Für alle Gezeiten gerüstet

James Cooke arbeitet als „Behavioural Leadership Coach“ mitten in der Nordsee, etwa 150 Kilometer von der britischen Küste entfernt, auf einer Offshore-Plattform, die Kohlenwasserstoff produziert. Für DEKRA berichtet er von den Herausforderungen einer Arbeit inmitten der Wellen.

Die Schicht auf der Plattform beginnt in der Regel um 6 Uhr morgens. Foto: Shutterstock - Lukasz Z

Die Schicht auf der Plattform beginnt in der Regel um 6 Uhr morgens. Foto: Shutterstock – Lukasz Z

Arbeiten mitten im Ozean, umringt von nichts als blauem Wasser – das mag romantisch klingen. Eine unglaubliche Erfahrung ist es allemal, denn hier herrschen besondere Arbeitsbedingungen: Der Weg zur Arbeit, der Ort selbst, das fertige Produkt und die damit verbundenen Gefahren, die alltäglichen Arbeitsbereiche – jede Tätigkeit ist mit­verantwortlich dafür, den Betrieb auf der Plattform aufrechtzu­erhalten. Als „Behavioural Leadership Coach“ unterstütze ich Führungskräfte dabei, Kernkompetenzen der Führungskultur ihrer Organisation zu verstehen, darzustellen und weiterzuentwickeln. Andere Mentoren-Projekte sind stärker auf die Mitarbeiter ausgerichtet und haben deren Interventions- oder Kommunikationsfähigkeiten zum Thema – oder auch eine Mischung aus beidem. Grundlage für alle Projekte, an denen wir uns beteiligen, ist unsere übergreifende Philosophie, eine „Culture of Care“, also eine Kultur der Achtsamkeit, zu schaffen, denn nur so können sichere und verlässliche Ergebnisse erzielt werden. Aber zuallererst muss man mal hierherkommen.

Bevor es zum ersten Mal auf die Offshore-Plattform geht, muss man einen Kurs absolvieren, den „Basic Offshore Survival Kurs“, der die spezifischen Sicherheitsfragen und -abläufe, die für das Arbeiten auf See relevant sind, vermittelt. Der Kurs lehrt grundlegende Kenntnisse und Fähigkeiten für Notfälle bei der An- und Abreise mit dem Hubschrauber: Dabei wird man zum Beispiel kopfüber und an einen Sitz geschnallt unter Wasser getaucht. Das Training simuliert damit den schlimmsten Fall, nämlich was passiert, wenn ein Hubschrauber notlanden muss, und wie man aus dieser Situation entkommt. Wie man sich vorstellen kann, ist das Training nicht jedermanns Sache. Aber ich habe gesehen, wie Menschen beim Training im Schwimmbad ihre Ängste überwunden haben. Das zu beobachten, ist ein beeindruckendes Erlebnis.

„Die Verhaltenskultur zu verändern ist ein schwieriger Prozess“

James Cooke coacht Führungskräfte auf der Plattform in Sachen Führungskultur. Foto: James Cooke

James Cooke coacht Führungskräfte auf der Plattform in Sachen Führungskultur. Foto: James Cooke

Sobald man ausgebildet und für das Arbeiten auf See als kompetent erachtet wurde, beginnt die Rotation. Das heißt, man ist normalerweise zwei Wochen auf der Plattform und zwei Wochen daheim, einige arbeiten aber auch in längeren Zyklen. Das klingt zunächst entspannend, es bedeutet aber auch, dass man drei Wochen lang zwölf Stunden am Tag mitten im Meer arbeitet – weit weg von den Lieben zu Hause. Die Schichten beginnen in der Regel um 6 Uhr morgens mit verschiedenen Teambesprechungen, darunter Schichtübergaben, Be­sprechungen leitender Angestellter über die risikoreichen Aktivitäten des Tages, individuelle, handlungsbezogene Arbeitsgespräche sowie Gespräche darüber, welche Gefahren in welchem Bereich auftreten und wie sie gemildert werden können. Als Coach beobachte und unterstütze ich diese Meetings, indem ich Feedback und Vorschläge einbringe, wenn Verbesserungen möglich sind – und auch um positive Entwicklungen zu loben und diese weiter zu verankern. Normalerweise habe ich dann eine Reihe von Einzel- oder Gruppen-Coaching-Sitzungen, die entweder im Büroumfeld oder auf der Anlage stattfinden.

Jeder Standort hat individuelle Vorteile und kann die Coaching-Teilnehmer auf unterschiedliche Weise beeinflussen. Als Coach ist es mein Ziel, eine solche Sitzung erst dann zu verlassen, wenn eine Veränderung erkenntlich ist. Dies könnte zum Beispiel ein bestimmtes Verhalten sein, das die teilnehmende Führungskraft von da an bei der Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern praktiziert. Möglicherweise hat die Führungskraft auch etwas Neues über sich selbst gelernt, das bei künftigen Tätigkeiten berücksichtigt und angewendet werden kann. Die Verhaltenskultur zu verändern ist ein schwieriger Prozess. Er erfordert einen enormen Aufwand und das Engagement von allen, die am Projekt beteiligt sind. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, dass die Tiefe der Beziehungen, die auf allen Projekt­ebenen während des gesamten Coachings entstehen, von zentraler Bedeutung ist, wenn man wirklich etwas bewirken und einen Erfolg sichtbar machen will. Denn nur diese Tiefe ermöglicht den freien Fluss von Informationen – sowohl der guten als auch der schlechten.

Verwandte Artikel
 
Magazin-Themen
 
Newsletter