Unfallrisiko: Zweiradfahrer in Gefahr

Immer noch sterben zu viele Menschen bei einem Unfall mit dem Zweirad. In manchen Teilen der Welt steigt die Zahl weiter an. Es besteht dringender Handlungsbedarf. Der DEKRA Verkehrssicherheitsreport 2020 liefert Zahlen und Fakten rund um das Unfallgeschehen von Motorrädern, Fahrrädern und Co.

Foto: Shutterstock/connel

Die Anzahl der getöteten Verkehrsteilnehmer auf dem Fahrrad ist seit jeher in der EU weitaus höher als in den USA. Foto: Shutterstock/connel

Die Folgen eines Unfalls mit einem motorisierten oder nicht motorisierten Zweirad sind oft dramatisch. Denn sie haben ganz im Gegensatz zum Pkw, ­Transporter oder Lkw keine Knautschzone. Selbst dann, wenn zum Beispiel Pkw-Nutzer als häufigste Unfallgegner vergleichsweise langsam fahren, resultieren aus Kollisionen oftmals schwerste Verletzungen. Auf den  Aufprall des Körpers eines Radfahrers gegen harte Fahrzeugstrukturen folgt häufig der nicht minder gefährliche Aufprall auf die Fahrbahn.

2017 kamen weltweit rund 69.000 Fahrradfahrer bei Verkehrsunfällen ums Leben. Foto: Imago - Independent Foto Agency

2017 kamen weltweit rund 69.000 Fahrradfahrer bei Verkehrsunfällen ums Leben. Foto: Imago – Independent Foto Agency

Auch bei einer Kollision zwischen einem Pkw und einem Motorradfahrer wirken die Aufprallkräfte direkt auf den Motorradfahrer. Durch die großen Massenunterschiede wirken auf die Zweiradnutzer zudem erhebliche Verzögerungen beziehungsweise Beschleunigungen. Dazu kommt allgemein, dass Motorräder schon im reinen Fahrbetrieb im Hinblick auf ihre fahrdynamische Stabilität sehr viel schneller an ihre Grenzen kommen als etwa ein Pkw.

Internationale Unfallzahlen

Neben vielen weiteren Faktoren spiegelt sich dieses fahrzeugspezifische „Ungleichgewicht“ von Zweiradfahrern gegenüber anderen motorisierten Verkehrsteilnehmern in den internationalen Unfallzahlen markant wider. Nach Angaben des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) der Universität Washington in Seattle kamen 2017 weltweit circa 225.000 Motorradfahrer und rund 69.000 Fahrradfahrer bei Verkehrsunfällen ums Leben. Das macht zusammen knapp ein Viertel aller etwa 1,25 Millionen Verkehrstoten. Bei den Motorradfahrern wie auch bei den Radfahrern war dabei Asien mit etwa 166.000 beziehungsweise 51.500 Getöteten mit großem Abstand an der Spitze. Vor allem bei den Radfahrern zeigt die Kurve weltweit seit Jahren nach oben, bei den Motorradfahrern sinken die Zahlen seit 2012 erfreulicherweise wieder (Grafiken 1 und 2). Bei den Radfahrern ist global die prozentual stärkste Zunahme bei den 50- bis 69-Jährigen zu beobachten. Hier stieg die Zahl der Getöteten von 9.400 im Jahr 1990 auf 23.900 im Jahr 2017, also auf das Zweieinhalbfache. Ähnlich sieht es bei den Motorradfahrern aus.

Weltweit kommen in Asien die meisten Fahrrad- und Motorradfahrer im Straßenverkehr ums Leben.

Wie groß das Risiko gerade in Asien ist, im Straßenverkehr mit einem – motorisierten oder nicht motorisierten – Zweirad ums Leben zu kommen, wird besonders deutlich, wenn man sich die Zahl der Verkehrstoten pro 100.000 Einwohner anschaut (Grafiken 3 und 4). ­Asien liegt hier bei den Motorradfahrern mit knapp vier Getöteten und bei den Radfahrern mit 1,14 Getöteten pro 100.000 Einwohnern jeweils deutlich über den globalen Durchschnitts­werten (2,95 beziehungsweise 0,9).

