric Reliability System, das derzeit in mehreren Unternehmen eingeführt wird, an vorderster Front dieser neuen Entwicklung. Mit diesem Konzept können Organisationen, Teams und Individuen die Kontrolle über Funk­tionssicherheit und menschliche Fehlleistung übernehmen, indem sie die Arbeit mit klarem Verstand planen.

David Musgrave, Vizepräsident des Brain-Centric Reliability System für DEKRA Insight. Foto: Musgrave

David Musgrave,
Vizepräsident des Brain-Centric Reliability System für DEKRA Insight. Foto: Musgrave