Huch, hoch!

Seit 15 Jahren ist José Calvache (47) Kranprüfer an der Niederlassung der DEKRA Industrial SAS in Lyon. Er hat dabei schon vieles erlebt, aber Routine kommt bei seinem gefährlichen Job zum Glück nie auf. Jede einzelne Prüfung erfordert ein Höchstmaß an Konzentration und Mut.

Hoch hinaus: José Calvache fährt in einem Korb am Kranausleger entlang, um ihn zu inspizieren. Unter ihm sind es 35 Meter bis zum Boden. Foto: DEKRA

Hoch hinaus: José Calvache fährt in einem Korb am Kranausleger entlang, um ihn zu inspizieren. Unter ihm sind es 35 Meter bis zum Boden. Foto: DEKRA

Punkt 8 Uhr morgens, Rue de Château Gaillard im Stadtteil Villeurbanne, rund sechs Kilometer vom Zentrum Lyons entfernt, Temperatur knapp über null Grad: Ruhig und konzentriert bereitet sich José Calvache auf die erste Kranabnahme dieses Tages vor, indem er die in seinem Auto bereitliegende Sicherheitsausrüstung, bestehend aus Sicherheitsschuhen, -weste, Helm, Handschuhen und Kletterausrüstung, anzieht.

Das Objekt seiner Untersuchung ist ein Turmdrehkran des Typs MDT 269 des französischen Herstellers Potain, der in den beiden Tagen zuvor auf der Wohnhaus-Baustelle des Unternehmens Eiffage aufgestellt wurde. Mit seinen 32 Metern unter der Kabine und 40 Metern Ausleger gehört er zur gängigsten Größe von Turmdrehkranen. „Eine Abnahmeprüfung ist in Frankreich vor der erstmaligen Inbetriebnahme eines Krans zwingend vorgeschrieben“, erklärt Alexandre Auclair, der Vertriebs-Kollege von José, währenddessen. „Danach muss der Kran einmal im Jahr geprüft werden – obwohl das sehr selten vorkommt, weil er davor meist ab- und auf einer anderen Baustelle wieder neu aufgebaut wird.“ Rund drei Stunden sind für diese Art der Prüfung veranschlagt.

„Ich konzentriere mich voll und ganz auf die Prüfung“

Schwungvoll steigt José die Leiterstufen im Turm des Kranes hinauf, bis zur Plattform, auf der die drehbare Kabine montiert ist. Dort lässt er sich zunächst vom Monteur des Krans die einzelnen Montageschritte bestätigen, geht mit ihm eine Checkliste durch. Kurz darauf besteigt er den rot lackierten Ausleger, um alle Schrauben und Bolzen selbst zu überprüfen. Heute hat er Glück, sagt er lachend: „Die Sonne scheint, es regnet und es windet nicht – perfekte Bedingungen für meine Arbeit!“

In voller Größe: 40 Meter ist der Ausleger eines Turmdrehkrans vom Typ Potain MDT 269 lang. Foto: DEKRA Schwindelfrei: Blick vom Turminneren zum oberen Ausstieg. Hochgeklettert wird mit freiem Blick und mit Muskelkraft. Foto: DEKRA Gesprächsstoff: Auf der schwankenden Plattform beantworten José Calvache (l.) und Alexandre Auclair (M.) die neugierigen Fragen des Autors. Foto: DEKRA Alles im Blick: Die Anzeige im Führerhaus des Krans zeigt die Auslastung des Auslegers mit dem Testgewicht an. Foto: DEKRA Bis an die Spitze: Volle Konzentration ist angesagt dann legt sich üblicherweise auch die Angst. Foto: DEKRA

Nach einem beherzten Zug am Stahlseil besteigt er einen Wartungskorb, der motorbetrieben entlang des Auslegers 40 Meter bis ganz nach vorne fährt. An einzelnen Stellen hält er an, hakt sich mit Seil und Schäkel ein und steigt so gesichert aus dem Korb auf den Ausleger, um die Verbindungen zu inspizieren. Schon das Zuschauen verursacht ängstlicheren Naturen wahre Schweißausbrüche. „Weißt du, es ist ganz einfach“, wird José nachher unten am Boden sagen, „ich konzentriere mich voll und ganz auf die Prüfung, auf meinen Auftrag, und blende so die Angst aus, die natürlich immer da ist.“ In seinem Arbeitsleben vor DEKRA war er Helikopter-Mechaniker bei der französischen Armee. Auf seinen Job als Prüfer hatte ihn dann eine spezielle, 20-tägige Schulung vorbereitet. Heute ist er Teil eines fünfköpfigen Spezialistenteams an der Niederlassung Lyon.

