Play it safe

Eltern haben heutzutage alles im Blick, was den Kindern auch nur im Ansatz schaden könnte. Doch kann es eine 100-prozen­tige Sicherheit überhaupt geben? Pädagogen und Psychologen fordern sogar das Recht auf Risiko. Für eine abenteuerliche Kindheit, keine langweilige.

Play it safe gilt auch für das Abenteur im Klettergarten. Foto: Fotolia - tverdohlib

Play it safe gilt auch für das Abenteur im Klettergarten. Foto: Fotolia – tverdohlib

Es sind dramatische Minuten, in denen zwei Badegäste im heißen Sommer 2018 im Schwimmbad in Hamburg-Bergedorf um das Leben eines Jungen kämpfen. Der Vierjährige hat sich abenteuerlustig und unbemerkt zum 1,30 Meter tiefen „Spaßbecken“ aufgemacht und treibt nun leblos über dem Beckenboden. Ein 13-jähriges Mädchen erkennt die Situation, springt ins Becken und zieht den Jungen aus dem Wasser. Sofort ist ein anderer Badegast zur Stelle und beginnt mit der Reanimation. Mit Erfolg! Als der Rettungswagen den Jungen wenig später ins Krankenhaus fährt, ist er wieder bei Bewusstsein.

Bäderlandschaft: In den südlichen US-Bundesstaaten ist der eigene Pool fast schon Standard. Foto: Getty Images - David Sucsy

Bäderlandschaft: In den südlichen US-Bundesstaaten ist der eigene Pool fast schon Standard. Foto: Getty Images – David Sucsy

Was in diesem Fall glimpflich ausging, ist in den USA eine der Hauptursachen für den Tod von Kindern. Aufsehen erregte im Juni 2018 der Fall des US-Olympia-Skiläufers Bode Miller und seiner im sechsten Monat schwangeren Frau Morgan. Sie verloren ihre 18 Monate alte Tochter bei einem Pool-Unfall. In den USA ertrinken nach Angaben der Consumer Product Safety Commission (CPSC) jedes Jahr 350 Kinder unter fünf Jahren bei Badeunfällen – vor allem in den Sonnenstaaten Kalifornien, Florida und Arizona. Und zu 95 Prozent in vertrauter Umgebung: in einem von sechs Millionen privaten Pools, oft dem der eigenen Familie. Im poolarmen Deutschland ertranken im Jahr 2017 laut DLRG 14 Kinder im Vorschul- und ­Grundschulalter.

Es geht nicht immer um Leben oder Tod, aber: Es gibt keine risikofreie Kindheit! Das sagt der britische Kindheitsforscher Tim Gill, der mit seinem Buch „No Fear“ bekannt geworden ist. Der Wissenschaftler kämpft weltweit für kinderfreundlich gestaltete Städte. Von Eltern fordert er jedoch eine gewisse Dosis Risikobereitschaft, damit Kinder wieder mit Gefahren in Berührung kommen und lernen können, mit ihnen umzugehen. Das helfe den Kids, sich zu selbstbewussten Menschen zu entwickeln, die ihr Leben im Griff haben.

Moderne Schadensprävention

Das Streben nach Sicherheit beginnt für Eltern bereits vor der Geburt des ersten Kindes. Kaum ein Raum wird liebevoller eingerichtet als das erste Kinderzimmer. Teppich, Tapete und Babybettchen sollen dabei so „bio“ sein wie die Äpfel vom regionalen Ökohof. Da Möbel und Regale auch zum Klettern einladen, werden sie mit vielfältigen Systemen an der Wand verschraubt, wo die Großeltern noch mit einem Winkelblech aus dem Baumarkt arbeiteten. Inzwischen können innen liegende Magnetsysteme jede einzelne Schublade sichern.

Fehlerstromschutzschalter und Steckdosenschutz verhindern die Gefahr tödlicher Stromunfälle. Foto: dpa Picture Alliance - Ulrich Niehoff

Fehlerstromschutzschalter und Steckdosenschutz verhindern die Gefahr tödlicher Stromunfälle. Foto: dpa Picture Alliance – Ulrich Niehoff

Unsichtbar wie ein Magnetfeld ist auch die Gefahr aus der Steckdose, die über Jahrzehnte mit selbstklebenden Einlegern gebannt wurde. In Deutschland rät der Verband der Elektrotechnik (VDE) inzwischen dringend zur Verwendung von Steckdosen mit integriertem Schutz und vor allem zum Einbau von Fehlerstromschutzschaltern (FI-Schutz oder auch RCD: Residual Current Device) in der Hausinstallation. Sie haben laut Statistiken die Anzahl von tödlichen Stromunfällen seit den 60er-Jahren um mehr als 75 Prozent verringert. Ein RCD löst bereits bei Strömen im Bereich von zehn Milliampere aus. Es gibt noch andere Gefahren. Die schrille Stoffkatze Hello Kitty kommt ursprünglich aus Japan und wird längst wie mehr als 70 Prozent aller Spielzeuge in China hergestellt. Hello Kitty durfte sich 2010 bei einem Test auf Schadstoffe über eine besondere Auszeichnung freuen: einziges nicht belastetes Plüschtier! 29 andere waren mit polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK), teilweise zusätzlich mit ­Phthalaten, Nonylphenolethoxylaten (NPE) oder auch Blei belastet. Ein Plüschäffchen erhielt sein Todesurteil: „Geht zu schnell in Flammen auf. Nicht verkehrsfähig!“

