Brasilien: Per Bus und Boot zur Schule

Mit dem Boot zur Schule zu fahren oder durch unwegsames Gelände zur Busstation zu laufen ist für brasilianische Kinder in ländlichen Gebieten nichts Ungewöhnliches. Mit dem Programm „Schulweg“ sorgt die Regierung für sichere Transporte.

Mehrere Millionen Kinder profitieren vom Programm „Caminho da Escola“.

4,8 Millionen Kinder und Jugendliche in Brasilien leben nach Regierungsangaben in ländlichen oder entlegenen Regionen wie dem Amazonas-Gebiet. Und sie alle haben ein Recht auf Bildung. „Aber schlechte Straßen, marode Busse und Boote sowie ungenügende Verbindungen prägten lange Zeit den Alltag“, sagt Bruno Bergamo, der die Prüforganisation DEKRA in dem lateinamerikanischen Land vertritt. Entsprechend hoch war die Zahl derer, die gar nicht erst zur Schule kamen oder das regelmäßige Lernen schnell wieder sein ließen.

Aber dann machte die Regierung im Rahmen ihrer 2007 gestarteten Schulweg-Initiative „Caminho da Escola“ eine Reihe von Studien zum Schülertransport. Der Sozialentwicklungsfonds und die Marine taten sich zusammen, um gemeinsam mit mehreren Universitäten die Lage der Kinder insbesondere an den Flüssen zu erkunden. Ein gutes Vierteljahr lang fuhren die Teams 6.000 Kilometer den Amazonas hinab und sprachen mit Schülern, Lehrern und Eltern über den Schulweg per Boot, um eine Handlungsbasis zu haben. Im Jahr 2009 wurden 674 spezielle Schulboote von der brasilianischen Marine entworfen und gebaut.

Nach den Booten rückt das Schulfahrrad in den Fokus

„Kurz darauf stand das Schulfahrrad im Mittelpunkt“, erzählt Bergamo. Untersuchungen hatten ergeben, dass viele Kinder zwischen drei und 15 Kilometer täglich zurücklegen, um die Schule oder eine Haltestelle des Schulbusses zu erreichen. „Was für eine Erleichterung es ist, wenn die Jugendlichen die Strecke mit dem Rad fahren können“, betont der DEKRA-Mann. Gleichzeitig würde es für gesunde Bewegung sorgen, und so wurden 2011 in einem ersten Schritt mehr als 6.400 Fahrräder und Helme gekauft.

Fahrräder erleichtern die oft langen Strecken bis zur Schule oder der nächsten Haltestelle des Schulbusses erheblich.

Letícia Silva musste 2009 noch eine Stunde laufen, je nach Jahreszeit durch Matsch oder Staub, um die Haltestelle ihres Schulbusses zu erreichen. Mit einem alten, für den Schülertransport völlig ungeeigneten Stadtbus ging es dann weiter über holprige Wege und Straßen. Das Mädchen in der sechsten Klasse hatte es mit ihren drei Kilometern noch gut, erinnert sie sich – andere Kinder waren schließlich zehn Kilometer zu Fuß unterwegs. „Wenn es regnet, krempele ich meine Hose hoch und wate durch den Schlamm, die Füße wasche ich mir dann in der Schule“, erzählte sie damals. Bis zu jenem Donnerstag, als der erste Testbus sie vor ihrer Haustür abholte. Fortan blieb die Schuluniform makellos sauber.

Busse drücken die Quote der Schulabbrecher

Die Quote der Schulabbrecher drücken – dazu tragen insbesondere Busse bei. Sie verkürzen die Zeit, die für den Schulweg aufgebracht werden muss, die Kinder sind weniger müde und haben mehr Spaß am Lernen. Gleichzeitig wurden Sicherheit und Komfort stark verbessert: „Wo früher auf den Ladeflächen von Lkw oder Pick-Ups die Kinder in die Schule transportiert wurden, fahren jetzt Busse, bei denen jeder Sitz mit einem 4-Punkt Sicherheitsgurt und beweglichen Armlehnen ausgestattet ist, auch Ablagen für die Schulrucksäcke gehören inzwischen zur Norm“, berichtet Bruno Bergamo.

Die Schulbusse sind auch auf unwegsames Gelände spezialisiert. 1.600 Mercedes-Benz Busse für den Schulweg in Brasilien. Foto: Daimler

Die Schulbusse wurden im Rahmen des Programms standardisiert und dadurch billiger, gleichzeitig wurde die Transparenz bei der Beschaffung erhöht, betonen die Behörden. Im Einsatz sind jetzt robuste Chassis, die dem Einsatz auf unbefestigten Straßen standhalten. Stärkere Motoren und spezielle Reifen sollen besser mit Matsch, Schlaglöchern und Steinen fertig werden und auch dann noch Leistung bringen, wenn es off-road geht.

Im Startjahr 2007 hat die Regierung mit ihrem Programm 1,7 Millionen Schulpflichtige im Alter von vier bis 17 Jahren erreicht. Zehn Jahre später fahren nach offiziellen Angaben bereits 3,5 Millionen Kinder und Jugendliche aus etwa 5.000 Gemeinden mit Bussen, Booten und Fahrrädern in die Schule. Bislang wurden von Regierungsseite umgerechnet rund 540 Millionen Euro (2,4 Mrd. BRL) in den Schülertransport gesteckt, die durch die Initiative ausgelösten Investitionen belaufen sich Experten zufolge auf mehrere Milliarden. Die Aufgabe ist noch nicht beendet: Mehr als 500 Orte warten noch darauf, an das System angeschlossen zu werden.

Mercedes-Benz do Brasil erhält Zuschlag für 1.600 Schulbusse

Nach politischen Unsicherheiten in der jüngeren Vergangenheit war die Auftragsvergabe für Schulbusse zeitweilig eingebrochen. Inzwischen gab es jedoch wieder Ausschreibungen, so dass Mercedes-Benz do Brasil vor kurzem verkünden konnte, den Zuschlag für 1.600 Schulbusse erhalten zu haben. Sie sollen bis April 2019 ausgeliefert werden, aber auch Busse von Iveco, MAN oder VW sind in Sachen Kindertransport bereits unterwegs

Die Schulbusse sind für unwegsames Gelände geeignet.

„Im Rahmen des Programms sollen spezielle Busse zum Einsatz kommen, die die Kinder sicher aus den entferntesten Regionen Brasiliens in die Schule bringen“, sagt Bruno Bergamo. Alle Fahrzeugmodelle der Hersteller werden vom staatlichen Institut Inmetro auf ihre Eignung geprüft. Zu den besonderen Merkmalen der Schulbusse gehören für Asphalt und Geländestrecken geeignete Reifen, 4-Punkt-Sicherheitsgurte, spezielle Plätze für Fahrgäste mit besonderen Bedürfnissen, Ablagen für Gepäck und Schulrucksäcke sowie Geschwindigkeitsregler und Tachografen. Schulbusse haben bei den Bussen des öffentlichen Verkehrs in Brasilien einen Marktanteil von 20 Prozent.

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