Den Schäden auf der Spur

Wenn ein Schaden am Fahrzeug entstanden ist, geht es meist um eine Menge Geld. Jetzt braucht es ein professionelles Gutachten. Im DEKRA Bildungszentrum werden Ingenieure und Kfz-Meister zu Schaden-Profis.

DEKRA Gutachter

Ein DEKRA Gutachter nimmt einen Unfallschaden unter die Lupe. Foto: DEKRA

Gespannt sitzen sie da, die Teilnehmer der Kick-off-Veranstaltung zu Beginn des neuen Grundlehrgangs für Schadengutachter und Bewerter im DEKRA Bildungszentrum in Altensteig. Was erwartet mich in den nächsten Wochen und Monaten? Wie bekomme ich die einzelnen Ausbildungsmodule mit meinem Job unter einen Hut? Schaffe ich problemlos die Abschlussprüfungen? Fragen wie diese dürften jedem Einzelnen durch den Kopf gehen, während Ausbildungsleiter Martin Lutz einen kurzen Überblick über das Gesamtkonzept gibt. Und das hat es wahrlich in sich.

Martin Lutz: „Als Sachverständigenorganisation leben wir nun mal vom Sachverstand und der Qualifikation jedes einzelnen Mitarbeiters.“ Foto: Matthias Gaul

Martin Lutz: „Als Sachverständigenorganisation leben wir nun mal vom Sachverstand und der Qualifikation jedes einzelnen Mitarbeiters.“ Foto: Matthias Gaul

Wer sich für die Ausbildung zum Bewerter entscheidet, um nach Ende des Lehrgangs etwa im Auftrag von Leasinggesellschaften, Vermietern, Flottenbetreibern und Autohäusern sowie Privatpersonen den Einkaufs-, Verkaufs- oder Wiederbeschaffungswert von Kraftfahrzeugen zu ermitteln, hat über einen Zeitraum von circa zwölf Wochen insgesamt fünf mehrtägige Module zu absolvieren. Für Schadengutachter beläuft sich der Aufwand auf elf Module über einen Zeitraum von bis zu acht Monaten. Angehende Schadengutachter verbringen dabei 38 Tage direkt im Bildungszentrum in Altensteig und zehn Tage in einer Mentorenniederlassung von DEKRA.

„Zwischen den einzelnen Bausteinen ist genügend Zeit, um die Lerninhalte vor- und nachzubereiten sowie das erworbene Wissen umgehend bei der täglichen Arbeit anzuwenden. Zusätzlich werden die Präsenzveranstaltungen durch Blended Learning in Form von E-Learnings unterstützt“, sagt Martin Lutz im Hinblick auf die enge Verzahnung von Theorie und Praxis. „Die duale Ausbildung ist in dieser Form nahezu ein Alleinstellungsmerkmal unseres Hauses“, so der Kfz-Sachverständige und Unfallanalytiker weiter. Eine weitere Besonderheit sei, dass die Abschlussprüfung in Kooperation mit dem in Köln ansässigen Institut für Sachverständigenwesen (IfS) erfolgt.

Weiterqualifizierung für neue Herausforderungen

Das IfS ist seit vielen Jahren ein anerkanntes Forum für die Entwicklung nationaler wie internationaler Standards – es hat also Gewicht in der Branche, entsprechend hoch sind die Anforderungen an die Ausbildungsteilnehmer. Das verwundert nicht, schließlich geht es bei Schadengutachten für Versicherungen und Versicherungsnehmer häufig um eine Menge Geld. Umso notwendiger ist eine qualifizierte Ausbildung, damit die Gutachter ihrer großen Verantwortung gerecht werden.

Jannick Koch: „Die Abwechslung zwischen Theorie und Praxis hat viel Spaß gemacht – die Vorfreude auf die weitere Ausbildung ist garantiert.“ Foto: Matthias Gaul

Jannick Koch: „Die Abwechslung zwischen Theorie und Praxis hat viel Spaß gemacht – die Vorfreude auf die weitere Ausbildung ist garantiert.“ Foto: Matthias Gaul

Diese Herausforderung nimmt Jannick Koch, Fachgebietsverantwortlicher Gebrauchtwagen-Management für Audi und Porsche in der DEKRA Niederlassung Stuttgart, gerne an. Der für fünf Standorte zuständige Teamleiter hat schon vor ein paar Jahren die Ausbildung zum Bewerter absolviert und sattelt nun noch eine Qualifizierungsstufe oben drauf. „Um ein noch breiteres Spektrum abzudecken, habe ich mich für den Schadengutachter-Lehrgang entschieden“, sagt der 23-jährige Kfz-Meister. Damit nicht genug: Stand heute will der begeisterte Fußballfan eines Tages auch noch an der IfS-Zertifikatsprüfung für Schadengutachter teilnehmen. Das ist möglich, wenn man mindestens drei Jahre lang als Kfz-Sachverständiger gearbeitet hat.

