Kletterkünste

60 Meter über der Erde und 380.000 Volt in unmittelbarer Nähe: Arbeitssicherheit und routinierte Abläufe haben bei Freileitungsmonteuren höchste Priorität.

"Aufeinander zu achten, ist ein wichtiges Thema unter den Männern und eine wichtige Aufgabe für die Vorgesetzten", sagt Michael Schürle, Leiter Integriertes Managementsystem bei Cteam. Foto: Ulrich Schepp/Wmp-Wizard-Media

„Aufeinander zu achten, ist ein wichtiges Thema unter den Männern und eine wichtige Aufgabe für die Vorgesetzten“, sagt Michael Schürle, Leiter Integriertes Managementsystem bei Cteam. Foto: Ulrich Schepp/Wmp-Wizard-Media

Wenn Christian Stolberg zu seinem Arbeitsplatz will, heißt es erst einmal Klettern. 60 Meter hoch steigt er auf einem Gittermast aus Stahl. Nach jedem Schritt muss er sein Sicherungsseil neu einhaken. Erst dann geht’s weiter. Die Stromleitung, an der er zu tun hat, ist natürlich abgeschaltet. Doch dass auf der anderen Seite, zehn Meter neben ihm, 380.000 Volt durch die Leitungen knistern, bleibt ihm nicht verborgen. Das Brummen der höchsten Spannung, die in deutschen Stromnetzen anliegt, ist deutlich zu hören, die Vibrationen kann er spüren. Dass die Freileitungsmonteure der Firma Cteam Consulting & Anlagenbau aus Ummendorf in Baden-Württemberg bei so einem Job peinlich genau auf ihre Sicherheit achten müssen, dürfte klar sein.

Schwindelerregend: Hier oben müssen jeder Handgriff und jeder Schritt sorgfältig überlegt sein. Foto: Ulrich Schepp/Wmp-Wizard-Media

Schwindelerregend: Hier oben müssen jeder Handgriff und jeder Schritt sorgfältig überlegt sein. Foto: Ulrich Schepp/Wmp-Wizard-Media

Das Thema ist immer präsent und ein wichtiger Bestandteil der Einsatzbesprechung des 26 Mann starken Trupps. Beim Briefing auf der Baustelle und Cteam-Baulager bei der alten Gurkenfabrik in Biblis erklärt der Streckenbauleiter Ernst Lueger, welche Arbeiten anstehen und auf welche Gefahren zu achten ist: herabfallende Teile, beschädigte Werkzeuge und natürlich spannungsführende Elemente. Alle Sicherheitsregeln beim Arbeiten in der Höhe sind zwingend zu beachten, schärft der Chef seinen Monteuren ein. Für die kroatischen Teammitglieder gibt es eine Übersetzung.

Das alles ist normalerweise Routine. Heute aber nicht ganz. Andreas Geiger von DEKRA Organisational Reliability und sein Kollege Thomas Fischer haben nicht nur an einer Einführungsbesprechung und der Unterweisung teilgenommen. Sie werden die Mannschaft von Cteam den ganzen Tag auf der Baustelle begleiten und sich die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen in der Praxis anschauen. Im Anschluss erfolgt die Bewertung der Sicherheit und Einstellung des Verhaltens und der kulturellen Aspekte auf der Baustelle.

 

Zertifizierte Sicherheitskultur

Hintergrund des Audits ist die fünfstufige Safety Culture Ladder (SCL), ein zertifizierbarer Standard für die Sicherheitskultur in Unternehmen. Einer der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber, ­TenneT, nutzt die SCL als Maßnahme, um bei sich und den Auftragnehmern wie Cteam das Sicherheitsbewusstsein zu erhöhen und letztlich die höchste Sicherheitseinstufung zu erreichen. Cteam ist im oberschwäbischen Landkreis Biberach ansässig und hat insgesamt 455 Mitarbeiter; davon sind 269 im Bereich Freileitungsbau beschäftigt. Die beiden DEKRA Sicherheitsexperten unterstützen die Firma dabei, die Strukturen zu optimieren und ebenfalls im Ranking voranzukommen.

