Mehr Grün im Stadion

Das Thema Klimaschutz ist weltweit präsent. Auch in Fußballklubs rund um den Globus entwickelt sich ein schärferes Bewusstsein für einen nachhaltigeren Umgang mit natürlichen Ressourcen.

Das Stadion „Mineirão“, Belo Horizonte in Brasilien

Das Stadion „Mineirão“ in Belo Horizonte in Brasilien ist seit der WM 2014 mit einer 1,4 Megawatt Fotovoltaik-Anlage ausgestattet. Foto: Renato Cobucci – Imprensa MG Data

Diese Zahlen muss man sich vergegenwärtigen: Nach Angaben des von der Europäischen Kommission mitfinanzierten Nachhaltigkeitsprojekts Life Tackle erzeugt ein Fußballfan pro Besuch im Stadion 0,8 Kilogramm Müll. Rechnet man das auf alle Fans hoch, die europaweit Spiele von nationalen Fußballverbänden besuchen, kommt man laut Life Tackle auf schätzungsweise 750.000 Tonnen Abfall pro Jahr. Das ist mehr Müll, als Liechtenstein jährlich produziert. Damit nicht genug. Beim Finale der Europa League, das Ende Mai 2019 in Aserbaidschans Hauptstadt Baku stattfand, kamen beide Teilnehmer aus London: FC Arsenal und FC Chelsea. Mit ihnen reisten 12.000 Fußballfans aus der britischen Hauptstadt zum Veranstaltungsort. Den CO2-Verbrauch beziffert Life Tackle auf 5.595 Tonnen. Zum Vergleich: Eine einzelne Person produziert im Durchschnitt etwa zehn Tonnen CO2 pro Jahr. Wenige Tage später standen sich erneut zwei englische Vereine, Tottenham Hotspur und der FC Liverpool, im Champions-League-Finale in Madrid gegenüber. Diesmal waren mehr als 30.000 Fans aus Großbritannien mit vor Ort.

UEFA will 50.000 Bäume pflanzen​

Die TSG Hoffenheim kompensiert mit einem Aufforstungsprojekt die CO2-Emissionen. Foto: Uwe Grün / TSG Hoffenheim

Die TSG Hoffenheim kompensiert mit einem Aufforstungsprojekt die CO2-Emissionen. Foto: Uwe Grün / TSG Hoffenheim

Angesichts der weltweiten Bemühungen zur Bekämpfung des Klimawandels wird der Ruf nach mehr Nachhaltigkeit auch im Profifußball wie überhaupt im gesamten Sport immer lauter. So hat zum Beispiel die Union der Europäischen Fußballverbände (UEFA) erst im September 2019 angekündigt, in den zwölf Austragungsländern der Endrunde der Fußballeuropameisterschaft 2020 jeweils 50.000 Bäume zu pflanzen, um so, wie UEFA-Präsident Aleksander Čeferin sagte, „ein nachhaltiges Vermächtnis des Turniers zu hinterlassen“. Darüber hinaus wird die UEFA in Zusammenarbeit mit dem CO2-Zertifikate-Entwickler South Pole in verschiedene, gemäß „Gold-Standard“ zertifizierte Projekte im Bereich erneuerbare Energien investieren, um die geschätzten 405.000 Tonnen CO2-Emissionen aus Reisen von Fans und Vertretern der UEFA zu den Spielen zu kompensieren. Die UEFA gehört übrigens – wie auch der Weltfußballverband FIFA – zu den Unterzeichnern der von den Vereinten Nationen ins Leben gerufenen Initiative „Sports for Climate Action“.

„Sports for Future“ am Start

​Auch in Deutschland hat man die Zeichen der Zeit erkannt. So ist zum Beispiel im September 2019 auf Initiative der Fußballbundesligisten TSG Hoffenheim und SV Werder Bremen sowie des Zweitligisten VfL Osnabrück das Bündnis „Sports for Future“ auf die Beine gestellt worden, um sich aktiv in die Klimadebatte einzubringen. Mit sechs namhaften Fußballklubs – dem VfL Wolfsburg, SV Werder Bremen, Bayer 04 Leverkusen, dem FC St. Pauli, dem VfB Stuttgart und dem SC Paderborn 07 – sowie der Stiftung der Deutschen Fußball Liga ist in der Bundesligasaison 2019/2020 außerdem ein Pilotprojekt an den Start gegangen, das sich der Überprüfung und Auditierung von Nachhaltigkeit im Profisport verschrieben hat.

