Superhelden im Dienst der „Vision Zero“

Sie werden gestoßen, geschleudert und angefahren – und das alles im Namen der Sicherheit. Dummys liefern in vielfältigen Crash-, Schlitten- und Katapultanlagen sowie Prüfständen des DEKRA Crash Test Centers in Neumünster und des DEKRA Automobil Test Centers in Klettwitz wichtige Erkenntnisse.

Für die Erhöhung der Verkehrssicherheit im Sinne der „Vision Zero“ sind Dummys unverzichtbar. Foto: DEKRA Automobil

SID, BioRID, CRABI, Hybrid, THOR … Alles klar? Möglicherweise erst mal nicht. Denn diese Kürzel und Bezeichnungen dürften wohl nur diejenigen sofort richtig verorten, die sich mit Crashtests und den dabei eingesetzten Dummys auskennen. Zur Auflösung: SID steht für den bei Seitenkollisionen verwendeten „Side Impact Dummy“, BioRID meint den auf Heckaufpralltests spezialisierten „Biofidelic Rear Impact Dummy“. CRABI leitet sich ab aus „Child Restraint/Air Bag Interaction“ und bezeichnet einen Dummy, mit dem zum Beispiel Baby- und Kindersitze getestet werden. Der Hybrid-Dummy wiederum wurde speziell für den Frontalaufprall konzipiert. Bei THOR, dem „Test Device for Human Occupant Restraint“, handelt es sich um den neuesten, menschenähnlichsten Dummy.

Die meisten dieser Superhelden, die aus jedem noch so verheerenden Crash lediglich mit leichten Blessuren davonkommen, sind auch bei DEKRA regelmäßig im Dienst – zum Beispiel im DEKRA Crash Test Center (CTC) in Neumünster, das 2021 sein 30-jähriges Jubiläum feiert. „Für die Erhöhung der Verkehrssicherheit im Sinne der „Vision Zero“, also eines Straßenverkehrs, in dem es bei Unfällen möglichst keine Getöteten und Schwerverletzten gibt, sind Dummys unverzichtbar“, betont Peter Rücker, Leiter der Unfallforschung bei der DEKRA Automobil GmbH.

Das Verhalten des menschlichen Körpers im Unfall wird durch die weiterentwickelte Dummy-Technik immer aussagekräftiger abgebildet. Foto: Thomas Küppers

Die lebensgroßen Anthropomorphic Test Devices, so die offizielle Bezeichnung von Dummys, sind seit ihrer Einführung im Jahr 1949 immer lebensechter und ausgefeilter geworden. Heute steht den Crash-Experten von DEKRA eine ganze Dummy-Familie zur Verfügung – allen voran der 50-Prozent-Mann mit einer Körpergröße von 1,75 Meter und einem Gewicht von 78 Kilogramm. Dazu kommen der 1,88 Meter große und 101 Kilogramm schwere 95-Prozent-Mann, die 1,52 Meter große und 54 Kilogramm schwere 5-Prozent-Frau sowie Kinder-Dummys in ebenfalls mehreren Größen und Gewichtsklassen.

„Wir decken damit ein breites Feld an Szenarien ab und gewinnen mit Hilfe der inzwischen bis zu 250 in die Dummys integrierten Sensoren wichtige Informationen darüber, wie sich ein Autounfall in der Realität auf die verschiedenen Körperregionen eines Menschen auswirken kann“, sagt Thilo Wackenroder, der das DEKRA Crash Test Center in Neumünster leitet. Dabei habe in den letzten Jahren vor allem die Biofidelität der Dummys zugenommen. Soll heißen: Das Verhalten des menschlichen Körpers im Unfall wird durch die weiterentwickelte Dummy-Technik immer aussagekräftiger abgebildet.

Über 150-mal pro Jahr lassen es die Prüfingenieure in Neumünster nach allen gängigen nationalen und internationalen Standards im wahrsten Sinne des Wortes krachen. Auch Crashversuche für den Insassenschutz nach ­Euro NCAP, US-NCAP und weiteren internationalen Verbraucherstandards übernimmt das Center in Neumünster. Neben der Anlage auf dem Outdoor-Gelände steht hier außerdem eine weitere Indoor-Crashanlage wetterunabhängig zur Verfügung, in der DEKRA Elektrofahrzeuge sowie Fahrzeuge mit Gas- oder Wasserstoffantrieb gegen die Wand fahren lässt.

Seit November 2002 führt DEKRA auch im DEKRA Automobil Test Center (DATC) in Klettwitz regelmäßig Komponententests und Schlittenversuche durch – pro Jahr bis zu 1.000. „Auf unserer Schlittenanlage können wir dabei unter anderem auch dynamische Tests etwa an Kinderrückhalteeinrichtungen durchführen“, erläutert Olaf Kretschmann, Leiter Passive Sicherheit. Der modulare Aufbau ermögliche eine schnelle Anpassung an die gewünschte Aufprallrichtung – ob Front, Seite oder Heck. High-Speed-Kameras liefern in Verbindung mit moderner Software hervorragende Auswertungs- und Analysevideos – mit bis zu 5.000 Bildern pro Sekunde. Zu den Besonderheiten in Klettwitz zählen außerdem mobile Prüfeinrichtungen beziehungsweise „Target Mover“ für den entwicklungsbegleitenden Test aktiver Systeme zum Schutz beispielsweise von Fußgängern und Zweiradfahrern. In den Versuchsdurchführungen werden die ungeschützten Verkehrsteilnehmer mittels Soft Targets aus Schaumstoff nachgebildet. Selbst im Crashfall bleiben die getesteten Fahrzeuge unbeschädigt. So lassen sich unfallträchtige Verkehrsszenarien aller Art simulieren.

Wie auch immer die Versuchsanordnungen in Neumünster oder Klettwitz aussehen und welche Art von Dummy oder Technik zum Einsatz kommen mag: Erklärtes Ziel ist es, die Markteinführung unfallvermeidender Technik voranzubringen und so die Sicherheit auf den Straßen zu erhöhen. Ein Ziel, das DEKRA an beiden Standorten nachhaltig verfolgt.

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