Grafik 1: Getötete Motorradfahrer. Grafik: ETM Grafik 2: Getötete Radfahrer. Grafik: ETM Grafik 3: Getötete Radfahrer bezogen auf die Bevölkerung. Grafik: ETM Grafik 4: Getötete Radfahrer bezogen auf die Bevölkerung. Grafik: ETM Grafik 5: Verkehrstote in den USA. Grafik: ETM Grafik 6: Verkehrstote in der EU. Grafik: ETM Grafik 13: Getötete Radfahrer. Grafik: ETM Grafik 14: Getötete Radfahrer bezogen auf die Bevölkerung. Grafik: ETM Grafik 15: Verunglückte Kraftrad- und Fahrradbenutzer 2019. Grafik: ETM Grafik 16: Getötete Kraftrad- und Fahrradbenutzer nach Altersgruppen 2019. Grafik: ETM

Die USA und die EU im Vergleich

Interessant ist im Zusammenhang mit den Verkehrsopfern im Straßenverkehr ein vergleichender Blick auf die Entwicklung in den USA und der EU. Grundsätzlich lässt sich für die USA feststellen, dass hier die Zahlen für getötete Radfahrer heute auf dem Niveau von vor 30 Jahren liegen, es dagegen eine deutliche Varianz bei den allgemeinen Zahlen für Verkehrstote gibt. Das gilt in hohem Maße auch für tödlich verunglückte Motorradfahrer, deren Zahl in den frühen 2000er-Jahren dramatisch anstieg (Grafik 5). In der EU zeigt sich auf den ersten Blick ein erfreuliches Bild. Die Zahlen getöteter Verkehrsteilnehmer wie auch die Zahlen getöteter Radfahrer und Fahrer motorisierter Zweiräder sind hier bis auf einen kleinen Anstieg im Jahr 2008 seit jeher konstant am Sinken. Seit 2013 stagnieren die Getöteten-Zahlen allerdings in allen drei Klassen (Grafik 6).

Deutlich mehr Verkehrstote bei Radfahrern in der EU als in den USA

Unfälle zwischen Pkw- und Radfahrern ereignen sich oft an Kreuzungen. Foto: Imago - Sven Sebastian Sajak

Unfälle zwischen Pkw- und Radfahrern ereignen sich oft an Kreuzungen. Foto: Imago – Sven Sebastian Sajak

Die Anzahl der getöteten Verkehrsteilnehmer auf dem Fahrrad ist seit jeher in der EU weitaus höher als in den Vereinigten Staaten. Dies ist primär darauf zurückzuführen, dass das Fahrrad in den USA bislang wesentlich weniger als Verkehrsmittel verbreitet ist. Ebenso wie bei den Gesamtzahlen ist in der EU über einen längeren Zeitraum ein konstanter Rückgang der Zahl der tödlich verunglückten Radfahrer festzustellen. Hier stagniert der Wert jedoch bereits seit 2010 bei knapp 2.100. Auch für 2017 werden 2.100 Todesopfer im Fahrradverkehr der EU geschätzt. Dabei ist festzuhalten, dass Deutschland darin den mit Abstand größten Anteil an tödlich verunglückten Fahrradfahrern ausmacht, gefolgt von Italien, Polen, Rumänien, Frankreich und den Niederlanden. Die USA liegen im Jahr 2017 bei circa 800 Verkehrstoten mit leicht steigender Tendenz. Dieser Wert ist seit dem Jahr 2000 nahezu konstant (Grafik 13). Dementsprechend ergibt sich für das Jahr 2000 eine Rate von 2,4 Fahrradverkehrstoten, gerechnet auf eine Million Einwohner. Dieser Wert wird auch 2017 erneut erreicht. In der EU sank die Quote von 7,5 im Jahr 2000 auf 4,1 im Jahr 2017 (Grafik 14).