Hebetest: Blick in 35 Meter Tiefe, wo die Testgewichte am Haken des Krans hängen. Foto: DEKRA

Hebetest: Blick in 35 Meter Tiefe, wo die Testgewichte am Haken des Krans hängen. Foto: DEKRA

Zur Abnahmeprüfung des Potain MDT 269 gehört auch ein Hebetest, der den Kran über das zulässige Gewicht hinaus belastet und so die Stahlseilwinde zum Blockieren bringt. Ganz vorne an der Spitze des Auslegers kann der Kran maximal nur ein der sechs Tonnen Gewicht an der fahrbaren Aufhängung, der „Laufkatze“, tragen. Zunächst testet José dies mit einem zweieinhalb Tonnen schweren Betonblock. Der Ruck, der beim Anheben durch den Kran geht, lässt ihn leicht schwanken. Danach muss José ein Spezialprogramm aufrufen, um weitere fünf Tonnen Gewicht einhängen zu können. Ein Arbeiter unten am Boden befestigt den Haken um die beiden aufeinanderliegenden Blöcke, und mit einem Ruck, der den Kran nach vorne neigt, hängen 7,5 Tonnen am Ausleger – 1,5 Tonnen mehr als erlaubt. Die Konstruktion hält es aus, der Test ist bestanden. Das anschließende Nachschaukeln wird zur Belastungsprobe für den Magen – auch Alexandre Auclair, der mit auf die Plattform gestiegen ist, hält sich angestrengt am Geländer der Plattform fest. „Mir ist wesentlich wohler, wenn wir wieder festen Boden unter den Füßen haben“, gibt er tapfer lächelnd zu.

Gänzlich unbeeindruckt davon ist hingegen sein Kollege José. Zwei- bis dreimal pro Woche führt er solche Kranabnahmen durch. Außerdem prüft er auch Aufzüge, Gerüste und Hubsteiger. Im Vergleich zum höchsten Kran, den er je bestiegen hat, verblassen die 32 Meter des eben geprüften allerdings. „In der Auvergne, beim Bau des Viaduc de la Sioule, musste ich einen 120 Meter hohen Kran prüfen, der an einem der Pfeiler befestigt war“, erinnert sich José. „Das war ,horrible‘! Ich musste wirklich meinen ganzen Mut sammeln, um da hochzuklettern.“

Ähnlich „spannend“ war eine Abnahme, bei der zwar der Kran nicht umfiel, aber bei der das Betonfundament, auf dem er stand, plötzlich unter dem Gewicht nachgab. „Zugegeben, eine mulmige Situation. Es hat stark geruckelt und es gab einen lauten Knall, aber es ist zum Glück nichts passiert. Ich konnte den Kran dann logischerweise nicht für den Betrieb freigeben.“ Und was tut ein Kranprüfer in seiner Freizeit? Sucht er dort ebenfalls den Nervenkitzel? „Na ja, wenn du Online-Spiele und die Jagd dazuzählst, dann schon“, lacht er und verabschiedet sich. Er muss schließlich noch seinen Bericht über die bestandene Abnahmeprüfung schreiben.

Hinter den Kulissen

Autor Alexander Föll begleitete den Kranprüfer José Calvache bei seiner Arbeit. Foto: DEKRA

Autor Alexander Föll (Bild) begleitete den Kranprüfer José Calvache einen Tag lang. Foto: DEKRA

Für José war sie sicherlich Routine, für mich (und den Fotografen) war die Kranprüfung in Lyon alles andere als das. 35 Meter hören sich nicht wirklich hoch an, aber die eher spontane Besteigung des Krans kostete Kraft und wurde oben mit einem sensationellen Ausblick belohnt. Die Kollegen setzten alles daran, uns ihren Arbeitsalltag begreiflich zu machen.

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