Auf Nummer sicher mit der Schneekette

Wer das Auto in der kalten Jahreszeit nur auf plattem Land bewegt, kommt mit Winterreifen über die Runden. In steilerem Gelände gehört ein Satz Schneeketten zur Winterausrüstung, damit das Fahrzeug bei Schnee und Eis auf der Fahrbahn nicht stecken bleibt. Wir haben uns die aktuellen Traktionshilfen genauer angesehen.

Schneeketten verändern das Fahr- und Bremsverhalten des Fahrzeugs und erfordern daher eine angepasste Fahrweise. Foto: Shutterstock – Checubus

Winterreifen sind definitiv die beste Versicherung, um mit dem Auto sicher durch die kalte Jahreszeit zu kommen. Manchmal braucht es allerdings stärkere Traktionshilfen als ein grobes Profil, Lamellen und eine kälteflexible Gummimischung, um im schneereichen Winter in der Spur zu bleiben. „Wer mit dem Auto in den Skiurlaub fährt, sollte für steile Anstiege und Gefälle in alpinen Regionen für alle Fälle einen Satz Schneeketten im Kofferraum bereithalten“, erklärt Christian Koch, Sachverständiger für Reifen und Leiter der Fachabteilung Analytik der DEKRA Niederlassung München. Aber welche Kette kommt dafür in Frage? Es gibt Schneeketten mit vierkantigen und runden Gliedern, robuste und feingliedrige Modelle und solche, die sich wenden lassen. Aufwändigere Ketten warten mit thermoplastischen Schutzelementen auf, die Leichtmetallfelgen vor Beschädigungen und Kratzern schützen. Zudem steht häufig eine Automatik zur Verfügung, die manuelles Nachspannen überflüssig machen soll. Mittlerweile gibt es im Wettbewerb um den besten Gleitschutz sogar Mitspieler, die ganz ohne massiven Stahl auskommen. Dabei handelt es sich um textile Systeme, die den Reifen wie eine Decke umspannen. Diese waren bislang als Anfahrhilfen dazu gedacht, einem feststeckenden Fahrzeug aus seiner misslichen Lage zu helfen. 

Textile Systeme als Gleitschutzvorrichtung

Seit Anfang Dezember 2020 gibt es allerdings die vom Europäischen Komitee für Normung verabschiedete Norm EN16662-1, die textilen Systemen die Eignung als Gleitschutzvorrichtung zuspricht, wenn sie nach dieser Norm zertifiziert sind. Allerdings wird sie noch nicht in allen Ländern der EU eingesetzt. In Österreich etwa sollten Autofahrer bei Schneekettenpflicht noch auf den Einsatz textiler Systeme verzichten. Auf der sicheren Seite ist man dagegen mit Schneeketten, die die bisherige österreichische Ö-Norm 5117 erfüllen.

In Deutschland zum Beispiel macht der Gesetzgeber keinen Unterschied zwischen Systemen aus Metall und Textilien. Aus dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) in Deutschland heißt es dazu auf Anfrage von DEKRA solutions, dass die Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) Schneeketten als Einrichtungen definiert, die das sichere Fahren auf schneebedeckter oder vereister Fahrbahn ermöglichen sollen (§ 37 Absatz 2). Schneeketten müssen grundsätzlich so beschaffen und angebracht sein, dass sie die Fahrbahn nicht beschädigen können. Eine Vorschrift, dass Schneeketten aus Metall gefertigt sein müssen, ist in der deutschen Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) nicht enthalten. Auch eine Einschränkung, dass Schneeketten nicht aus Textil gefertigt sein dürfen, sieht das Gesetz nicht vor.

