Erdöl – Lebenselixier für die Zivilisation

Erdöl ist der wohl wertvollste Rohstoff, den wir kennen. Ohne das schwarze Gold wäre unsere Zivilisation eine völlig andere. Wie sicher ist die Erdölförderung bei knapper werdenden Ressourcen heute noch?

Die Förderung auf rauer See ist mühsam aber unverzichtbar. Nach aktuellen Schätzungen von BP reichen die Vorkommen, bei gleichbleibendem Energienachfrage, noch mindestens 40 Jahre. Photo: BP

Die Förderung auf rauer See ist mühsam, aber unverzichtbar. Nach aktuellen Schätzungen von BP reichen die Vorkommen, bei gleichbleibendem Energienachfrage, noch mindestens 40 Jahre. Photo: BP

Eine Ölplattform, einige Kilometer vor der Küste Brasiliens, der Wind weht stürmisch, bedrohliche Wellen durchziehen das Meer. Der fast 200 Meter hohe Halbtaucher, so heißt der schwimmfähige Bohrinseltyp, ist mit Stahlseilen am Meeresgrund befestigt. Dennoch schwankt er bedenklich.

Regen klatscht den Plattformmitarbeitern ins Gesicht. Sie sind froh über ihre Schutzkleidung. Doch an vielen Tagen brennt die Sonne vom Himmel und auch dann müssen die Männer aus Sicherheitsgründen in vollständiger Montur arbeiten. Tag für Tag holen sie mehrere Hunderttausend Barrel Erdöl nach oben. Hier mischt sich der Salzgeruch des Meeres mit dem Schwefelgestank des Erdöls. Den Männern macht das nichts aus. Sie haben diese besondere Mixtur noch in der Nase, wenn sie längst schon wieder an Land sind, um ein paar freie Tage zu genießen. Die Arbeit auf einer Ölplattform ist ein Knochenjob. Doch der Einsatz ist unabdingbar. Die Menschheit scheint abhängig zu sein von dieser klebrigen, stinkenden Substanz. Vor gut 12.000 Jahren begann die Karriere des Erdöls – als Kitt für Waffen und Geräte, als Farbe für Schmuck und Skulpturen. Später kam es als Brennstoff in Lampen zum Einsatz. Doch mit der Industrialisierung ging es dann richtig los. Bis heute ist es der mit Abstand wichtigste, fast ausschließliche Energieträger für unsere Mobilität und dient vielfach noch zum Betrieb von Heizungen. Im frühen 19. Jahrhundert, dem Beginn des Ölzeitalters, kämpften private Unternehmer um die großen Erdölquellen auf der ganzen Welt. Das Geschäft lief prächtig. Doch die Länder mit den größten Ölvorkommen begriffen irgendwann, auf welchem Schatz sie da eigentlich sitzen. Dadurch änderten sich die Machtverhältnisse auf den Energiemärkten im Laufe weniger Jahre radikal. Noch in den 1970er-Jahren beförderten fast ausschließlich private Ölkonzerne wie Esso, Shell oder BP das Öl aus fernen Ländern in die Industriestaaten und sorgten dort für die Vermarktung der Produkte. Die Marken gibt es immer noch. Doch ihre Marktmacht ist gering, trotz eines immer noch beachtlichen wirtschaftlichen Potenzials. Die größten Ölgesellschaften gehören Staaten. Ihre Namen sind längst nicht so geläufig. Sie heißen unter anderem Rosneft (Russland), Saudi Aramco (Saudi-Arabien), NIOC (Iran), PdVSA (Venezuela), CNPC (China), Pemex (Mexiko) oder Sonatrach (Algerien). Der Anteil staatlicher Ölgesellschaften an der weltweiten Ölförderung beträgt inzwischen etwa 80 bis 90 Prozent. Die Angaben beruhen auf Schätzungen, da die Staatskonzerne keine offiziellen Zahlen nach außen geben.

