Woven City: Toyota baut Stadt der Zukunft

Das Stadtleben der Zukunft will der Autohersteller Toyota mit dem Projekt Woven City am Fuß des Fuji-San, Japans heiligem Berg, erproben.

Toyota Woven-City: Image by Squint Opera

2.000 Bewohner soll die Woven City genannte Modellstadt zunächst haben. Foto: Image by Squint Opera

Nicht nur im dichtbesiedelten Japan, auch in anderen Metropolregionen der Welt wird die künftige Mobilität häufig um das Auto herum gedacht und der Trend zum Home-Office hält nicht erst seit der Corona-Pandemie an. Wie bei vielen anderen Autoherstellern beschäftigt sich auch das Toyota-Management mit der Transformation vom Fahrzeugbauer zum Mobilitätsdienstleister und investiert viele Milliarden in Uber oder die asiatischen Varianten namens Didi Chuxing und Grab. Doch der japanische Industriegigant geht noch einen Schritt weiter und erprobt sich nun als Vordenker für das urbane Leben der Zukunft.

Toyota ist offen für Partnerschaften

Es geht Toyota dabei nicht nur um die üblichen Entwicklungsziele der Branche wie Vernetzung, Autonomie, Elektrifizierung und Sharing-Modelle: „Wir erforschen auch die Zukunft der Künstlichen Intelligenz, von menschlicher Mobilität, Robotik, Materialwissenschaft und nachhaltiger Energie“, sagt Akio Toyoda. Statt dies wie bisher in spezialisierten Laboren rund um den Globus zu tun, fragt der Enkel des Firmengründers: „Warum nicht eine echte Stadt bauen, in der Menschen leben und alle diese Technologien sicher testen?“ Partnerunternehmen, Wissenschaftler und Ingenieure aus der ganzen Welt seien eingeladen, ihre smarten Technologien für Mobilität, Wohnen und städtische Infrastruktur zu entwickeln. 2000 Bewohner soll die Woven City genannte Modellstadt zunächst haben, späterer Ausbau nicht ausgeschlossen. Auf der Website woven-city.global können sich Interessierte als Bewohner oder als Vertreter von Firmen mit eigenen Ideen zur Mitwirkung bewerben.

Gewebtes Netz aus Verkehrswegen

Das bauliche Konzept erarbeitete Stararchitekt Bjarke Ingels über acht Monate hinweg mit der Toyota-Führung. Der 45-jährige Däne, bekannt geworden mit dem Bau der Google-Zentrale in Mountain View und dem 2World Trade Center in New York, setzt nun mit der Woven City den Nukleus einer von Grund auf neu geplanten vollvernetzten Zukunftsstadt auf 71 Hektar. „Wir starteten, indem wir eine typische Straße in drei Mobilitätsbereiche aufteilten“, erklärt er. „Der erste ist für schnellen Transport, für autonome und emissionsfreie Fahrzeuge. Der zweite Typ wird eine städtische Promenade sein, die sich Fußgänger mit langsamen persönlichen Fortbewegungsmitteln teilen und der letzte Straßentyp wird ein langgestreckter Park mit Pfaden nur für Fußgänger sein.“ Diese drei parallelen Verkehrswege sollen jeweils über Kreuz gelegt werden, sodass sich daraus ein gewebtes (Engl.: „woven“) Netz von drei mal drei Blocks ergibt, die sich je nach Bedarf zügig gefahren oder naturnah über einen Spaziergang im Park erreichen lassen. Die strikte bauliche Trennung nach Verkehrsgeschwindigkeiten bringt neben Lebensqualität auch viel für die Sicherheit.

Mobile Container übernehmen unterschiedliche Funktionen einer Stadt. Foto: BIG Bjarke Ingels Group Fußgängerbereiche mit viel Grün. Foto: BIG Bjarke Ingels Group Großzügige Plätze kennzeichnen den Innenstadtbereich. Foto: BIG Bjarke Ingels Group Ein Wohnhaus in Holzbauweise mit Blick auf den Fuji-San. Foto: BIG Bjarke Ingels Group Im Mix aus traditioneller japanischer Holzbaukunst und assistierenden Robotern sollen die Häuser entstehen. Foto: BIG Bjarke Ingels Group Offen gehaltene Büroräume mit Co-Working-Spaces. Foto: BIG Bjarke Ingels Group Für die Wohneinheiten wurden auch Mehrgenerationenhaushalte geplant. Foto: BIG Bjarke Ingels Group Die einzelnen Blocks des Straßennetzes haben ebenfalls zentrale Plätze. Foto: BIG Bjarke Ingels Group Die zentralen Plätze haben oft einen großzügigen Gartenanteil, bieten aber auch mobil bereitgestellten Angeboten Platz. Foto: BIG Bjarke Ingels Group Das Modell zeigt einen Entwurf für die 71 Hektar große Bebauungsfläche. Foto: BIG Bjarke Ingels Group Auf dem zentralen Platz haben sich am Abend einige mobile Marktstände und Bars versammelt. Foto: BIG Bjarke Ingels Group Akio Toyoda und Bjarke Ingels bei der Vorstellung des Projekts Woven City. Foto: Toyota, Jessica Lynn Walker Mit dem autonomen Toyota e-Palette stellt sich der Hersteller viele mögliche Anwendungen vor. Foto: Toyota Neben den Entwürfen zur Mobilität zeigt Toyota auch diverse Roboter für Service-Anwendungen. Foto: Toyota Der Toyota e-Palette als autonom fahrender Personentransporter. Foto: Toyota

