Genial getüftelt

Was macht eine Erfindung erfolgreich? Wie kommt man auf innovative Ideen und Produkte, die am Markt einschlagen? Ein Besuch in der Erfinderwerkstatt von Dr. Björn Graßl und Matthias Gehrke in Nürnberg gibt darauf Antworten.

Hier, zwischen zusammengekauften Dreh- und Fräsmaschinen, Werkbänken und Computern, haben Dr. Björn Graßl (links) und Matthias Gehrke genügend Muße zum Querdenken. Foto: Grassl Gerke

Zwischen zusammengekauften Dreh- und Fräsmaschinen, Werkbänken und Computern haben Dr. Björn Graßl (links) und Matthias Gehrke genügend Muße zum Querdenken. Foto: Jean-Claude Winkler Photography

Eine Adresse in einem unscheinbaren Industriebau an einer der viel befahrenen Ausfallstraßen Nürnbergs. LiKoS, der Name des Produkts, das sie erfunden haben, weist auf einem Schild den Weg zur Türe im Erdgeschoss. Dahinter verbirgt sich die Werkstatt zweier der kreativsten Köpfe, die DEKRA zurzeit hat. Hier, an ein paar Werkbänken, zwischen Computern, Platinen und 3D-gedruckten Bauteilen, tüfteln Dr. Björn Graßl (44), Matthias Gehrke (44) und ihr externer Kompagnon Lars Liebmann (43) an Erfindungen, die so genial wie praxisnah sind. Wie zum Beispiel LiKoS, das für „Lift Kontroll System“ steht. Vor rund drei Jahren war das nicht weniger als eine Sensation in der Branche. Weil es fortan zur wiederkehrenden Prüfung von Aufzugsanlagen kein umständliches Equipment mehr brauchte, sondern nur noch ein eher unscheinbares Gerät voller Sensoren, das die Bewegungen des Fahrstuhls misst und aufzeichnet.

Gehrke erinnert sich an die Idee dazu: „Ich war neu als Aufzugsprüfer bei DEKRA und sollte mit vier Koffern voller Prüf-Equipment durch die Fußgängerzone zum Lift beim Kunden. Das waren über 35 Kilo. Ich dachte mir: Das geht doch bestimmt besser … das war meine erste Innovation fürs Unternehmen!“ Doch zur Umsetzung der Idee brauchte er noch einen IT-Experten für die Programmierung, den er in seinem Sandkastenfreund Björn Graßl fand, einem Doktor der Physik. „Wir kennen uns jetzt seit über 40 Jahren, und ich fragte ihn, ob er mir nicht helfen wolle, meine Idee umzusetzen.“ Heraus kam LiKoS, das mittlerweile sogar durch eine App ergänzt werden kann: „Wir haben uns dabei die rasante Weiterentwicklung der Smartphone-Sensoren zunutze gemacht, die für Virtual-Reality-Anwendungen extrem verfeinert wurden. Nun genügt ein handelsübliches Handy, um Betreibern von Aufzugsanlagen durch eine konstante Übermittlung von Fahrdaten extrem weiterzuhelfen“, so Graßl, dem die Begeisterung für die technischen Details deutlich ins Gesicht geschrieben ist.

Zwei Männer, tausend Einfälle: Björn Graßl (links) und Matthias Gehrke sprühen nur so vor Ideen. Foto:

Zwei Männer, tausend Einfälle: Björn Graßl (links) und Matthias Gehrke sprühen nur so vor Ideen. Foto: Jean-Claude Winkler Photography