Federbügelkette und Standmontagekette sind die Klassiker

Die klassische Variante der Schneekette steht im Wesentlichen in zwei Bauarten zur Wahl. Die Federbügelkette ist zur schnellen und einfachen Montage ausgelegt. Man stülpt die Bügel aus Stahl von oben über den Reifen, was auch in engen Radhäusern gut funktioniert. Da die Bügel unter Spannung stehen, fügen sich die Enden hinter dem Reifen fast automatisch zusammen. Anschließend muss das Auto etwa eine Viertel Radumdrehung nach vorn oder hinten bewegt werden, bis sich der Verschluss der Kette auf Achshöhe befindet. Dann lässt sich die Schneekette mit der Spannkette spannen und sichern. Die Standmontagekette dagegen ist in der Regel technisch nicht ganz so aufwändig wie die Federbügelkette. Anstelle formstabiler Stahlbügel besitzt sie flexible Stahlseile. Die Montage erfolgt stets nach dem gleichen Prinzip:  Erst wird die Kette am Boden um den Reifen herum angeordnet. Anschließend verbindet man erst die Stahlseile miteinander, dann die Außenkette im oberen und unteren Bereich des Reifens. Das Auto muss zum Spannen und Sichern der Kette nicht bewegt werden. Da jeder Kettentyp mit Spannelementen, Haken, Ösen und Verschlüssen seine eigene Logik besitzt, ist vor der Fahrt eine Übungseinheit im Trockenen angesagt. Wer die Schneeketten mitten im Schneegestöber zum ersten Mal in die Hand nimmt, hat keine Chance, die Räder auf Anhieb halbwegs akkurat zu bestücken.

Schneeketten gehören in alpinen Regionen zur Winterausrüstung

Egal welcher Kettentyp mit auf die Reise geht – es gibt nur eine einzige Kette, die wirklich schlecht ist: Das ist die Kette, die man nicht dabeihat, wenn sie wirklich nötig wäre. Tatsächlich gehört bei winterlichen Fahrbedingungen eine Traktionshilfe zur optimalen Winterausrüstung dazu – auch wenn die gesetzlichen Regelungen in manchen Ländern das nicht immer vorschreiben. In Deutschland und der Schweiz zum Beispiel besteht eine situative Winterreifenpflicht – bei Eisglätte, Glatteis, Schneeglätte und Schneematsch sind Winterpneus zwingend anzulegen.

Für die Schneeketten gilt: Bei durchgehend mit Schnee und Eis bedeckter Fahrbahn liegt es im Ermessen des Fahrers, ob er Ketten aufzieht oder nicht. Wenn jedoch das blaue Verkehrszeichen mit der stilisierten Schneekette auf dem Reifen am Straßenrand auftaucht, ist Schluss mit dem Ermessen – in diesem Fall muss die Gleitschutzhilfe von Rechts wegen sofort montiert werden. Ähnliche Regelungen gelten in vielen europäischen Ländern. In Frankreich können im Gebirge die Winterpneus eigens durch ein Verkehrsschild angeordnet werden. Häufig anzutreffen ist bei schneebedeckter Straße die Kombination des Verkehrszeichens zum Auflegen von Schneeketten mit einem Zusatzschild „Pneus neige admis“ – in diesem Fall sind statt Schneeketten auch Winterreifen erlaubt. In Norwegen zum Beispiel ist das Mitführen von Schneeketten vom 1. November bis zum 1. Mai vorgeschrieben.

Schneeketten auf Sommerreifen sind ein zweifelhaftes Experiment

Auch in Italien können bei entsprechenden Witterungsbedingungen Winterreifen auf bestimmten Strecken kurzfristig angeordnet werden. Spezielle Regelungen gelten etwa im Aosta-Tal: Hier müssen zwischen dem 15. Oktober und dem 15. April Winterreifen verwendet oder Schneeketten mitgeführt werden. In Österreich wiederum gilt für Pkw die Regel, dass in der Zeit vom 1. November bis zum 15. April bei winterlichen Fahrverhältnissen Winterreifen aufzuziehen sind. Der Gesetzgeber erlaubt bei durchgehender Schneefahrbahn als Alternative die Kombination von Sommerreifen mit Schneeketten an der Antriebsachse. Was das Gesetz formal zulässt, ist allerdings aus technischer Sicht nicht zwangsläufig sinnvoll. Reifenexperten sind sich darin einig, dass Schneeketten kein probater Ersatz für Winterreifen sein können. Christian Koch rät daher von entsprechenden Experimenten ab. „Durch die Ketten hat das Auto mit Sommerreifen an der Antriebsachse eine gute Haftung, an der anderen Achse dagegen fast keine. Dazu kommt, dass eine Schneekette auf dem Profil des Sommerreifens nicht gut sitzt – er kann beim Bremsen durch die Kette durchrutschen und so den Bremsweg deutlich verlängern.“

