Männer mit der Lizenz zum Schaukeln

Die DEKRA Spielplatztester sind wieder unterwegs. Im Frühling starten sie ihre Touren über die Spielplätze der Republik und prüfen Spielgeräte auf Sicherheit.

Der Schaukeltest gehört zur Arbeit von DEKRA Spielplatzprüfer Michael Brandt. Foto: Michael Stach

Der Schaukeltest gehört zur Arbeit von DEKRA Spielplatzprüfer Michael Brandt. Foto: Michael Stach

Ein erwachsener Mann auf der Schaukel? Da müssen die Kids und ihre Eltern auf dem Spielplatz am Deutsch-Französischen Garten in Saarbrücken doch zweimal hinschauen. Michael Brandt und sein Kollege Lars ­Steiger nehmen es gelassen. Die DEKRA Spielplatztester sind neugierige Blicke und Nachfragen gewohnt, wenn sie an ihrem „Arbeitsplatz“ auftauchen. Dank Berufskleidung mit Logo ist jedoch schnell klar, dass die beiden in offizieller Mission unterwegs sind. Sie nehmen Rutsche, Wippe, Klettergerüst & Co. auf Spielplätzen und in Freizeitanlagen unter die Lupe. Ihr Auftrag: mögliche Gefahrenquellen finden und ausschalten.

Wenn im Frühling blauer Himmel, Sonnenschein und mildere Temperaturen wieder ins Freie locken, ist für die rund 120 DEKRA Fachleute Hochsaison. Sie bereisen die Spielplätze in der Republik und achten darauf, dass alles in Schuss ist und mögliche Schäden nach dem Winter ausgebessert werden. Fünf bis sechs Spielanlagen schaffen sie pro Tag. Die Auftraggeber sind meist Kommunen, aber auch private ­Anlagenbetreiber.
16.000 Spielplatzunfälle werden pro Jahr gemeldet. „An die Sicherheit von Spielplätzen, Spielgeräten und Freizeitanlagen wie Schwimmbädern werden besonders strenge Anforderungen gestellt“, erklärt Michael Brandt. Die Messlatte liegt hoch, was die Qualität angeht. Das gilt für Hersteller, Betreiber und Prüfer gleichermaßen. Michael Brandt ist DEKRA Spielplatzsachverständiger nach der DIN-Norm. Dafür muss man eine Spezialausbildung absolvieren – Lars Steiger steckt gerade ­mittendrin.

Der erste Blick geht nach unten

Betreten sie einen Spielplatz, geht oft der erste Blick nach unten. Der Bodenbelag ist zugleich Fallschutz, sprich: Das Material muss eine bestimmte Körnung und Füllhöhe aufweisen. Die wird mittels eines Mess­stabs geprüft – und ist an diesem Spielplatz nicht überall ausreichend. Stellenweise ist der Boden nur gerade so bedeckt, schon nach kurzem Scharren mit dem Fuß sind die runden Steinchen weg. „Hier muss man auffüllen“, erklärt Michael Brandt.

Dann werden weitere Gefahrenquellen abgecheckt. Wo besteht Absturzgefahr? Gibt es Klemmstellen? Spitze Teile, die eine Verletzungsgefahr darstellen? In welchem Zustand sind die Spielgeräte? Stimmt der Neigungswinkel der Rutsche noch? Gibt es lose oder nicht abgedeckte Schrauben? Durchgewetzte Seile, rostige Ketten? Konzentration, eine gute Beobachtungsgabe und Genauigkeit sind gefragt. Auch das Umfeld, Zäune, Kletterbäume, eventuell giftige Pflanzen und die Wege zum Spielplatz werden bei der Prüfung begutachtet.

Für die Sicherheit auf Holz geklopft

„Unter dem Schaukelbrett zum Beispiel müssen 35 Zentimeter Bodenfreiheit sein“, erklärt Brandt, während er das Maßband aus dem Rucksack holt. Der Abstand passt. „Auch hört man am Klang, ob das Holz in Ordnung ist“, berichtet er und macht mit dem Hammer die Klopfprobe. Danach ist „Resis Traktor“ dran. Das ist der Spitzname für ein Spezialgerät mit einer feinen Nadel für Holzbohrungen. Damit wird festgestellt, ob das Holzschaukelgestell eventuell morsch oder faul ist. Spätestens jetzt haben die beiden Experten die volle Aufmerksamkeit der Kinder und Eltern, die sich langsam näher wagen. Man kommt ins Gespräch, Kommunikation gehört bei diesem Job dazu. „Das Brett hier wackelt auch“, teilt ein kleines Mädchen hilfsbereit mit.

