Bei Stau Rettungsgasse bilden!

Der 26-jährige Verkehrspolizist Karl-Heinz Kalow reichte 1963 bei den Behörden in Deutschland einen Gesetzesvorschlag zur Rettungsgasse ein. 1971 trat das Gesetz in Kraft. So funktioniert die Rettungsgasse in Deutschland und in anderen Ländern der Welt.

Nach einer aktuellen Auswertung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) funktioniert die Rettungsgasse in rund 80 Prozent der Fälle nicht. Illustration: Michael Stach

Nach einer aktuellen Auswertung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) funktioniert die Rettungsgasse in rund 80 Prozent der Fälle nicht. Illustration: Michael Stach

Stau auf der Autobahn. Ein Durchkommen für die Einsatzkräfte? Oft praktisch unmöglich. Nicht nur das: Autofahrer, die in waghalsigen und unverantwortlichen Umkehrmanövern dem Stau entkommen wollen, verstopfen die Rettungsgasse und bringen sich und andere Verkehrsteilnehmer in Gefahr. Jahrzehnte nach ihrer Einführung funktioniert die Rettungsgasse nach einer aktuellen Auswertung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in rund 80 Prozent der Fälle nicht. Selbst Einsatzhorn und Blaulicht helfen den Einsatzkräften oft nicht: In 20 Prozent der ausgewerteten Fälle reagierten die Fahrer überhaupt nicht und verhinderten so ein schnelles Durchkommen zum Unfallort. Dabei kann für Verletzte jede Sekunde entscheidend sein.

In Deutschland ist die Bildung der Rettungsgasse nach §11 Abs. 2 der Straßenverkehrsordnung verpflichtend: Die Autos auf dem linken Fahrstreifen ziehen nach links, alle anderen Fahrzeuge orientieren sich nach rechts. „Wichtig dabei ist, die Rettungsgasse bereits bei stockendem Verkehr zu bilden“, sagt DEKRA Unfallforscher Markus Egelhaaf. „Sobald man steht, ist es fast unmöglich, sie noch im Nachhinein zu bilden.“ Außerdem sei zu beachten, genügend Abstand zum vorausfahrenden Auto zu halten, um eventuell noch manövrieren zu können. „Erst wenn der Verkehr wieder fließt, darf die Rettungsgasse aufgelöst werden.“ Auch in anderen Ländern Europas besteht die Pflicht, eine Rettungsgasse zu bilden. Dazu zählen beispielsweise Österreich, die Schweiz, Luxemburg und Slowenien. Die Regelung in diesen Ländern ist identisch zur deutschen. In Frankreich und Spanien müssen die Autofahrer Einsatzfahrzeugen die Möglichkeit geben, an ihnen vorbei zur Unfallstelle zu gelangen. In den Niederlanden und Italien gibt es keine speziellen Vorschriften.

Rechte-Hand-Regel: In Deutschland, der Schweiz und anderen Ländern mit Rechtsverkehr hilft die Rechte-Hand-Regel, eine Rettungsgasse zu bilden. Der Daumen steht für die linke Spur. Die anderen Finger repräsentieren die anderen Spuren. Die Lücke dazwischen stellt die Rettungsgasse dar. Illustration: Michael Stach

Rechte-Hand-Regel: In Deutschland, der Schweiz und anderen Ländern mit Rechtsverkehr hilft die Rechte-Hand-Regel, eine Rettungsgasse zu bilden. Der Daumen steht für die linke Spur. Die anderen Finger repräsentieren die anderen Spuren. Die Lücke dazwischen stellt die Rettungsgasse dar. Illustration: Michael Stach

Aufmerksamkeit ist gefragt

In den USA und Kanada regelt das Gesetz, das als „Move Over Law“ bekannt ist, wie im Falle eines Staus als Autofahrer zu reagieren ist. Es besagt, dass jeder Autofahrer, wenn es möglich und sicher ist, auf eine Nebenspur wechseln und das Tempo drosseln muss. Jeder Bundesstaat regelt dabei selbst, ob das Gesetz Anwendung findet beziehungsweise um wie viel die Geschwindigkeit reduziert werden soll. In den meisten Fällen sollen die Fahrer 24 bis 32 km/h (15 bis 20 Meilen pro Stunde) langsamer als die angegebene Höchstgeschwindigkeit fahren. Lediglich im District of Columbia in den USA sowie in Yukon in Kanada gibt es kein „Move Over Law“. In China ist die Bildung einer Rettungsgasse ebenfalls nicht gesetzlich festgelegt. Nach den Angaben von DEKRA Verkehrssicherheitsspezialistin Yu Wang müssen sich die Einsatzkräfte hier auf die Aufmerksamkeit der Fahrer verlassen.

„Auf den meist einspurig verlaufenden neuseeländischen Straßen ziehen die Fahrzeuge jeweils an den Straßenrand, um die Rettungsfahrzeuge durchzulassen“, erklärt James Law, Operations Support Manager bei der neuseeländischen Prüfgesellschaft und DEKRA Tochterunternehmen Vehicle Testing New Zealand (VTNZ). In den Ballungszentren gibt es außerdem spezielle Fahrspuren für den öffentlichen Nahverkehr, die die Einsatzkräfte auch benutzen dürfen.

Um Autofahrer dafür zu sensibilisieren, eine Rettungsgasse für die Einsatzkräfte und Bergungsfahrzeuge zu bilden, ist beispielsweise in Deutschland und Österreich oft der Hinweis „Bei Stau Rettungsgasse bilden“ an Brücken oder auf Schildern neben der Autobahn zu sehen. Außerdem werden in Deutschland seit Oktober 2017 höhere Bußgelder für das Nichtbilden einer Rettungsgasse verhängt, die Fahrer dazu bewegen sollen, sich an die Regeln zu halten. Zukünftig könnten auch alternative Rettungsfahrzeuge eine Lösung darstellen, um Verletzten an einer Unfallstelle schneller zu helfen. Dies zeigt das Modell eines Rettungsschlittens, den Designer aus Südkorea entwickelt haben.

Im Median AMB finden zwei Mediziner und ein Assistent sowie eine Trage Platz. Foto: Median AMB

Im Median AMB finden zwei Mediziner und ein Assistent sowie eine Trage Platz. Foto: Median AMB

Der Median Amb ist ein Rettungsschlitten, der über die Mittelleitplanken einfach am Stau vorbeifahren kann. Foto: Median AMB

Der Median AMB ist ein Rettungsschlitten, der über die Mittelleitplanken einfach am Stau vorbeifahren kann. Foto: Median AMB

Zukunftsvision: der Median AMB

Vier Designer aus Südkorea haben die Idee für den sogenannten Median AMB entwickelt. Dabei handelt es sich um einen Rettungsschlitten, der über die Mittelleitplanken einfach am Stau vorbeifahren und so schneller bei den Verletzten am Unfallort sein kann. Darin finden zwei Mediziner und ein Assistent sowie eine Trage Platz. Der Verletzte kann so an der Unfallstelle versorgt und im Rettungsschlitten zum Krankenwagen gebracht werden. Schiebetüren an beiden Seiten ermöglichen den Rettungskräften den Ausstieg in beide Fahrtrichtungen. Die Designer erhielten für ihre Idee den Red Dot Design Concept Award 2018. Der Award gilt als internationales Qualitätssiegel für gute Gestaltung und wird jährlich in den Kategorien Produktdesign, Marken und Kommunikation sowie für Konzepte vergeben.

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