Wenn der Stress zu groß wird

Immer mehr Arbeitnehmer leiden an einer psychischen Erkrankung. In vielen Unternehmen sind psychische Belastungen aber oft kein Thema. Bis es zu spät ist.

Folgen von chronischem psychischem Stress am Arbeitsplatz können Burn-out oder eine Depression sein. Foto: Fotolia - Carsten Reisinger

Folgen von dauerhaftem psychischem Stress am Arbeitsplatz können zu Burn-out oder einer Depression führen. Foto: Fotolia – Carsten Reisinger

Auf einmal war die Angst da: Matthias T. arbeitet bei einem KEP-Dienstleister. Hoch konzentriert und flink wie ein Wiesel bewegt er sich im täglichen Verkehrschaos. Stau oder Zeitmangel gehören für den Paketzusteller zum Arbeitsalltag. Bis ihm der Druck über den Kopf wächst. Angstzustände, Schwindel und Übelkeit werden zu täglichen Begleitern, bis gar nichts mehr geht. Als sein Arbeitgeber die Krankmeldung erhält, fällt er aus allen Wolken: Matthias T. ist fünf Wochen krankgeschrieben. Ein Dilemma für das kleine Unternehmen.

Psychische Belastung oft kein Thema

Obwohl das Arbeitsschutzgesetz vorschreibt, dass auch psychische Belastungen am Arbeitsplatz zu beurteilen sind, wurde nach Angaben der Entscheider im Personalbereich oder Arbeitsschutz nur in vier von zehn Unternehmen (41 Prozent) eine Gefährdungsbeurteilung zu psychischen Belastungen für die Beschäftigten durchgeführt. Auch der Vorgesetzte von Matthias T. hatte sich bisher keine Gedanken darüber gemacht.

Tatsächlich erfolgte eine Gefährdungsbeurteilung zu psychischen Belastungen für die Beschäftigten tendenziell insbesondere in mittleren und größeren Betrieben mit mehr als 50 Mitarbeitern. Dasselbe gilt für Unternehmen, in denen sowohl Arbeitsplätze mit geistigen als auch mit körperlichen Tätigkeiten vorhanden sind. Unternehmen, die für alle Arbeitsplätze eine allgemeine Gefährdungsbeurteilung durchgeführt haben, haben auch überdurchschnittlich häufig eine Gefährdungsbeurteilung zu psychischen Belastungen für die Beschäftigten vorgenommen.

Quelle: Forsa

Quelle: Forsa

Die Fehlzeiten nehmen zu

Dass Matthias T. wegen einer psychischen Erkrankung fünf Wochen krankgeschrieben war, ist nicht ungewöhnlich: Die Fehlzeiten aufgrund von psychischen Belastungen nehmen bundesweit zu. Laut dem AOK-Fehlzeitenreport 2018 ist die Häufigkeit von Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen zwischen 2007 und 2017 um 67,5 Prozent angestiegen. Außerdem führen diese Erkrankungen zu besonders langen Ausfallzeiten. Mit durchschnittlich 26 Krankheitstagen je Attest dauerten sie 2017 mehr als doppelt so lange wie eine durchschnittliche Krankschreibung.

Psychische Belastungen erkennen

Wird häufg ignoriert: die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen. Foto: Farknot Architect - stock.adobe.com

Wird häufg ignoriert: die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen. Foto: Farknot Architect – stock.adobe.com

Die Entscheider im Personalbereich oder Arbeitsschutz wurden gebeten anzugeben, ob die psychischen Belastungen in der Arbeitswelt sowie in ihrem Unternehmen sich ihrer Meinung nach in den letzten Jahren verändert haben. Die Ergebnisse zeigen ein widersprüchliches Bild: Die große Mehrheit der Befragten (76 Prozent) meint, dass die psychischen Belastungen in der Arbeitswelt heute alles in allem größer sind als vor ungefähr zehn Jahren. Nur 20 Prozent sind der Auffassung, dass sich an der psychischen Belastung in der Arbeitswelt im Großen und Ganzen nichts geändert hat. Dass die psychischen Belastungen für die Mitarbeiter in ihrem Unternehmen in den letzten Jahren größer geworden sind, glaubt allerdings nur jeder zweite Entscheider (50 Prozent). 47 Prozent meinen, dass sich daran letztendlich nichts geändert hat. Nach Meinung der DEKRA Experten könnte dieser Unterschied zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung ein Grund für den zurückhaltenden Umgang mit dem Thema „Psychische Belastungen“ sein.

