Wie wir reisen

Für welches Reiseziel entscheiden wir uns? Wie machen wir am liebsten Urlaub? Wissenschaftlerin Dr. Allison Hui erforscht die Prozesse, die unser Reisen beeinflussen. Nicole Graaf hat sie zum Interview getroffen.

Oft beeinflussen Hobbies unsere Reiseziele. Foto: Suat Gürsözlü/ iStockphoto

Heutzutage ist es normal zu reisen und Urlaub zu machen, aber das war nicht immer so. Wie hat sich das Reisen als Freizeitgestaltung über die Jahre hin entwickelt?

Hui: Natürlich reisen Leute heutzutage viel mehr dank Technologien wie Flugzeugen und der damit verbundenen globalen Infrastrukturen. Aber es ist ebenso interessant zu untersuchen, wie sich spezifische Arten des Reisens entwickelt haben. Zum Beispiel war es im achtzehnten Jahrhundert in Großbritannien auf Grund schlechter Straßen und Wegelagerern, die Reisende überfielen, sehr gefährlich, in ländlichen Gegenden zu Fuß unterwegs zu sein. Zudem war man stigmatisiert, herrschte doch die Meinung, dass nur arme Leute zu Fuß gehen müssten. Erst als während des frühen 19. Jahrhunderts Dichter wie Wordsworth und Ruskin über die Schönheit von Gegenden wie dem Lake District in Großbritannien schrieben, begriffen die Leute, dass es sich tatsächlich lohnt, rauszugehen und verschiedenste Orte zu Fuß zu erkunden. Heutzutage sind viele Naturlandschaften UNESCO Weltkulturerbe. Sie werden jedes Jahr von Millionen von Menschen besucht, die mit Autos, Zügen oder Flugzeugen anreisen.

Welche Faktoren beeinflussen, wie wir heute reisen? Wonach wählen Menschen die Orte aus, die sie besuchen?

Hui: Ich denke, dass der Zusammenhang zwischen dem, was wir in unserem täglichen Leben tun, und den Orten, an die wir als Touristen reisen, wirklich faszinierend ist. Denn die Dinge, mit denen Menschen sich im täglichen Leben beschäftigen, stehen sehr oft in Beziehung dazu, was sie tun, wenn sie auf Reisen gehen. Ihre regelmäßigen Freizeitaktivitäten können die Inspirationsquelle für einen bestimmten Urlaubsort sein.

Haben Sie ein Beispiel?

Hui: Ich habe einige Forschungen zum Flickwerken angestellt, einem weitverbreiteten Zeitvertreib in Großbritannien, Kanada und den USA, mit geschätzten 10 Millionen Anhängerinnen und Anhängern. Sie nähen Stoffflicken zu Textilartikeln wie Decken zusammen. Das ist eine Freizeitbeschäftigung, der sie auch zu Hause nachgehen können. Trotzdem suchten die von mir befragten Personen im Urlaub oft nach einer dazu passenden Veranstaltung, bei der sie etwas Neues lernen oder sich mit anderen austauschen und ihrer Leidenschaft und Begeisterung woanders nachgehen konnten.

Trifft das auch auf andere Hobbys und Freizeitaktivitäten zu?

Hui: Ja, absolut. Ich habe das gleiche beispielsweise bei Leuten festgestellt, die sich für Kampfkunst oder Yoga begeistern. Sie informierten sich über die Möglichkeiten, bei bestimmten Experten im Ausland zu lernen. Dadurch ergeben sich je nach Hobby andere Ziele: Leute, die Yoga machen, reisen eher nach Indien, wer gerne surft, reist beispielsweise nach Australien oder in bestimmte Gegenden der USA. Die Tourismusindustrie hat in den letzten Jahren zunehmend erkannt, dass es solche Nischen für bestimmte Personengruppen gibt. Manche Leute begeistern sich nur für einen bestimmten Reisezweck oder ein bestimmtes Reiseziel, interessieren sich aber für keine andere Art des Reisens.

Am Lehrstuhl für Soziologie der britischen Lancaster University erforscht Dr. Allison Hui die Prozesse, die unser Reisen beeinflussen. Foto: David McBridge

Am Lehrstuhl für Soziologie der britischen Lancaster University erforscht Dr. Allison Hui die Prozesse, die unser Reisen beeinflussen. Foto: David McBridge

Gibt es auch eine kulturelle Komponente, die wir als einen wichtigen Teil unserer Urlaube und Reisen ansehen? Ist diese je nach Kultur verschieden?

Hui: Natürlich haben Menschen unterschiedlicher Kulturen auf der Welt unterschiedliche Vorstellungen, was im Urlaub wichtig oder normal ist. So reisen Chinesen zum Beispiel während des chinesischen Neujahrsfests oft zu ihren Familien, weil es in ihrem Kulturkreis sehr wichtig ist, diese Zeit mit der Familie zu verbringen. In Australien und Großbritannien ist es sehr angesehen, nach Ende der Schulzeit für ein Jahr auf Reisen zu gehen, um eigenständig die Welt zu entdecken. Viele Jugendliche empfinden das als wichtig, um ihre Eigenständigkeit zu entwickeln und erwachsen zu werden. In China ist diese Kultur nicht so ausgeprägt.