Unfallgeschehen  in Deutschland

Was das Unfallgeschehen bei Zweirädern in Deutschland anbelangt (Grafik 15), so ist hier zumindest für 2019 gegenüber 2018 ein erfreulicher Abwärtstrend zu beobachten. Insgesamt verunglückten auf deutschen Straßen 129.207 Zweiradfahrer – das sind immerhin knapp 4,5 Prozent weniger als im Jahr 2018 mit 135.103 Verunglückten. Bei den Motorradfahrern sank die Zahl der Verunglückten um knapp neun Prozent von 31.419 auf 27.927, bei den Getöteten gab es einen Rückgang von 619 auf 542. Bei Unfällen mit motorisierten Zweirädern mit Versicherungskenn­zeichen verunglückten 2019 insgesamt 13.925 Nutzer. Ein Jahr zuvor waren es 14.792. Ums Leben kamen 63 Nutzer motorisierter Zweiräder mit Versicherungskennzeichen – 15 weniger als 2018. Bei den Radfahrern ging die Zahl der Verunglückten im Jahr 2019 gegenüber dem Vorjahr um etwa ein Prozent von 88.880 auf 87.342 zurück. Unverändert geblieben ist die Zahl der Getöteten mit 445 ums Leben gekommenen Radfahrern. Hiervon waren 118 mit einem Pedelec unterwegs, 2018 waren es lediglich 89. Das bedeutet bei den getöteten Pedelec-Fahrern eine Zunahme um sage und schreibe 32 Prozent.

Die Folgen von Unfällen mit Zweirädern sind für die Nutzer häufig verheerend. Foto: Imago - Independent Photo Agency

Die Unfallfolgen für Nutzer von Krafträdern mit amtlichem Kennzeichen sind im Vergleich zu Pkw-Insassen schwerwiegender. Foto: Imago – Independent Photo Agency

Wie das Statistische Bundesamt in seinem ­Jahresbericht 2019 zu Kraftrad- und Fahrradunfällen im Straßenverkehr schreibt, ist das bestandsbezogene Risiko, im Straßenverkehr zu verunglücken, bei Krafträdern höher als bei anderen Kraftfahrzeugen. So verunglückten 2019, bezogen auf 1.000 zugelassene Krafträder mit amtlichem Kennzeichen, sechs Benutzer, auf 1.000 Pkw kamen fünf Verunglückte. Auch das ­Risiko, bei Straßenverkehrsunfällen tödlich verletzt zu werden, lag für Benutzer von Krafträdern mit amtlichem Kennzeichen mit 12 Getöteten je 100.000 Krafträder deutlich über dem Wert von Pkw-Insassen mit drei Getöteten je 100.000 zugelassene Fahrzeuge. Die genannten Zahlen unterstreichen, dass das Verletzungs­risiko auf Kraft­rädern insgesamt größer ist als im Auto und darüber hinaus die Unfallfolgen für Nutzer von Krafträdern mit amtlichem Kenn­zeichen im Vergleich zu Pkw-Insassen schwerwiegender sind. Das bestandsbezogene ­Risiko, auf einem Kraftrad mit amtlichem Kennzeichen getötet zu werden, war im Jahr 2019 sogar mehr als viermal so hoch wie im Auto – und das bei deutlich geringerer Fahrleistung.

Auch auf Krafträdern sind Fahranfänger besonders gefährdet: 35,4 Prozent der verunglückten und über 18 Prozent der getöteten Kraftradbenutzer des Jahres 2018 waren zwischen 15 und 24 Jahre alt. Die Erklärung hierfür liegt auf der Hand: Junge Fahrer haben oft noch wenig Fahrpraxis und neigen außerdem dazu, die eigenen Grenzen falsch einzuschätzen. Auf Kleinkraft­rädern verunglücken neben Jugendlichen vor ­allem Senioren: 28,6 Prozent der tödlich verletzten Benutzer von Kleinkrafträdern waren 65 Jahre oder älter. Bei den tödlich verletzten Fahrradfahrern war sogar mehr als die Hälfte in diesem ­Alter (Grafik 16).

Den kompletten DEKRA Verkehrssicherheitsreport 2020 finden Sie hier.

Verwandte Artikel
 
Magazin-Themen
 
Newsletter