Matthias T. war lange nicht sicher, ob er sich die Symptome wie Übelkeit, Schwindel und Angstzustände nur einbildet oder ob es etwas Ernstes ist. Als er schließlich zum Arzt geht, schreibt der ihn sofort krank. Aber nicht nur die Angestellten selbst sollten versuchen, so objektiv wie möglich ihre Situation einzuschätzen, sondern auch die Arbeitgeber. Denn dass auch sie Verantwortung für die psychische Gesundheit der Mitarbeiter tragen, darüber sind sich drei von vier (74 Prozent) der befragten Entscheider im Personalbereich oder Arbeitsschutz einig. Sie sind der Meinung, dass sich ein Arbeitgeber aktiv um die psychische Gesundheit seiner Mitarbeiter kümmern sollte. Nur 21 Prozent sind hingegen der Ansicht, dies sei Sache eines jeden Arbeitnehmers selbst. Dass sich ein Arbeitgeber aktiv um die psychische Gesundheit seiner Mitarbeiter kümmern sollte, meinen vor allem diejenigen Befragten, die in einem Unternehmen mit 50 bis unter 500 Mitarbeitern tätig sind oder in deren Betrieb bereits eine Gefährdungsbeurteilung zu psychischen Belastungen durchgeführt wurde.

Quelle: Forsa

Quelle: Forsa

Auch im Unternehmen, für das Matthias T. arbeitet, wurde mittlerweile eine psychische Gefährdungsbeurteilung durchgeführt. Er selbst ist schrittweise wieder ins Arbeitsleben integriert worden. Er und sein Vorgesetzter schauen heute stärker auf Anzeichen für psychische Belastungen und versuchen Stress-Faktoren zu reduzieren.

Weniger Stress – mehr Leistung

DEKRA solutions: Seit mehr als fünf Jahren ist die psychische Gefährdungsbeurteilung (PGB) gesetzlich vorgeschrieben. Welchen Nutzen bietet eine PGB?

Dr. Karin Müller: Arbeitsplätze ohne negativen psychischen Stress bieten den Unternehmen zahlreiche Chancen: produktivere Mitarbeiter, weniger Fehltage und Prozessverbesserungen. Das Arbeitsschutzgesetz (§4 ArbSchG) schreibt vor, dass die Arbeit so zu gestalten ist, dass Gefährdungen für Leben und Gesundheit möglichst gering gehalten werden. Dass hier auch die Psyche eine große Rolle spielt, ist mittlerweile unbestritten.

Dr. Karin Müller, Leiterin des Bereichs „Mensch & Gesundheit“ bei DEKRA. Foto: Karl-Heinz Augustin

Dr. Karin Müller, Leiterin des Bereichs „Mensch & Gesundheit“ bei DEKRA. Foto: Karl-Heinz Augustin

Wie wirkt sich psychischer Stress aus?

Chronischer psychischer Stress kann sich individuell sehr unterschiedlich auswirken. Die Folgen können Burn-out, Depression oder Rückenleiden sein – dies sind die Gründe für die längsten krankheitsbedingten Fehlzeiten von Mitarbeitern. Auch die Wahrscheinlichkeit von Unfällen wächst bei zu hohem Stress.

Welche Methoden gibt es, um die psychische Gefährdungsbeurteilung zu erheben?

Es gibt verschiedene Methoden: Man kann zum Beispiel mit einfachen Checklisten die „objektiven“ Belastungen ermitteln, die von außen erkennbar sind. Die subjektive Einschätzung der Betroffenen wird bei diesem Vorgehen nicht systematisch erfasst. Es hängt jedoch entscheidend von den individuellen Voraussetzungen ab, ob eine psychische Belastung wirklich eine negative Beanspruchung erzeugt oder nicht. Deshalb ist es zielführender, eine Methode anzuwenden, bei der die Arbeitsplatzinhaber tatsächlich selbst befragt werden. Neben standardisierten Einzel- oder Gruppeninterviews oder auch Workshops mit ausgewählten Mitarbeitern bieten sich hier vor allem systematische Befragungsmethoden an.

Warum finden persönliche Befragungen in der Praxis vergleichsweise selten statt?

Gruppengespräche oder Interviews werden in der Regel von einem externen Moderator geleitet und sollen auch Verbesserungsideen entwickeln. Ein Nachteil dieser Methoden ist der hohe Kosten- und Zeitaufwand. Außerdem vergeht zwischen Befragung, Auswertung und tatsächlicher Maßnahme viel Zeit.

Wie sieht aus Ihrer Sicht der Königsweg aus?

Unternehmen sollten auf jeden Fall eine Methode anwenden, die aussagekräftig erfasst, wie es der Belegschaft wirklich geht. Bei DEKRA setzen wir auf ein wissenschaftlich fundiertes Online-Befragungsverfahren, das von dem Berliner Start-up DearEmployee entwickelt wurde. In standardisierten Online-Fragebögen werden neben den objektiven Belastungen auch die subjektiven Gefährdungen detailliert erhoben. Die Befragung wird durch Experten begleitet und auf den Bedarf des Unternehmens maßgeschneidert. Der Vorteil ist, dass die gesamte Belegschaft anonym die Möglichkeit zur Teilnahme hat, die Ergebnisse sofort nach der Befragung vorliegen und damit Verbesserungspotenziale sehr schnell aufgezeigt werden können.

 

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