Alarmstufe Rot

Jeden Tag sterben weltweit mehr als 500 Kinder und Jugendliche bei Verkehrsunfällen. Über die Ursachen und Maßnahmen zur Verbesserung dieser schrecklichen Bilanz berichtet der DEKRA Verkehrssicherheitsreport 2019.

Früh übt sich: Bei Rot gilt Halt! Foto: istock - SerrNovik

Früh übt sich: Bei Rot gilt Halt! Foto: istock – SerrNovik

Die Zahlen sind erschreckend: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben bei Verkehrsunfällen jährlich über 186.000 Kinder und Jugendliche im Alter von bis zu 19 Jahren – es passiert also etwa alle drei Minuten ein tödlicher Unfall. Die FIA Foundation (Fédération Internationale de l’Automobile) geht in ihrem Jahresbericht 2018 „Global Action for Healthy Streets“ sogar von 249.000 im Straßenverkehr getöteten Kindern und Jugendlichen aus. Grenzt man die Zahl der jungen Verkehrsopfer auf Kinder unter 15 Jahren ein, machen sie nach Angaben des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) der University of Washington in Seattle mit knapp 112.000 Getöteten fast 60 Prozent der eingangs genannten 186.000 Verkehrs­toten unter 19 Jahren aus. Ursachen dafür gibt es eine ganze Menge: Fehlende Erfahrung, falsche Risikoeinschätzung und Unachtsamkeit der Kinder und Jugendlichen spielen hier ebenso eine Rolle wie unzureichende Rücksichtnahme, zu hohe Geschwindigkeit oder Ablenkung seitens der übrigen Verkehrsteilnehmer.

„Insbesondere in Deutschland und Europa wurden rund um die Verkehrssicherheit von Kindern schon große Fortschritte erzielt. Doch auch hierzulande gibt es noch Potenziale, die Verkehrssicherheit von Kindern weiter zu verbessern“, sagt Clemens Klinke, Mitglied des Vorstands DEKRA SE.

Mit gutem Beispiel vorangehen

Verkehrsschule: In vielen Teilen der Welt findet Verkehrserziehung auf spielerische Weise schon in frühen Jahren statt. Foto: imago / Xinhua

Verkehrsschule: In vielen Teilen der Welt findet Verkehrserziehung auf spielerische Weise schon in frühen Jahren statt. Foto: imago / Xinhua

Zu den wichtigsten Aufgaben für eine nachhaltige Verbesserung zählt zweifelsohne die Verkehrserziehung, die idealerweise schon im Vorschulalter beginnt. Denn entwicklungsbedingt sind Kinder oft nicht in der Lage, in Gefahrensituationen die richtige Entscheidung zu treffen. Zusätzlich müssen aber auch alle anderen Verkehrsteilnehmer für die besonderen Verhaltensweisen von Kindern im Straßenverkehr sensibilisiert werden. Vor allem auch Eltern sollten immer mit gutem Beispiel vorangehen und sich ihrer Vorbildrolle bewusst sein – ob beim Überqueren der Straße oder was das Tragen eines Fahrradhelms anbelangt.

Neben der Verkehrserziehung ist es wichtig, gerade in der Umgebung von Kindergärten und Schulen für eine sichere Straßenverkehrsinfrastruktur zu sorgen, beispielsweise durch Maßnahmen zur Geschwindigkeitsreduzierung. Schließlich hat bei einem Unfall die Kollisionsgeschwindigkeit gravierende Auswirkungen auf die Schwere der Verletzungen. Ergänzend zu einer guten Infrastruktur mit intakten und ausreichend beleuchteten Straßen, Geschwindigkeitsüberwachungen oder entsprechenden Beschilderungen an Gefahrenstellen können speziell Kinder im Straßenverkehr auch selbst zu ihrer eigenen Sicherheit beitragen. Etwa indem sie kontrastreiche Kleidung mit retroreflektierenden Elementen tragen und ihre Fahrräder über funktionsfähige Bremsen und lichttechnische Einrichtungen verfügen.

Dank Jacken mit retroreflektierenden Elementen sind die Kinder im ersten Bild im Gegensatz zu den Kindern ohne kontrastreiche Kleidung gut zu erkennen. Fotos: Thomas Küppers

DEKRA Verkehrssicherheitsreport 2019 Warnwesten für Kinder. Foto: Thoma Küppers DEKRA Verkehrssicherheitsreport 2019 Warnwesten für Kinder. Foto: Thoma Küppers

Wie DEKRA schon in seinen früheren Verkehrssicherheitsreports mehrfach aufgezeigt hat, sind vor allem auch Fehler des Menschen im Straßenverkehr eine häufige Unfallursache. Ob nur mal kurz das Navigationsgerät oder das Smartphone bedient, die Lautstärke des Radios verändert oder die Temperatur der Klimaanlage justiert wird: Bereits wenige Sekunden genügen schon im niedrigen Geschwindigkeitsbereich, um nennenswerte Strecken im „Blindflug“ zurückzulegen. Läuft dann plötzlich ein Kind auf die Straße, schwebt es in Lebensgefahr. Ein großes Potenzial weisen in solchen Situationen – das haben unlängst durchgeführte Tests von DEKRA erneut belegt – automatische Notbrems-Assistenzsysteme mit Fußgängererkennung auf.