Gut zu wissen – Tipps rund um die Schneekette

Schneekettenpflicht

In den meisten Ländern der EU gibt es keine generelle Schneekettenpflicht. Diese besteht jedoch bei dem blauen Verkehrszeichen mit dem stilisierten Reifen mit Schneekette. Die Ketten sind dann umgehend auf der Antriebsachse anzulegen. Fahrer von Allradfahrzeugen sollten dazu in der Bedienungsanleitung die passende Achse nachschlagen.

Die Schneekette muss passen

Die Kette soll gut am Reifen anliegen und die Freigängigkeit im Rad-Ausschnitt muss stets gewährleistet sein. Die Wahl der richtigen Schneekette hängt von der Reifengröße und der Felgenbreite ab. Bei engen Radhäusern sind feingliedrige Ketten oft die beste Wahl.

Runde oder eckige Kettenglieder

Runde Glieder bieten Vorteile bei Neuschnee und schonen den Reifen bei längerer Fahrt. Vierkantketten können sich bei Schnee und Eis besser in den Belag krallen. Zudem besitzen sie einen größeren Querschnitt als runde Glieder, was das Verschleißvolumen erhöht. Dickere Kettenglieder halten dem Verschleiß generell besser stand als dünne.

Montage der Ketten

Da jede Kette mit Spannelementen, Haken und Verschlüssen ihre eigene Logik besitzt, empfiehlt es sich, die Montage zuerst im Trockenen zu üben. Im Ernstfall die Schneeketten möglichst auf einem ebenen und sicheren Platz anlegen. Eventuell muss die Montage durch Warnweste und Warndreieck gesichert werden. Hilfreich sind Handschuhe und eine wasserfeste Matte.

Spannen der Kette

Eine bis zwei Fingerbreiten Abstand zwischen Reifen und Kette sind in Ordnung. Die Kette wandert beim Fahren um den Reifen und reinigt dabei das Profil. Eine zu enge Kette kann Druckstellen verursachen, eine zu weite gegen das Radhaus schlagen. Neuere Kettensysteme verfügen häufig über eine Automatik, die das Nachspannen übernimmt. Ansonsten nach kurzer Fahrt den Sitz der Ketten noch einmal überprüfen.

Fahrverhalten und Assistenzsysteme

Schneeketten verändern das Fahr- und Bremsverhalten des Fahrzeugs und erfordern daher eine angepasste Fahrweise. Dass Räder mit Schnee­ketten auf Schnee und Eis durchrutschen können, ist ein erwünschter Effekt, weil dann die Kettenglieder besser greifen. Wenn ein elektronisches Stabilitätsprogramm (ESP) oder eine Antriebsschlupfregelung (ASR) dem entgegenwirken, schmälert das die Traktionswirkung. Hier und dort gibt es Schneeketten, für die der Hersteller eine Kompatibilität mit ESP und ASR verspricht. Ansonsten das Assistenzsystem am besten abschalten. Für die Fahrt mit Schneeketten ist die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf Tempo 50 begrenzt.

Sommerreifen mit Schneeketten

Schneeketten können Winterreifen definitiv nicht ersetzen. Die Kombination mit Sommerreifen ist daher ein Sicherheitsrisiko – an der Antriebsachse hat der Reifen mit Kette eine gute Haftung, an der anderen Achse dagegen fast keine.

Reinigung

Kette nach Gebrauch mit lauwarmem Wasser reinigen und trocknen lassen. Wer es gründlich mag, appliziert ein Fettspray oder Kettenpflegemittel. Die Ketten trocken lagern.

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