„TenneT ist hier die treibende Kraft. Das Unternehmen will auf Stufe vier kommen, die ­zweitbeste ­Kategorie. Dazu müssen die Zulieferer Stufe drei erreichen“, erklärt Benjamin Gick, Projektleiter bei DEKRA Assurance Services. Zu den Zulieferern, die ihre Sicherheitsstrukturen kontrollieren lassen, gehören nicht nur Leitungsbauer. Das gesamte Gewerbespektrum ist gefordert. Es reicht von der Kantine über Kampfmittelbeseitiger auf den Baustellen bis zum Schädlingsbekämpfer. Die Berater beobachten auch die Arbeit an Windkraftanlagen oder auf Kabellegerschiffen. „Wir sind nicht im Einsatz, weil wir unbedingt etwas finden wollen“, sagt DEKRA Mann Andreas Geiger. Er sieht seine Aufgabe stattdessen darin, herauszubekommen, wie das Thema Sicherheit in der Firma gelebt wird und wie man es gemeinsam weiterentwickeln kann.

Bei jedem Wetter

Sicherheitscheck: Alle Arbeitsmittel werden von den Freileitungsmonteuren vor und nach dem Einsatz überprüft. Foto: Ulrich Schepp/Wmp-Wizard-Media

Sicherheitscheck: Alle Arbeitsmittel werden von den Freileitungsmonteuren vor und nach dem Einsatz überprüft. Foto: Ulrich Schepp/Wmp-Wizard-Media

So auch an diesem Tag. Die Projektaufgabe von Cteam ist es, zwei 380-Kilovolt-Stromkreise auf einer Länge von sechs Kilometern mit neuen Leiterseilen aufzurüsten. Die gigantischen Isolatoren werden ebenfalls ausgetauscht. Hellblaue Kunststoffelemente ersetzen dabei die braunen Isolatoren aus Keramik.

Die Masten, auf denen die Freileitungsmonteure werkeln, sind hier 50 bis 70 Meter hoch, zwei Kirchtürme übereinander. Die Männer tragen schweres Werkzeug und haben eine Sicherheitsausrüstung am Leib, die allein bereits etwa 30 Kilogramm wiegt. Dass es an diesem Tag schon unten am Boden eiskalt ist, scheint sie nicht zu stören. Mehrere Schichten Kleidung, winddichte Jacken und Schutzbrillen erfüllen ihren Zweck. Die Kletterer – viele kommen aus Österreich – haben gute Laune, und jeder versichert: Dieser Job macht Spaß. Gearbeitet wird bei jedem Wetter. Nur bei Eis und starken Windböen bleiben sie am Boden.

Achtsames Miteinander

Die erste Inspektionsrunde der SCL-Experten führt durchs Baulager im Industriegebiet bei Biblis. Beschädigte Werkzeuge werden hier in Kisten weg­gesperrt, damit sie nicht mehr benutzt werden können. Die schweren Kabeltrommeln auf dem Gelände sind mit Keilen gegen Wegrollen gesichert. Das gefällt Thomas Fischer schon einmal gut. Aber wie ist das mit den kroatischen Mitarbeitern, verstehen sie wirklich alle Hinweise? Die Cteam-Mitarbeiter sind sich einig, dass das kein Problem ist. Einige sprechen gut Deutsch und geben die Informationen an ihre Kollegen weiter, und das Unternehmen bietet außerdem Deutschkurse an. Ganz praktisch löst es Streckenbauleiter Ernst Lueger. „Wenn ich mir nicht sicher bin, ob ein Kollege das richtig begriffen hat, fahre ich raus und schau’s mir an“, erzählt er.