Geschätzte Reserve

Die heute förderbare Erdölmenge – also das noch vorhandene Erdölvorkommen – liegt laut einer Berechnung von BP bei etwa 1,68 Billionen Barrel (159 Liter = 1 Barrel). Der Wert ist in den vergangenen Jahrzehnten aufgrund technologischer Fortschritte immer wieder nach oben korrigiert worden. BP geht davon aus, dass diese Erdölvorkommen noch mindestens 40 Jahre reichen werden, ausgehend von der heutigen Energienachfrage. Doch mit einem Wandel in der Antriebstechnologie unserer Mobilität könnte sich die Schätzung der Reserve abermals verändern. Dazu kommen technologische Fortschritte, die das Fördern sicherer und effizienter machen. „Gerade auf hoher See entstehen uns erhebliche Kosten, um Korrosion an den Anlagen oder den angeschlossenen Pipelines zu vermeiden“, erklärt BP-Technikchef David Eyton. „Um Korrosion so früh wie möglich zu erkennen, benutzen wir unter anderem kabellose Sensoren, die uns regelmäßig über den Zustand der Leitungen informieren.“ Ein Durchrosten von Rohrleitungen ist inzwischen so gut wie ausgeschlossen. Die Trefferquote bei der Suche nach Öl hat sich ebenfalls stetig verbessert. Früher bohrten die Unternehmen im Schnitt mindestens elf Mal, um auf Öl zu stoßen. Heute reichen durchschnittlich zwei Probebohrungen. Vor allem Supercomputer und die Möglichkeit 3D-Bilder vom Untergrund zu erstellen, haben das teure Lotteriespiel beim Aufspüren von neuen Ölquellen beendet. Jede einzelne Bohrung kostet mehrere Millionen US-Dollar. Die Suche nach neuen großen Ölquellen geht überall auf der Welt in einem rasanten Tempo weiter. Die USA gehörten dabei schon immer zu den mächtigsten Ölproduzenten. Zu Beginn der 2000er-Jahre drohte allerdings der Abstieg. Die eigenen Ölquellen sprudelten nicht mehr so ergiebig. Doch ein steigender Rohölpreis machte plötzlich eine neue Fördermethode rentabel. Fracking brachte die Amerikaner wieder weit nach vorne, sorgt allerdings für hitzige Diskussionen unter den Experten. Beim Fracking wird Öl aus Gesteinsschichten herausgelöst. Dies geschieht durch die Einleitung chemischer Substanzen, die dafür sorgen, dass das Öl aus den Gesteinsschichten herausgedrückt wird („fracken“). Umweltorganisationen kritisieren diese Methode, da die verwendeten chemischen Substanzen den Erdboden und das Grundwasser auf lange Sicht verseuchen würden. Unabhängig von den Folgen für die Umwelt sind Wirtschaftsexperten der Meinung, dass Fracking sich nur ab einem Ölpreis von 60 US-Dollar oder höher überhaupt lohnt. Derzeit steht er etwa bei 45 Dollar.

Materialschlacht: Das Bohrgestänge türmt sich auf der Plattform hoch auf

Materialschlacht: Das Bohrgestänge türmt sich auf der Plattform hoch auf. Photo:BP

 

Verwendung im Wandel

Noch regiert Erdöl die Welt. Aber was kommt danach? Die Mobilität wird nach Meinung von Experten mindestens noch zwanzig Jahre vom Erdöl dominiert werden. Vor allem, wenn es um weite Strecken oder große Gewichte geht, ist der Energiegehalt der Erdölprodukte nicht zu toppen. Flugzeuge oder Frachtschiffe lassen sich mit heutiger Technik nicht vom Sprit entwöhnen. Bei kleineren Fahrzeugen und geringen Anforderungen an die Reichweite prophezeien Fachleute einen Wettlauf zwischen Hybridtechnik, Batteriebetrieb und Brennstoffzellen. „Wir glauben, dass Hybridfahrzeuge über das ausgereiftere Konzept verfügen“, sagt Dr. Peter Sauermann, Leiter der Kraftstoff-Forschung bei BP in Bochum. Seine Begründung: „Gerade als Zweitwagen für den Stadtverkehr ist ein Hybridfahrzeug die beste Lösung. Bei Kurzstrecken werden Autofahrer dann fast völlig vergessen, dass sich in ihrem Fahrzeug noch ein Benzin- oder Dieselmotor befindet.“ So ein Plug-in-Hybride, dessen Batterie für vollelektrischen Kurzstreckenbetrieb taugt, nutzt den Verbrenner nur auf längeren Strecken, „dann tankt ein Kunde nicht drei- oder viermal im Monat, sondern vielleicht nur noch einmal in sechs Monaten“, ergänzt Sauermann. Doch der Strom entsteht zumeist durch das Verbrennen anderer fossiler Energieträger: Zum Beispiel Kohle. Der Anteil von Kohle an der Stromproduktion betrug im Jahr 2015 in Deutschland 42,2 Prozent. Knapp neun Prozent wird durch Erdgas gedeckt. Nachzulesen in einem Bericht der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen e.V. (AGEB). Dort steht auch, dass die Kernenergie immer noch 14,1 Prozent des inländischen Stroms liefert. 2022 soll damit laut Beschluss der Bundesregierung Schluss sein. Um das Defizit auszugleichen, soll der Anteil der erneuerbaren Energie von zur Zeit etwa 30 Prozent weiter gesteigert werden. Erdölderivate tragen nur zu 0,8 Prozent zur Stromerzeugung bei. Gut so, denn das schwarze Gold bestimmt unseren Alltag noch viel stärker als Rohstoff der verschiedensten Produkte. Blicken Sie einmal kurz von diesem Text auf und lassen Sie Ihren Blick wandern: CD-Hüllen, die Wandfarbe, das Gehäuse Ihres Computers oder Smartphones, die Küchenarbeitsplatte, die bequemen Strümpfe, das TV-Gerät oder die Salbe gegen Schmerzen. Vermutlich fallen Ihnen viele weitere Produkte ein. Ohne Erdöl müssten wir auf all das verzichten. Daher müssen die Männer auf den Plattformen vor der Küste Brasiliens noch lange bei jedem Wetter ihre Arbeit erledigen und Erdöl fördern. Sie machen den Job, damit wir mobil bleiben, nicht frieren und das Leben so genießen können, wie wir es gewohnt sind.

Stahlgiganten: In der Nordsee sind die Plattformen fest am Meeresboden verankert

Stahlgiganten: In der Nordsee sind die Plattformen fest am Meeresboden verankert. Photo: BP

 

Text: Lars Lubienetzki