Die Fokussierung auf ein vorhandenes Problem und eine möglichst einfache Lösung dafür ist für die beiden „Daniel Düsentriebs“ der Schlüssel zur Innovation. „Sobald etwas zu komplex wird und wir anfangen, an einzelnen Unzulänglichkeiten herumzudoktern, ist es für die Tonne“, so das Credo der beiden. „Dann fangen wir wieder bei null an.“ So wie bei ihrem neuesten Projekt, einem Messgerät zur Scheinwerfereinstellfläche. Hintergrund ist die neue HU-Scheinwerferprüfrichtlinie, die einen ebenen Scheinwerfereinstellplatz fordert. Das stellt für viele kleinere Werkstätten ein Problem dar, denn die Toleranzen liegen im Millimeterbereich. Gehrke: „Oft sind diese Flächen irgendwo auf dem Gelände, zum Beispiel auf dem Hof oder auf dem Parkplatz. Um sie so zu ebnen, wie die Richtlinie es fordert, müssten die Betriebe Tausende von Euro investieren oder eben als DEKRA Prüfstützpunkt aufhören.“ Matthias Gehrke fuhr mit seinem Fahrrad in die nächstbeste Autowerkstatt – keine 500 Meter von seiner eigenen entfernt. Dort schaute er sich das Problem, einen mit Knochensteinen gepflasterten Parkplatz, genau an. „Auf die Länge von zwei Metern gab es Höhenunterschiede von über sechs Zentimetern.“

Zurück in der Werkstatt machten sich die beiden Tüftler ans Werk und ersannen ein Messgerät, das über die vorhandene unebene Fläche gezogen wird, diese dabei mittels Laser und einer handelsüblichen PC-Maus abtastet und daraus ein Höhenprofil erstellt. Ein Smartphone filmt die Strecke währenddessen ab und blendet die dabei entstehenden Werte ins Video ein. „Dieses Datenvideo stellen wir dann unserem Zuliefererbetrieb zur Verfügung, der das Profil aus speziellen Kunststoffplatten fräst. Zwei Tage später erhalten die Werkstätten die passgenauen Platten, die sie nur noch auf den Einstellplatz schrauben müssen – und sie haben einen ebenen und StVZO-konformen Einstellplatz.“ Das rote Skateboard von Gehrkes Tochter diente im Prototypen-Stadium lange als Fahrgestell, um die Messapparatur über die Fläche zu ziehen. Es steht noch heute in der Tüftler-Werkstatt herum. „Irgendwann haben wir damit einen Gegentest gemacht und es über eine vorher geebnete Fläche gezogen. Die Messungen der Sensoren ergaben aber trotzdem zu viele Unebenheiten, die wir uns nicht erklären konnten. Waren es Mess-Artefakte? Schließlich kamen wir drauf: Es waren die winzigen Unwuchten in den Laufrollen des Skateboards! Da war uns klar, dass wir an was Großem dran sind – und wir haben spontan einen Sekt aufgemacht“, erinnert sich der Erfinder mit Blick auf das Spielgerät. Er kratzt sich am Kopf und sagt: „Jetzt müsste ich es ihr aber auch mal wieder zurückbringen.“

Rund ein Dutzend Patente für DEKRA

In der DEKRA Niederlassung Köln und in der Werkstatt um die Ecke in Nürnberg sind die Einstellplätze übrigens schon im Einsatz, und die Patentanmeldung läuft bereits. Schon in Kürze könnte DEKRA damit seine Partnerbetriebe wirkungsvoll unterstützen. Insgesamt, so schätzen es die beiden kreativen Köpfe selbst, haben sie rund ein Dutzend Patente für DEKRA ersonnen. Bleibt die Frage nach dem Geheimnis hinter so viel Innovationskraft und den Ideen, die aus ihnen nur so herauszusprühen scheinen. „Du musst mit den Leuten reden, dann kommst du schon darauf, wo es etwas zu verbessern gibt“, sagt Gehrke. „Tatsächlich hat jeder bei DEKRA das Zeug zum Erfinder. Es kommt aber darauf an, dass im Unternehmen eine Atmosphäre geschaffen wird, in der sich die Leute ermutigt fühlen, etwas zu verbessern. Sie müssen sich trauen dürfen. Und Scheitern muss dabei eine valide Option sein!“

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