Der Bodenbelag muss eine bestimmte Körnung und Füllhöhe aufweisen. Foto: Michael Stach Die Netzabstände werden mit Prüf­körpern gecheckt. Foto: Michael Stach „Resis Traktor“ kommt faulem Holz auf die Schliche. Foto: Michael Stach Die Halteseile der Spielgeräte dürfen auf keinen Fall angerissen sein. Foto: Michael Stach Ein Wackelbrett sollte auch problemlos einen Erwachsenen tragen. Foto: Michael Stach Die Schnur deckt auf, wo sich Pullis verfangen könnten. Foto: Michael Stach Zäune am Spielplatz werden genau auf rostige Oberflächen untersucht. Foto: Michael Stach Im Büro wird der Prüfbericht für den Betreiber verfasst. Foto: Michael Stach

Brandt und Steiger nehmen sich das Spielgerät vor. Diesmal ist Entwarnung angesagt: Die Rampe ist tatsächlich als Wackelbrett konzipiert. „Schließlich sollen Spielgeräte ja auch die Möglichkeit geben, sich auszuprobieren, zu lernen, mit Risiken angemessen umzugehen“, gibt Brandt zu bedenken, denn so können Kinder ihre motorischen Fähigkeiten und ihre Schutzreflexe trainieren. Fallen will eben gelernt sein. Und wer traut sich, übers Dach vom Klettergerüst zu steigen? Wer balanciert am geschicktesten, wenn man zu dritt auf der Wippe steht? Grenzen austesten gehört ein Stück weit dazu. Zu verhindern sind allerdings schwerere Unfälle, die Verletzungen oder bleibende Schäden nach sich ziehen.

Deshalb werden alle besonders belasteten Teile auf Verschleiß oder marode Stellen untersucht. Aufgedröselte Seile oder angerostete Kettenglieder sind Indizien dafür, dass die Teile ausgetauscht werden müssen. Je nachdem, wie schlecht der Zustand ist, können die DEKRA Experten das Spielgerät oder im Extremfall den ganzen Platz sperren. Schäden müssen schnellstens beseitigt werden. Ist das nicht möglich, muss das Spielgerät demontiert werden.

Den Nachwuchs im Auge behalten

Aber auch die Eltern können etwas für die Sicherheit ihrer Kinder tun. Sie sollten sich nicht vom Blick aufs Handy ablenken lassen, während der Nachwuchs Rutsche oder Klettergerüst erobert. Ketten oder Kordeln an der Kleidung können zu Fallstricken werden. Ebenso wie Fahrradhelme, die beim Klettern und Toben hängen bleiben und zur Strangulations­gefahr werden.

Dann lüftet Michael Brandt das Geheimnis, was die knallroten Plastikteile im Rucksack der Tester sind: Prüfkörper in „Kindergröße“. Damit testen sie Netze, Sprossenabstände und mögliche Klemmstellen. Mit einer dünnen Metallschnur prüfen sie Stellen, an denen sich Kordelzüge von Kapuzenpullis verfangen können.

Für Brandt ist sein Beruf mehr als nur ein Job. Den „Röntgenblick“ für mögliche Gefahrensituationen kann er auch im Privatleben oder im Urlaub nicht abschalten. „Der ist einfach da“, sagt er lachend und weist auf eine Eisenumzäunung am Spielplatz hin. „Diese scharfen Grate an den Kanten gehen gar nicht.“ Prüfend reibt er mit dem Finger darüber. Noch eine Notiz auf der Liste zum Nachbessern. Denn nach dem Außeneinsatz an der frischen Luft kommt für die Spielplatztester der Bürojob. Der ausführliche Prüfbericht samt Handlungsempfehlungen und Auflagen für den Betreiber muss verfasst werden. Und dann wartet schon der nächste Auftrag.

Sicherheit mit Augenmaß

Spielplätze dürfen auch ein begrenztes Risiko enthalten. Das ist weltweit die Meinung vieler Experten, die Spielplätze auch als Spielwiesen sehen, auf denen Kinder ihre motorischen Fähigkeiten und ihre Schutzreflexe trainieren können. Auf dem berühmten ­Prinzessin-Diana-Spielplatz (Diana, Princess of Wales’ Memorial Playground) an der Bayswater Road in London, der jährlich von einer Million Menschen besucht wird, gibt es beispielsweise einen Hinweis für Eltern, dass Gefahren beabsichtigt sind. Auch in Australien gelten Standards für Kinderspielplätze, die die Vorteile für die körperliche Entwicklung betonen und nicht nur auf mögliche Gefahren hinweisen. Dies bedeutet nicht, dass Spielgeräte nicht mit dem Ziel größtmöglicher Sicherheit konstruiert und installiert werden. Erst die individuelle Nutzung birgt das Risiko – und folgt dabei einer einfachen Logik: mehr Übung gleich mehr Sicherheit!

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