Zur Energieversorgung setzt Toyota auf die eigene Brennstoffzellentechnik, die hier in stationären Anlagen installiert werden soll. Dazu kommen Solarzellen auf den Häusern. Die Gebäude sollen in einer Kombination aus traditioneller japanischer Holzbaukunst und modernsten Fertigungsrobotern entstehen.

Bei den Smart-Home-Wohnkonzepten stellen sich die Planer Mehrgenerationen-Haushalte vor, die von Künstlichen Intelligenzen und Assistenzrobotern umsorgt werden. Dabei soll unter anderem der Toyota Micro Palette eine wichtige Rolle spielen. Das autonome Kleinstfahrzeug kann Botengänge unterschiedlichster Art erledigen oder Einkäufe transportieren. Doch auch die Geschäfte selbst können in Form fahrender Container-Vehikel auf Basis des 2019 vorgestellten E-Palette auf dafür vorgesehene Plätze rollen und für Abwechslung beim Shopping sorgen. Alle Stadtteile oder Blocks im gewebten Netz sollen Wohnen und Arbeiten miteinander verbinden. Für die erforderliche Vernetzungstechnik hat Toyota bereits den japanischen NTT-Konzern als Partner gewinnen können. Der Baubeginn ist für 2021 angekündigt.

Drei Fragen an DEKRA Unfallforscher Markus Egelhaaf

Markus Egelhaaf, Unfallforscher DEKRA. Foto: DEKRA

Markus Egelhaaf, Unfallforscher DEKRA. Foto: DEKRA

Das Verkehrskonzept der Woven City sieht eine strikte bauliche Trennung nach Geschwindigkeiten vor, lohnt sich das aus Ihrer Sicht als Unfallforscher?

Markus Egelhaaf:  Im Kleinen gibt es das Konzept anderswo mit Fußgängerzonen, baulich getrennten Radwegen und Kraftfahrstraßen. In den Niederlanden gibt es Regelungen, die ab bestimmten Geschwindigkeiten entsprechende Radverkehrsanlagen fordern. Aus Sicht der Verkehrssicherheit bietet eine solche Trennung große Vorteile, wobei gerade die Schnittpunkte der einzelnen Bereiche einer entsprechenden Gestaltung bedürfen.

Halten Sie es für möglich, dieses Konzept auch auf bestehende gewachsene Städte zu übertragen?

Aus derartigen „Studien“ können viele Erkenntnisse und Erfahrungen gewonnen werden, aus denen sich Lösungen und Verbesserungen für die urbane Mobilität ableiten lassen. Die Infrastruktur einer 2.000 Einwohner zählenden Modellstadt lässt sich aber sicher nicht 1 zu 1 auf historisch gewachsene größere Städte übertragen, in denen nicht autonom fahrende Fahrzeuge unterwegs sind, der innerstädtische Handel nicht nur in der Fußgängerzone mit Läden vertreten ist, Mülltonnen geleert werden sollen und der eigene Pkw in der Garage im Haus parken soll.

Vielerorts werden Fahrspuren für unterschiedliche Geschwindigkeiten oft nur per Bodenmarkierungen abgegrenzt, ist das aus Ihrer Sicht sicher genug?

Hier sieht man die unterschiedlichsten Konzepte, von der alle verwirrenden und damit gefährdenden „Straßenkunst“ bis hin zu wirklich durchdachten und guten Anlagen. Die limitierende Größe ist gerade in Städten mit historisch beengten Straßen der zur Verfügung stehende Platz. Hier braucht es Verkehrskonzepte, die alle Formen der Mobilität gleichermaßen bedienen. Aktuelle Radverkehrspläne gehen in diese Richtung. Und gerade da können Erkenntnisse, wie sie in der Woven City gewonnen werden sollen, wertvolle Impulse liefern.

 

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