Scheinbar sicher

Am Arbeitsplatz wird Sicherheit großgeschrieben. Zu Hause sieht das oft ganz anders aus. Wir folgen keinem Plan und Risiken werden kaum bedacht. Don Martin von DEKRA Organizational Safety & Reliability (OSR) hat die Problematik im Blick. 

Zu Hause riskiert man gerne mehr. Auf wackeligem Stuhl wird schon mal die Glühbirne gewechselt. Foto: Fotolia - mediaparts, Montage: Flo Frieser

Zu Hause riskiert man gerne mehr: Auf wackeligem Stuhl wird schon mal die Glühbirne gewechselt. Foto: Fotolia – mediaparts, Montage: Flo Frieser

Mr. Martin, wie bringt man die Menschen dazu, über die Sicherheit zu Hause nachzudenken?

Don Martin: Wir bitten die Menschen, einen Umstand zu beschreiben, der sie zu Hause einem Risiko ausgesetzt hat. Meistens beschreiben sie eine Situation, in der ihr Leben in Gefahr war, letztlich aber nichts Gravierendes passiert ist. Da ist etwa ein Mann, der mit einer Motorsäge auf eine Leiter steigt, um Äste an einem Baum abzusägen. Die Leiter kippt, er stürzt und wird beinahe von der Motorsäge getroffen. Die Menschen beschreiben solche Vorfälle und sagen: „Okay, das war knapp, aber es ist ja nichts passiert. Also werde ich wieder nach oben steigen und die Arbeit beenden.“ Aber: Es ist etwas passiert! Es ist das, was wir einen „Beinahe-Unfall“ nennen.

Wir versuchen, die Menschen dazu zu bringen, über solche Beinahe-Unfälle nachzudenken, die zu einem lebensverändernden Ergebnis hätten führen können. Und dann bringen wir sie dazu, die Aufgabe noch mal auf einem anderen Weg zu lösen.

Was sind die größten Sicherheitsrisiken außerhalb des Arbeitsplatzes?

Unbeabsichtigte Vergiftungen sind nach Angaben des National Safety Council die häufigsten Ursachen für tödliche Unfälle, gefolgt von Verkehrsunfällen und Stürzen. Wir müssen uns fragen: Sind unsere Medikamente und Reinigungsmittel weggeschlossen? Legen wir unsere Mobiltelefone während der Fahrt beiseite? Haben wir eine ausreichend gesicherte Leiter, von der aus gearbeitet werden kann?

Brände sind die Nummer sechs auf der Liste. In den Vereinigten Staaten berichteten die Medien über jemanden, der Benzin aus einem Rasenmäher einfach in eine Tonne entleerte. Die Benzindämpfe fanden den Weg zum Warmwasserbereiter und führten so zu einer Explosion. Ich glaube, niemand würde sich bei der Arbeit so verhalten. Aber in der häuslichen Umgebung denken und handeln Menschen anders. Wir bei DEKRA OSR versuchen, die Menschen dazu zu bewegen, ihr Verhalten von der Arbeit zu reflektieren, damit sie es zu Hause genauso machen.

Wie trägt die Vorbildfunktion dazu bei, die Sicherheit zu erhöhen?

Angenommen, ich stehe mit meinen fünf Kindern an einer sehr belebten Kreuzung und die Ampel zeigt Rot. Ich schaue mich um, weiß es besser als die Ampel und überquere die Kreuzung. Welches Verhalten habe ich gerade meinen Kindern vorgelebt? Wir müssen darüber nachdenken, welchen Einfluss unser Verhalten auf andere Menschen, insbesondere auf die Jugend, hat.

Don Martin ist Senior Vice President (Vizevorstand) bei DEKRA OSR. Foto: DEKRA

Don Martin ist Senior Vice President (Vizevorstand) bei DEKRA OSR. Foto: DEKRA

 

 

Der Senior Vice President von DEKRA OSR blickt auf mehr als vier Jahrzehnte Erfahrung zurück und ist Experte für Programme zur Verhütung von Unfällen, Verletzungen und Katastrophen, der Entwicklung von Sicherheitsleitlinien sowie Unfallanalysen.

 

Weshalb ist es so schwierig, Erfahrungen aus der Arbeitssicherheit auf das Zuhause zu übertragen?

Bei der Arbeit haben wir festgelegte Abläufe. Das bedeutet, dass eine Person innehalten und die Tätigkeit planen muss. Dieser Prozess treibt das  Denken in das, was wir das „Slow Brain“ im Sinne eines überlegten Handelns nennen. Diese Gehirnfunktion denkt logisch, plant Dinge und sieht die nächsten Schritte und die Folgen voraus. Für die  Sicherheit ist das ein sehr methodischer Ansatz.

Meistens arbeiten wir allerdings in einem schnellen Gehirnmodus, weil er effizienter erscheint und die Dinge schneller erledigt. Zu Hause wollen wir eine Aufgabe schnell erledigen und hinter uns bringen. Dabei gibt es keine Auslöser, die anzeigen, dass es nicht erlaubt ist, diese Arbeit ohne einen Arbeitsplan, geschweige denn eine Risikobewertung, auszuführen. Zu Hause findet nichts davon statt.

Stattdessen stellen die Menschen einen Stuhl auf den Tisch, um eine Glühbirne zu wechseln. Sie erledigen die Arbeit, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass dabei etwas passieren könnte. Geht sechs Monate später eine weitere Glühbirne kaputt, wiederholen sie dasselbe Verhalten.  Wenn sie dieses Verhalten 100 Mal wiederholen und die Konsequenzen immer die gleichen sind, werden sie dieses Verhalten beibehalten.

Und wie durchbricht man nun solch eingetretene Pfade?

Man muss ein neues Verhalten entwickeln, um eine Glühbirne zu wechseln. Ich kann meinen Sohn bitten, mir zu helfen und die Leiter zu halten. Wenn wir jedes Mal, wenn wir diese Arbeit so erledigen, positive Ergebnisse erzielen, werden wir dieses Verhalten in Zukunft verstärkt anwenden.

Veränderungen kann man nicht nur an einer Person festmachen – alle Mitbewohner müssen gemeinsam daran beteiligt sein. Das ist wirklich wichtig, wenn man Unfälle vermeiden will. Man muss sicherheitsrelevante Tätigkeiten mit Abstand betrachten, das Thema Sicherheit hinterfragen und die Familie einbeziehen.

Info

Don Martin wird am Donnerstag, 4. April, um 11.15 Uhr auf der Safety in Action Conference in Nashville über das Thema „Sicherheitsfragen zu Hause“ sprechen. Mehr Information: www.safetyinaction.com

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