Arbeitssicherheit: Gesundheit im Fokus

Gesunde, motivierte Beschäftigte sind für Unternehmen ein Garant für Erfolg. Der Arbeits- und Gesundheitsschutz hat allerdings Verbesserungspotenziale. Wo die Probleme liegen und was in der Praxis besser ginge, zeigt der DEKRA Arbeitssicherheitsreport 2021. DEKRA Expertin Dr. Karin Müller macht zudem deutlich, worauf es bei der Gesundheit der Mitarbeitenden ankommt.

Für mehr Sicherheit am Arbeitsplatz sorgen festgeschriebene Regeln und Vorschriften. Foto: Adobe Stock / Quality Stock Arts

Bereits vor der Corona-Pandemie spielten Trends und Entwicklungen wie die Digitalisierung, Homeoffice und auch die Gesundheit der Beschäftigten eine große Rolle. Im Auftrag von DEKRA hat das Markt- und Meinungsforschungsinstitut forsa rund 1.500 Beschäftigte aus unterschiedlichen Branchen dazu befragt.

Nach wie vor aktuell ist das Pandemie-Geschehen: Die Umfrage hat ergeben, dass die Mehrheit der Beschäftigten (73 Prozent) sich an ihrem Arbeitsplatz gut geschützt vor dem Corona-Virus fühlen. Ähnlich viele gaben an, dass die Reinigungsmaßnamen ausreichend sorgfältig und hygienisch erfolgen. Bei mehr als der Hälfte der Beschäftigten wurden Arbeitsplätze umgebaut oder umorganisiert. Interessant ist, dass sich – hätten sie die Wahl – fast die Hälfte der unter 35 Jahre alten Befragten etwas häufiger für die Arbeit im Homeoffice entscheiden. Fast alle, die (auch) im Homeoffice arbeiten, fühlen sich dort sehr gut vor einer Infektion mit dem Virus geschützt.

Homeoffice – Fluch und Segen

Mehr als jede/r Dritte hält die Gefahr, sich mit dem Virus zu infizieren, durch die Arbeit zu Hause für deutlich geringer.

Weitere Vorteile des Homeoffice: Der Weg zur Arbeit entfällt (82 Prozent der Befragten), es kann gemütliche Kleidung getragen werden und die Zeit lässt sich flexibel einteilen (67 Prozent). Zudem ist die Konzentration zu Hause besser als im Office, das gaben zumindest fast die Hälfte der Befragten an. Vielen fehlt aber auch der Kontakt zu den Kollegen und Kolleginnen (71 Prozent) oder die Aufmerksamkeit des Arbeitgebers (23 Prozent).

Was für die einen ein Segen, ist für die anderen ein Fluch. Jede/r dritte Befragte – Frauen etwas häufiger als Männer – hat bei der Arbeit zu Hause gesundheitliche Probleme entwickelt. Das reicht von Verspannungen bis hin zu Rücken- und Kopfschmerzen. Grund hierfür ist der mangelhafte nicht ergonomische Arbeitsplatz. Immerhin sitzen 79 Prozent der Umfrageteilnehmer/Innen täglich vor einem Computerbildschirm.

Gesunde Mitarbeiter/Innen sind das A und O

Investitionen in eine betriebliche Gesundheitsförderung machen sich daher bezahlt. Viele Unternehmen könnten aber Maßnahmen noch intensiver betreiben. Knapp jede/r dritte Befragte gab an, dass sein oder ihr Arbeitgeber Vorsorgeuntersuchungen zum Beispiel bei der Bildschirmarbeit anbietet. Bei 28 Prozent der Befragten gibt es eine Arbeitsplatzgestaltung beziehungsweise Kooperationen mit Sport- oder Fitnessstudios.

Gegenüber der Befragung aus dem Jahr 2017 zeigen die Zahlen allerdings keine Verbesserung. Der Bereich Bau, Handwerk, Industrie und Lager zieht hier zwar eine bessere Bilanz. Insgesamt sagen aber 36 Prozent, dass ihr Arbeitgeber keinerlei Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung anbietet. Im Arbeitsfeld Handel und Außendienst zum Beispiel sind es 62 Prozent der Befragten, die kein Angebot bekommen.

Auch bei der Beurteilung psychischer Gefährdungen am Arbeitsplatz gibt es Nachholbedarf: Nur 26 Prozent der Befragten sagen, dass es im Betrieb eine solche Beurteilung gegeben habe. Bei deutlich mehr als der Hälfte der Befragten (59 Prozent) ist dies nicht der Fall. Im Vergleich zur Umfrage von 2017 hat sich das Ergebnis um sieben Prozent verschlechtert.

Wie dramatisch die Lage ist, zeigt sich auch daran, dass 88 Prozent der Befragten meinen, der negative Stress in der Arbeitswelt würde tendenziell zunehmen. 71 Prozent stufen die psychische Belastung im Unternehmen höher oder genauso hoch ein wie die körperliche Belastung. Eine deutliche Mehrheit (80 Prozent) ist der Meinung, dass gegen Fehlzeiten durch psychische Krankheiten mehr unternommen werden muss.  

Sicherheitsregeln und Vorschriften – Luft nach oben

Für mehr Sicherheit am Arbeitsplatz sorgen festgeschriebene Regeln und Vorschriften, die Arbeitgeber kommunizieren müssen. Nach den Ergebnissen der Umfrage kennen drei Viertel der Befragten die Sicherheitsregeln vollständig. Rund jede/r Fünfte kennt sie teilweise. Drei Prozent der Befragten kennen die Sicherheitsregeln und
 -vorschriften nicht. In den Bereichen Bau, Handwerk, Industrie und Lager sind die Sicherheitsregeln durchaus bekannt. Diese Branchen profitieren häufig von regelmäßigen Schulungen oder Informationsschreiben.