Leute reisen zu entlegenen Orten, machen dann aber die gleichen Dinge wie zu Hause. Zum Beispiel wollen sie das gleiche Frühstück oder den gleichen Tagesablauf. Worin liegt dann der Sinn zu verreisen?

Hui: Das ist in vielerlei Hinsicht sinnvoll. Es ist nicht unbedingt so, dass wir nichts Neues ausprobieren wollen. Aber die vielen neuen Eindrücke, die wir sammeln, sind nicht immer einfach zu verarbeiten. So dient das gleiche Frühstück, der Wunsch nach einem ähnlichen Ablauf vor dem Zubettgehen oder der Zugang zu gewohnten Medien oder Musik oft dazu, Energie zu sparen, die man dann darauf verwendet, Neues zu entdecken.

Wie haben Medien und moderne Technologien unser heutiges Reisen geprägt?

Hui: Bei manchen Informationsquellen ist es offensichtlich, wie sie uns nutzen um herauszufinden, was wir an einem bestimmten Ort unternehmen können. Dazu zählen Stadtführer oder spezielle Touren, um einem spezifischen Aspekt der örtlichen Kultur auf den Grund zu gehen oder typische Speisen der Region zu probieren. Aber es gibt noch viele andere Dinge, die beeinflussen wie Menschen reisen, selbst wenn sie nie direkt etwas mit ihnen zu tun hatten.

Das vorhin erwähnte Beispiel, wie Dichter das Gefühl beeinflusst haben, wie wertvoll und bereichernd ein Spaziergang in der Natur ist, zeigt: Wo auch immer wir hingehen, beeinflussen uns Generationen von Reisenden – egal ob wir ihnen begegnet sind oder nur ihre Berichte gelesen haben. Aber es bedeutet nicht zwangsläufig, dass man eines ihrer Werke kennen muss, um das zu verstehen. Zum Beispiel kann es jemandem Freude bereiten, in der Natur zu wandern und dies auch als lohnend empfinden. Aber nicht, weil er von einem Dichter wie Wordsworth gelesen hat, sondern weil andere es gelesen und ihm das Gefühl vermittelt haben, dass dies eine bereichernde und erfüllende Beschäftigung auf Reisen ist. Diese Veränderungen, die wir heute im Reisen feststellen, passieren nicht auf Grund einzelner Personen, die eine bestimmte Aktivität besser finden als eine andere, sondern aufgrund solcher kollektiven Prozesse.

Welche kollektiven Prozesse passieren derzeit?

Hui: Ich glaube nicht, dass es einen zweiten Wordsworth geben wird, der komplett verändert, wie Millionen von Menschen sich für bestimmte Reiseziele entscheiden. Mit der zunehmenden Auswahl an Freizeitbeschäftigungen, unterschiedlichen Arten von Medien und sozialen Netzwerken kommen kleinere Gruppen, Nischengruppen, zusammen und prägen Orte, die ihnen wichtig sind. Andere gehen vielleicht an einem solchen Ort vorbei, ohne ihn zu beachten, weil er nur für diese eine kleine Gruppe von Bedeutung ist.

Reisen und Urlaub werden häufig als positiv und bereichernd angesehen, aber es gibt auch negative Auswirkungen, wenn es um Nachhaltigkeit geht, wie zum Beispiel die extreme Luftverschmutzung von mehr und mehr Flugverkehr.

Hui: Die Menge des Luftverkehrs zu verringern wäre schwierig ohne ein signifikantes kollektives Eingeständnis, dass wir viele Verhaltensweisen ändern müssen. Ich denke, diese Diskussion sollten wir innerhalb von Gruppen, Organisationen und der ganzen Gesellschaft führen und nicht nur zwischen einzelnen Personen. Meiner Meinung nach braucht es ein enormes Maß an Kreativität, nicht nur um darüber nachzudenken, wie man von den problematischen Praktiken wegkommt, sondern auch um neue interessante Dinge vor Ort zu entwickeln – mit dem Ziel, dass Leute nicht das Gefühl haben, etwas zu verpassen, wenn sie beispielsweise keine Auslandsreisen unternehmen.

Reden wir zum Abschluss noch darüber, woran Sie im Rahmen Ihrer Forschung derzeit arbeiten.

Hui: Meine Arbeit unterscheidet sich von der konventionellen Marktforschung der Touristikindustrie, denn ich interessiere mich für die langfristigen Prozesse, die beeinflussen, wie wir reisen. Im Moment beschäftige ich mich mit dem Thema, dass Reisen nicht isoliert betrachtet werden kann. Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist: Wie Menschen reisen, was sie an einem Reiseziel im Vergleich zu einem anderen bevorzugen und was sie sich wünschen, wenn sie an einem bestimmten Reiseziel ankommen, hängt oft davon ab, was ihnen in ihrem täglichen Leben wichtig ist. Es hängt davon ab, wie wir unsere Familien und unsere Arbeit koordinieren und so weiter. Partner mit unterschiedlichen Arbeitszeiten und Kinder mit anderen Zeiten für Schule und außerschulische Aktivitäten, all das wirkt sich darauf aus, wie die Menschen reisen können. Meiner Ansicht nach ist es jetzt sogar schwieriger einen Urlaub zu planen, als es noch vor einigen Jahren war.

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