Von seiner Ausbildung her wohl eher zu den selteneren Teilnehmern des DEKRA Lehrgangs zählt Alexandre Rémon. Der studierte Luft- und Raumfahrttechniker ist bei der DEKRA Automobil GmbH in der Hauptverwaltung in Stuttgart im Bereich Qualitätsentwicklung tätig und befasst sich dort mit der Datenanalyse rund um Fahrzeugbewertungen und Schadengutachten. „Ich verschaffe mir in Altensteig den nötigen Hintergrund, um besser zu verstehen, wie und wo die erhobenen Daten entstehen und welche Faktoren auf diese Daten Einfluss haben“, erläutert der gebürtige Stuttgarter mit französischen Wurzeln. Das erworbene Know-how soll dazu dienen, mögliches Fehlerpotenzial zu entdecken, die Prozessabläufe immer weiter zu optimieren und so die Sachverständigen vor Ort bei ihrer Arbeit bestmöglich zu unterstützen.

3 – Ausbildungsleiter Martin Lutz präsentiert bei der Kick-off-Veranstaltung unter anderem auch den Gutachter-Koffer Instructor Daniel Kilgus and Alexandre Rémon investigate accident damage. Photo: Matthias Gaul 10 – Die Bestimmung des richtigen Farbtons ist einer der entscheidenden Arbeitsschritte bei der Reparaturlackierung 9 – Auch die Besonderheiten einer Aluminiumkarosserie sind Thema der Gutachter-Ausbildung Die Bestimmung des richtigen Farbtons ist einer der entscheidenden Arbeitsschritte bei der Reparaturlackierung. Foto: Matthias Gaul

Viel High-Tech für praxisnahe Ausbildung

Wie die übrigen Teilnehmer erwartet Jannick Koch und Alexandre Rémon in den kommenden Monaten ein umfangreiches Lernprogramm mit ausgewiesenen Fachexperten als Referenten. In Modulen wie Karosserie, Lack oder Karosserietechnik inklusive Fahrwerksvermessung legen sie dabei selbst Hand an und erfahren, wie Automobile zusammengesetzt sind, wie diese beim Crash reagieren und welche Reparatur- und Lackiermöglichkeiten es unter anderem angesichts vieler neuer Materialien sowie der vermehrt verbauten Fahrerassistenzsysteme und Sensorik gibt. Das DEKRA Bildungszentrum Altensteig ist zu diesem Zweck mit jeder Menge High-Tech ausgestattet – darunter zwei moderne Richt- und Messsysteme, ein eigener Raum mit Umformungsmaschinen zur Fertigung beziehungsweise Abänderung von Karosserieteilen, eine Hebebühne zur Diagnose und Demontage respektive Montage der verunfallten Fahrzeuge sowie eine verglaste Sehon-Lackierkabine mit angrenzendem Lackmischraum.

Alexandre Rémon: „Aus der ersten Ausbildungswoche bin ich mit spannenden Eindrücken und einem geschärften Blick für das Fahrzeug an den Arbeitsplatz zurückgekehrt.“ Foto: Matthias GaulAlexandre Rémon: „Aus der ersten Ausbildungswoche bin ich mit spannenden Eindrücken und einem geschärften Blick für das Fahrzeug an den Arbeitsplatz zurückgekehrt.“ Foto: Matthias Gaul

Alexandre Rémon: „Aus der ersten Ausbildungswoche bin ich mit spannenden Eindrücken und einem geschärften Blick für das Fahrzeug an den Arbeitsplatz zurückgekehrt.“ Foto: Matthias Gaul

Erst jüngst erfolgte außerdem die Investition in einen Multi-Material-Arbeitsplatz für alle Karosseriearbeiten an Stahl, Aluminium und Carbon sowie deren Mischbauweisen inklusive Multi-Dust-Separator für die sichere und funkenfreie Absaugung unterschiedlichster Stäube ohne Explosionsgefahr. Neben Pkw umfasst das Lernprogramm übrigens auch ein Modul für Krafträder, leichte Nutzfahrzeuge und Wohnfahrzeuge. Außerdem Einführungen in die Fahrzeugbesichtigung und Schadenaufnahme, den Umgang mit Bewertungs-Tools, die Kalkulation und Gutachtenerstellung sowie das Schadenrecht. Für ein breites Spektrum ist also gesorgt. Und wer weiß, vielleicht entschließt sich der ein oder andere Teilnehmer anschließend auch zu einer weiteren Spezialisierung in Richtung Gutachten für schwere Nutzfahrzeuge oder Motorenaggregate. Das Angebot in Altensteig ist jedenfalls gefragt. Das gilt in gleichem Maße für die Sachverständigen von DEKRA. Bundesweit beschäftigt die Expertenorganisation mittlerweile rund 3.000 Schadengutachter, davon circa 170 mit IfS-Zertifikat. Deren Zahl dürfte auch in den kommenden Jahren weiter zunehmen.