Burnout – Stress am Arbeitsplatz

Die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen sind beunruhigend angestiegen. Doch was steckt dahinter, wenn Körper und Geist in einen dauerhaften Ausnahmezustand geraten? Und welche Folgen hat das für die Sicherheit in einem Betrieb?

Stress verursacht alleine in Deutschland Kosten durch Arbeitsausfall in Höhe von rund 20 Milliarden Euro. Foto: Fotolia alphaspirit

Wenn selbst Schlafen zur Nebensache wird, nichts mehr ohne Energy-Drinks oder Zigaretten geht, setzt irgendwann eine völlige Blockade ein. Experten sprechen vom Burnout. Eine psychische Erkrankung, die mit Riesenschritten auf dem Vormarsch ist. Noch vor 20 Jahren lachte man darüber. Es waren Einzelfälle. Doch heute ist daraus eine gesellschaftliche Dimension mit Ansatz zur Volkskrankheit geworden – und psychische Erkrankungen stehen längst an zweiter Stelle bei den Fehlzeiten. Häufigster Grund für die Zunahme psychischer Probleme ist der steigende Ziel- und Ergebnisdruck in vielen Firmen.

Alarmierend ist eine Studie des Gesundheitsmonitors von Bertelsmann Stiftung und Barmer GEK. Dafür wurden 1.000 Erwerbstätige repräsentativ befragt. Knapp ein Viertel der Vollzeitbeschäftigten in Deutschland gab an, das derzeitige Arbeitstempo nicht länger durchhalten zu können. 18 Prozent erreichen oft die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit, 23 Prozent verzichten selbst auf Pausen. Jeder achte Arbeitnehmer erscheint der Studie zufolge inzwischen sogar krank im Unternehmen.

Auch Horst Kraemer, Gründer und Leiter der Hamburger BrainJoin-Akademie und hierzulande Pionier in Sachen Stressforschung, kennt die alarmierenden Zahlen. Er ist überzeugt, dass Stress, außer Fehlzeiten zu verursachen, auch längst der Hauptgrund für Betriebs- und Arbeitsunfälle darstellt: „Das Problem ist nur, dass kein Unternehmen darüber eine Statistik führt und stattdessen technische Gründe angenommen werden.“

Das bestätigt auch Christiane Richter, Sprecherin beim Dachverband der Betriebskrankenkassen (BKK) in Berlin: „Das Problem ist, dass die Berufstätigen in ihrer Krankmeldung nicht angeben, dass der Unfall stressbedingt war. Das würde auch niemand gerne zugeben, da sofort der Eindruck der Überforderung aufkommen würde.“ Dazu komme, dass nur den wenigsten Betroffenen bewusst sei, dass es diesen Vorfall bei voller Konzentration gar nicht gegeben hätte.

Ursachen: Organisations- und Qualifikationsdefizite

Was den Auslöser Stress angeht, gelten vor allem organisatorische Mängel als Ursachen. Auch mangelnde Qualifikation, unzureichende Information und Konflikte am Arbeitsplatz lösen Stress aus. So stellte das nordrhein-westfälische Arbeits- und Sozialministerium in einer Studie fest, dass Stress als Folge hoher Belastung als unfallförderlich gilt. Das bestätigt ebenso die Untersuchung einer Direktversicherung, wonach jeder dritte Verkehrsunfall in Deutschland durch Stress verursacht wird. Auffällig ist auch eine Umfrage der DAK-Gesundheit unter Pflegekräften. Von 874 Befragten hatten 32 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten einen Arbeitsunfall. Personen mit hohem Stressniveau fielen dabei durch eine mehr als doppelt so hohe Unfallhäufigkeit auf.

Stress verursacht alleine in Deutschland Kosten durch Arbeitsausfall in Höhe von rund 20 Milliarden Euro. Noch gravierender sind dabei die Gefahren für Unternehmen und Betroffene, weil häufig auch die Arbeitssicherheit ignoriert wird: „Es ist wie beim Autofahren: Die Menschen überschätzen ihre Fähigkeiten, werden nachlässiger, und die Fehlerquote steigt deutlich.“ Die Gründe, weshalb „keine Unfallstatistik dieser Welt“ darauf eingeht, sind für Horst Kraemer vielschichtig: „Wir Menschen glauben, dass es für alles eine technische Lösung gibt, und stellen im Zweifelsfall ein paar Schilder mehr auf. Jedoch führen mehr Schilder nicht automatisch zu mehr Sicherheit. Wir müssen unser Verhalten ändern.“ Bei allem ist für den 55-jährigen Coach nicht nachvollziehbar, wes-halb bei Unfallreduktionsmaßnahmen in Betrieben nicht zuerst die persönliche Stresssituation der beteiligten Personen als Hauptfaktor unter die Lupe genommen wird.

„Der Bedeutung von Stressfolgen sollte gesamt­organisatorisch Aufmerksamkeit geschenkt wer­den. Denn bis eine Person durch Stressfolgen auffällt, dauert es durchschnittlich 2,5 Jahre, was wiederum zur Belastungseskalation von Kollegen führt“, sagt Kraemer. Hierzu passen Erkenntnisse, die Horst Kraemer in den Führungsetagen deut­scher und Schweizer Unternehmen gewonnen hat. „Natürlich stehen diese Menschen unter extremen Stress, merken es jedoch häufig zu spät und bei der Krankmeldung wird dieses Thema meistens tabuisiert. Entweder aus Angst um den Arbeits­platz, oder weil man sich den wirklichen Ursachen nicht stellen möchte. Genau das aber ist das Prob­lem. Hormone, dauerhaft im Alarmzustand, spal­ten den Körper und die Psyche.“

Wie aber soll eine Führungskraft die Arbeits­sicherheit klar vor Augen behalten, wenn sie selbst unter Stress steht? „Personalverantwortliche und Management brauchen neurosystemische Wei­terbildungen, um Grundlagenwissen der Neuro­biologie, Stressforschung, Verhaltensimmunbiologie sowie die Auswirkung von Stressfolgen auf die Kommunikation, Gesundheit, Leistungs- ­und Lebensqualität in nachhaltige Inhouse­ Programme zu integrieren. Also mehr Vorreiter in den Unternehmen, die weiter denken“, argumen­tiert Kraemer. Das aber erfordert einen Bewusst­seinswandel in der Gesellschaft, denn „solange das Scheitern einer Persönlichkeit als individu­elles Problem abgetan wird, werden Organisatio­nen immer weiter in den Sog dieser Auswirkun­gen hineingezogen“.

Zur besonders gefährdeten Risikogruppe eines Burnouts gehören grundsätzlich Menschen, die sich engagieren und hochgradig eigenverantwort­lich handeln. Oft verlangen Betroffene immer wie­der Höchstleistungen von sich selbst, sind beson­ders ehrgeizig und bemerken dabei nicht, dass sie dadurch im wahrsten Sinn des Wortes ausbrennen. Experten bezeichnen das Burnout­-Syndrom auch als verschleppte Depression, weil Betroffene ihre blinde Arbeitswut dazu nutzen, um die Augen vor der Realität zu schließen.

Dekra

Text: Norbert Böwing