Nachzulesen sind die hier genannten sowie viele weitere Fakten zur Sicherheit von Kindern im Straßenverkehr im aktuellen DEKRA Verkehrssicherheitsreport 2019. Er steht in mehreren Sprachen zum Download bereit. Dazu kommen weitergehende Inhalte in Form von Videos oder interaktiven Grafiken.

Fußgänger im Blick: Mit Crash-Versuchen demonstrierte DEKRA die Wirksamkeit automatischer Notbrems-Assistenzsysteme mit Fußgängererkennung. Foto: Thomas Küppers

Fußgänger im Blick: Mit Crash-Versuchen demonstrierte DEKRA die Wirksamkeit automatischer Notbrems-Assistenzsysteme mit Fußgängererkennung. Foto: Thomas Küppers

Interview: „Es darf keine Ausreden mehr geben“

Saul Billingsley, Executive Director, FIA Foundation. Foto: FIA Foundation

Saul Billingsley, Executive Director, FIA Foundation. Foto: FIA Foundation

DEKRA solutions: Verletzungen im Straßenverkehr sind heute weltweit die häufigste Todesursache für junge Menschen ab fünf Jahren. Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?

Saul Billingsley: Wir müssen unbedingt dafür sorgen, dass der Straßenverkehr nicht länger eine Gefahr für Kinder darstellt. Das gelingt am besten, indem wir zum Beispiel die Geschwindigkeit in Gebieten, in denen Kinder häufig zu Fuß gehen, Fahrrad fahren oder spielen, stark reduzieren – auf unter 30 km/h – oder den Verkehr in diesen Gebieten komplett verbieten. Nebenbei werden dadurch auch Eltern und Betreuer dazu angeregt, weniger Fahrten mit dem Auto zu unternehmen, was einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen die Luftverschmutzung und den Klimawandel darstellt.

Nach Angaben des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) der University of Washington in Seattle kommen 85 Prozent der bei Verkehrsunfällen getöteten Kinder unter 15 Jahren aus Staaten mit niedrigem und mittlerem Einkommensniveau. Hat man in diesen Staaten aus Ihrer Sicht schon ausreichend die Zeichen der Zeit erkannt?

In vielen Entwicklungsländern herrschen große soziale und wirtschaftliche Probleme. Daher ist es verständlich, dass die Verkehrssicherheit dort eine untergeordnete Rolle spielt. Internationale Entscheidungsträger und Organisationen wie die Weltbank, die WHO und UNICEF können sich jedoch nicht länger hinter Ausreden verstecken. Leider agieren sie nach wie vor viel zu langsam, wenn es darum geht, dieses Thema auf die Agenda von Geldgebern und Regierungen zu setzen. Aus diesem Grund arbeitet die Child Health Initiative unter der Koordination der FIA Foundation nun zusammen mit anderen Institutionen daran, einen globalen Gipfel zugunsten der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen einzuberufen.

Können afrikanische oder asiatische Staaten in Sachen Verkehrssicherheit von der EU oder den USA etwas lernen?

Die grundlegenden Gesetze der Physik – je höher die Geschwindigkeit und je schwerer der Gegenstand, desto schlimmer der Schaden – sind überall gleich. Daher kann jedes Land etwas für mehr Verkehrssicherheit tun – etwa die Geschwindigkeiten verringern und die verschiedenen Arten von Verkehrsteilnehmern straßenbaulich trennen. Die Politiker in den USA und in Europa haben nun aber eine Lektion gelernt: Je mehr Straßen man baut, desto mehr Fahrten mit dem Auto werden unternommen. Diese Lektion sollte auch in den Städten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas ankommen. Denn dort dominiert in den Köpfen der Planer immer noch das Auto, und es werden in den Stadtgebieten immer noch zu viele Hochgeschwindigkeitsstraßen gebaut. Es wird prognostiziert, dass sich die Einwohnerzahl in vielen Städten im globalen Süden in den nächsten 10 bis 20 Jahren verdoppelt. Diese Prognose sollte man zum Anlass für noch effizientere Stadtplanung nehmen. Soll heißen: den öffentlichen Verkehr erschwinglich gestalten, attraktive Fußgänger- und Radwege bauen und sicherstellen, dass die Raumverteilung der Mehrheit derjenigen Menschen zugutekommt, die keinen Zugang zu einem Auto haben.

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