Jüngere Beschäftigte unter 35 Jahren sowie diejenigen, die in einem Büro arbeiten, kennen die Regeln nur teilweise. Regelmäßige Schulungen erhalten laut Umfrage mehr als die Hälfte der Befragten. Bei jedem bzw. jeder fünften der Arbeitnehmer/Innen ist dies nur in unregelmäßigen Abständen der Fall. Bei zehn Prozent findet keine Schulung statt.

Mitarbeitende in den Bereichen Bau, Handwerk, Industrie und Lager kommen überdurchschnittlich häufig in den Genuss von Schulungen. Mit einer digitalen Variante geschult zu werden, finden 70 Prozent sehr gut oder gut.

Ein Wermutstropfen: Laut Umfrage werden Sicherheitsregeln und -vorschriften am Arbeitsplatz lediglich von 45 Prozent der Arbeitnehmer/Innen immer eingehalten. Im Vergleich zur DEKRA/forsa Umfrage von 2017 bedeutet das aktuelle Ergebnis einen Rückgang um elf Prozentpunkte. Auch hier sticht der Bereich Bau, Handwerk, Industrie und Lager positiv hervor. Hier liegt der Prozentsatz derer, die Regeln und Vorschriften einhalten, am höchsten.

Die Expertenorganisation DEKRA bietet eine Reihe an Dienstleistungen, die Unternehmen in Anspruch nehmen können. Mehr Infos finden Sie hier. Den kompletten Arbeitssicherheitsreport finden Sie hier.

Drei Fragen an Dr. Karin Müller, Leiterin des Bereiches Mensch und Gesundheit bei DEKRA

Welche sind die wichtigsten Maßnahmen, um das Wohlbefinden und die Gesundheit der Mitarbeiter/Innen im Unternehmen zu fördern?

Dr. Karin Müller, Leiterin des Fachbereichs „Mensch & Gesundheit“ bei DEKRA. Foto: Thomas Küppers
Dr. Karin Müller, Leiterin des Fachbereichs „Mensch & Gesundheit“ bei DEKRA. Foto: Thomas Küppers

Voraussetzung ist, dass die Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden als echte Führungsaufgabe, beginnend bei der obersten Führung, begriffen wird. Nur so kann sich top-down der Gedanke durchsetzen, dass ein Unternehmen nicht allein durch Profitabilität, sondern auch durch den Umgang mit dem „Kapital“ Mitarbeiter/Innen erfolgreich ist. Beides hängt miteinander zusammen. Am besten ist es, die Mitarbeitenden eben nicht nur als Kapital anzusehen, sondern als Partner/Innen in der Erreichung der Unternehmensziele.

Die Entwicklung von Gesundheit und Wohlbefinden sollte systematisch angegangen werden, es muss nicht alles auf einmal passieren. Dazu ist es wichtig, Schwerpunkte zu setzen, die je nach Branche und vorherrschenden Arbeitsplatztypen von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich sein werden. Zum Beispiel sehen ergonomische Tipps und Übungen in einer Verwaltung mit vielen Büroarbeitsplätzen ganz anders aus als in einem Logistikzentrum, gleiches gilt für Maßnahmen aufgrund psychischer Belastungen, die sich aus den jeweils sehr unterschiedlichen Tätigkeiten ergeben. In der gesetzlich vorgeschriebenen Gefährdungsbeurteilung (physisch und psychisch) werden alle Gefährdungen und Belastungen systematisch erfasst, daraus kann man dann passende Maßnahmen ableiten und einführen.

Was sollte ein Unternehmen beim Aufbau eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements beachten?

Ein häufiger Fehler ist, bereits einzelne Gesundheitsfördermaßnahmen, zum Beispiel „die Rückenschule“ als Betriebliches Gesundheitsmanagement zu begreifen. Von Management kann man aber erst sprechen, wenn es ein echtes Projekt- und Prozessmanagement gibt. Dazu gehören mindestens diese Faktoren: Bestimmung von Verantwortlichkeiten, Festlegung von Budgets, Verknüpfung verschiedener Akteure und Prozesse wie Betriebsarzt, Sicherheitsfachkraft, Personalabteilung, aber auch Schulungsabteilung, Einkauf (ergonomische Möbel), IT, um nur die Wichtigsten zu nennen. Maßnahmen, die aus einer Kennzahlenanalyse, zum Beispiel Gefährdungsbeurteilung, gezielt abgeleitet werden, müssen dann auch systematisch weiterverfolgt und bezüglich ihrer Wirksamkeit evaluiert werden.

Stichwort New Work – worauf wird in Zukunft der Schwerpunkt eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements liegen?

Ganz sicher auf den psychischen Belastungen und daraus resultierenden Beanspruchungen des Mitarbeitenden. Physische Arbeit wird nach und nach zum Beispiel durch den zunehmenden Einsatz von Robotik und Automatisierung zurückgehen, aber auch dann können durch die Zusammenarbeit an den Schnittstellen Mensch-Maschine besondere psychische Belastungen entstehen. Allgemein können nicht nur Arbeitsverdichtung und Fragen der ständigen Erreichbarkeit zu höherem psychischem Stress führen, sondern auch zunehmend kürzere Zyklen in der Einführung digitaler Lösungen. Ganz wichtig: Betriebliches Gesundheitsmanagement darf niemals nur am einzelnen Menschen und dessen Verhalten ansetzen, sondern muss auch die Verhältnisse mitgestalten, zum Beispiel gute ergonomische Lösungen am Arbeitsplatz, intuitive Bedienerführung und vieles mehr.

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