Mit der in Afrika nachhaltig hergestellten Textilmarke Umoja unterstützt die TSG Hoffenheim faire Arbeitsplätze in Afrika. Foto: Simon Hofmann / TSG Hoffenheim Die gesamte Wertschöpfung der Textilien findet unter fairen und sicheren Arbeitsbedingungen statt. Foto: TSG Hoffenheim Die verwendete Baumwolle wird in der Kasese-Region angebaut, geerntet und „Cotton made in Africa“-zertifiziert. Foto: TSG Hoffenheim
Zu diesem Zweck hat die im schweizerischen Basel ansässige Organisation sustainable///sports gemeinsam mit DEKRA einen Kriterienkatalog entwickelt, mit dessen Hilfe untersucht wird, wie weit es im jeweiligen Verein um die Nachhaltigkeit in Sachen Umwelt, Emissionen und Energie, Management und Strategie sowie Stakeholder und Soziales bestellt ist. „Besagter Katalog umfasst rund 180 Bewertungsfelder und orientiert sich dabei an internationalen Initiativen und Standards wie der Global Reporting Initiative, der ISO 26000 und der SA 8000“, erläutert Peter Paul Ruschin, Teamleiter bei der DEKRA Assurance ­Services GmbH, in deren Händen die Auditierung liegt.

Wertstoffmanagement: Aus dem alten Rasen wird Graspapier und daraus beispielsweise Autogrammkarten. Foto: Sebastian Berger

Wertstoffmanagement: Aus dem alten Rasen wird Graspapier und daraus beispielsweise Autogrammkarten. Foto: Sebastian Berger

Die Bewertung erfolgt nach einem Punkte- beziehungsweise Ampelsystem und führt am Ende zur Vergabe des Labels „sustainclub“ in Gold, Silber oder Bronze. „So wissen die Klubs sofort, auf welchem Level sie sind und woran sie möglichst noch arbeiten sollten“, führt Ruschin weiter aus. Einer der genannten Klubs – genauer gesagt: der VfL Wolfsburg – wurde bereits auditiert und erhielt die Auszeichnung in Gold. Ein vorbildliches Ergebnis also, das Ansporn für möglichst viele weitere Klubs sein sollte.

„Perfekte Imagepflege“

DEKRA solutions: „sustainclub“ ist das erste Label für Nachhaltigkeit im Profisport. Was hat es damit auf sich?

Fabian Putzing ist Geschäftsführer von sustainable///sports mit Sitz in Basel. Foto: sustainable///sports

Fabian Putzing ist Geschäftsführer von sustainable///sports mit Sitz in Basel. Foto: sustainable///sports

Fabian Putzing: Wir haben damit ein System ins Leben gerufen, das Profisportvereinen dabei hilft, das Thema Nachhaltigkeit im Sport als Geschäftsfeld zu behandeln. Gleichzeitig ist es mit dem Label möglich, die eigene Leistung in Bezug auf Nachhaltigkeit zu evaluieren und die sich daraus ergebenden Vorteile zu nutzen. Identifiziert werden zum Beispiel Kostensenkungspotenziale durch Ressourceneinsparungen, etwa im Bereich Energie und Wasser sowie im Hinblick auf den Materialverbrauch. Unter die Lupe genommen wird die Nachhaltigkeit dabei aber nicht nur in Sachen Ökologie, sondern auch in Bezug auf die Ökonomie und die soziale Verantwortung. Genau darin besteht der Mehrwert von „sustainclub“ im Vergleich zu anderen auf dem Markt befindlichen Labels.

Welche konkreten Vorteile sind damit verbunden?

Die Auditierung nach dem von uns gemeinsam mit DEKRA entwickelten Kriterienkatalog bietet eine umfassende Status-quo-Analyse der Gesamtperformance des Vereins in Bezug auf Nachhaltigkeit. Damit verbunden sind zugleich konkrete Empfehlungen, wie man sich in den betreffenden Kategorien noch verbessern kann. Das Label ist somit ein wichtiges Tool für die strategische Planung. Es hilft darüber hinaus beim internen und externen Benchmarking und zeigt nach außen die Vorreiterrolle des Vereins auf. Nicht vergessen werden darf, dass Vereine mit dem Label auch perfekt ihr Image pflegen. Das kann sich wiederum positiv auf die Verbreiterung der Fanbasis sowie die Erschließung neuer Zielgruppen und Sponsoren auswirken.

Wie bewerten die Clubs diese Initiative?

Wir stoßen insgesamt auf große Zustimmung. Viele Vereine haben die ungemein positive Auswirkung entsprechend nachhaltiger Optimierungsmaßnahmen erkannt, sind sich aber auch bewusst, dass in diesem Punkt durchaus noch Luft nach oben ist. Ich bin mir deshalb ganz sicher, hierfür zusammen mit DEKRA noch weitere Klubs gewinnen zu können. Aus Deutschland sind in der Pilotphase 2019/2020 schon sechs Vereine mit dabei. Im Idealfall wollen wir die Labelvergabe auch auf Klubs aus anderen europäischen Ligen ausdehnen.

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