Streckenbauleiter Ernst Lueger (links) erklärt den DEKRA Experten Andreas Geiger und Thomas Fischer die Funktionsweise eines Leitungsfahrwagens. Foto: Ulrich Schepp/Wmp-Wizard-Media

Streckenbauleiter Ernst Lueger (links) erklärt den DEKRA Experten Andreas Geiger und Thomas Fischer die Funktionsweise eines Leitungsfahrwagens. Foto: Ulrich Schepp/Wmp-Wizard-Media

Michael Schürle ist Leiter Integriertes Managementsystem bei Cteam und damit zuständig für Qualität, Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie für Umweltbelange. Er verweist darauf, dass die Eintrittsschulungen für neue Mitarbeiter von drei Tagen auf eine Woche verlängert wurden. Gegenseitig aufeinander zu achten, sei für die Männer selbstverständlich und natürlich auch eine wichtige Aufgabe der Vorgesetzten. Das Team erhält zudem eine Prämie, wenn es ein halbes Jahr lang unfallfrei arbeitet. Und in noch einem Punkt ist man sich einig: Die größten Gefahrenpotenziale wie Strom und Höhe sind nicht das Problem. Das hat man im Griff. So ist zum Beispiel ungesichertes Steigen ein Entlassungsgrund bei Cteam. Es sind vielmehr die kleinen Dinge, die zu Unfällen führen: Einer stolpert über ein Werkzeug, der andere greift ohne Handschuh in eine Drahtrolle.

Ein paar Minuten später zeigt sich, welche Details entscheidend sein können. Der Monteur an Mast 14 hat Material abgeseilt, darunter auch eine Tragschlinge. Der Kollege am Boden überprüft alles und befindet, dass dieser „Schlupf“ zu mitgenommen sei und nicht mehr verwendet werden könne. Um das sicherzustellen, macht er ihn auch gleich mit einem Messer unbrauchbar. Eigentlich alles vorbildlich. Nur das mit dem Messer gefällt den Sicherheitsexperten nicht. Gibt es da keine andere Möglichkeit, einen Bolzenschneider, eine Schere? Alle wollen sich Gedanken darüber machen und Vorschläge erarbeiten.

Praxisbezogener Ansatz

Kletterkünstler: Egal, ob rauf oder runter: Die schwere Sicherheitsausrüstung ist immer am Mann. Foto: Ulrich Schepp/Wmp-Wizard-Media

Kletterkünstler: Egal, ob rauf oder runter: Die schwere Sicherheitsausrüstung ist immer am Mann. Foto: Ulrich Schepp/Wmp-Wizard-Media

Ein weiterer Punkt macht klar, dass nicht alles per Definition gelöst werden kann, so wünschenswert exakte Standards auch manchmal wären. „Gibt es Vorschriften, bei welcher Windstärke nicht mehr in den Seilen gearbeitet werden darf?“, will Sicherheitsberater Geiger wissen. Nein, die gibt es nicht. Die „Männer von oben“ erläutern, warum das aus ihrer Sicht auch keinen Sinn ergibt: Ein gleichmäßiger Wind ist nicht unbedingt ein Hindernis, während Böen derselben Stärke das Arbeiten unmöglich machen können. Das Resümee von Andreas Geiger und Thomas Fischer bei der Abschlussbesprechung fällt rundweg positiv aus: „Die Leute hier wissen, was sie tun, sie fühlen sich sicher, und es gibt keine nervöse Hektik auf der Baustelle.“ In persönlichen Gesprächen habe sich zudem gezeigt, dass sich auch die Neulinge unter den Freileitungsmonteuren gut aufgehoben fühlten. Und: Mitarbeiter, die vorher bei anderen Firmen gearbeitet hatten, befanden, dass bei Cteam das Thema Sicherheit eine wichtigere Rolle spiele. Die Verantwortlichen von Cteam hören diese Einschätzung gern und ziehen ebenfalls eine positive Bilanz. Schließlich führe eine Betrachtung vor Ort weiter als theoretische Normierungsvorschriften. Praxisbezogen sei eben genau der richtige Ansatz.

Gemeinsam für Sicherheit

Fünf Stufen kennt die Safety Culture Ladder (SCL), der zertifizierbare Standard für das Arbeitssicherheitsbewusstsein in Unternehmen.

Stufe 1 – Pathologisch: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“

Stufe 2 – Reaktiv: Veränderungsverhalten erfolgt spontan und kurz

Stufe 3 – Berechnend: Sicherheitsregeln werden als wichtig empfunden

Stufe 4 – Proaktiv: Sicherheit hat eine hohe Priorität und wird kontinuierlich verbessert

Stufe 5 – Fortschrittlich: Sicherheit ist vollständig in alle Unternehmens­verfahren integriert

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