„Bei solchen Tests muss berücksichtigt werden, dass dabei auch Spielzeug getestet wird, das bei uns gar nicht verkauft werden darf“, sagt Ulrich Brobeil, Geschäftsführer des Deutschen Verbands der Spielwarenindustrie e. V., und ergänzt: „Leider kommen über Internetplattformen auch Spielzeuge in die EU, die nicht den Vorschriften entsprechen.“ Er betont, Eltern sollten beim Kauf von Spielzeug immer auf das CE-Zeichen achten. „Das ist quasi der Reisepass für alle Spielwaren!“

Produktsicherheit: Geprüftes Spielzeug

CE: In Europa gültige Kennzeichnung, mit der der Hersteller von Produkten selbst erklärt, dass sie mit der für sie gültigen EU-Richtlinie konform sind.

GS: Das Qualitätssiegel steht für „Geprüfte Sicherheit“, die ein befugtes Prüfunternehmen wie DEKRA ermittelt hat.

International anerkannte Prüfsiegel

DEKRA prüft und zertifiziert Spielzeug exakt nach den im Markt jeweils gültigen Gesetzen und Richtlinien. Für den US-Markt erarbeiten die DEKRA Labore in China und Deutschland Third-Party-Tests nach dem Consumer Product Safety Improvement Act (CPSIA). Nach welchen weiteren internationalen Normen DEKRA prüft, erfahren Sie hier:

Auf unserer Website unter: dekra-testing-and-certification.de
Oder schicken Sie eine E-Mail an: products.de@dekra.com

Materialien unter der Lupe

„Es kommt stets auf die Nutzung an. Wo sich zum Beispiel Phthalat-Weichmacher als ungeeignet erwiesen haben, konnten sie vielleicht durch einen anderweitig weich gemachten Kunststoff ersetzt werden“, sagt Daniel Marx, Prüf-Ingenieur und verantwortlicher Manager für Spielzeug bei der DEKRA Testing and Certification GmbH. Marx betont aber: „Wenn ich mich als Hersteller grundsätzlich für die Verwendung von Kunststoff entschieden habe, dann weiß ich, dass immer Chemie vorhanden ist, die unter Umständen langfristig Nachteile mit sich bringt.“ Ein sich entwickelnder Markt und die Technisierung von Spielzeugen und Kinderartikeln führen laut Marx dazu, dass Prüfverfahren entsprechend modifiziert werden.

Die sicherheitstechnischen Anforderungen an Spielzeug werden zunehmend komplexer. Physikalische und mechanische Merkmale, ihre Entflammbarkeit, chemische, aber auch elektrische und elektromagnetische Eigenschaften stehen im Fokus. Immer häufiger enthält klassisches Spielzeug auch Elektronik. Wenn selbst der Schnuller smart wird und die Körpertemperatur an das Handy der Eltern funkt, müssen auch Funk- und Telekommunikations­richtlinien eingehalten werden, wo bisher vor allem mechanische und chemische Eigenschaften geprüft wurden.

Daniel Marx, Prüf-Ingenieur, DEKRA Testing and Certifcation GmbH. Foto: Thomas Küppers

Daniel Marx, Prüf-Ingenieur, DEKRA Testing and Certifcation GmbH. Foto: Thomas Küppers

 

Daniel Marx: „DEKRA begleitet Spielzeughersteller schon in der Entwicklungsphase und prüft in den Laboren in China und Deutschland nach den gültigen Sicherheitsnormen.“

 

 

 

 

 

Risikoregionen

Alle fünf Sekunden stirbt auf der Welt ein Kind. So steht es im Bericht des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen, UNICEF – häufig in unterentwickelten Regionen und in den ersten fünf Lebensjahren. Die meisten Todesfälle könnten durch einfache Lösungen wie Medikamente, sauberes Wasser, Strom, Impfstoffe, mehr Gesundheitseinrichtungen und Ärzte vermieden werden. Im Alter von 5 bis 14 Jahren sterben Kinder weltweit häufiger durch Verletzungen, Ertrinken und Verkehrsunfälle. Doch für ein Kind aus der Subsahara-Region ist das Risiko noch 15-mal höher als in Europa. In Deutschland werden jährlich etwa 1,7 Millionen Kinder nach Unfällen ärztlich behandelt, knapp 200.000 von ihnen im Krankenhaus. Zwei Drittel der Unfälle passieren im Haushalt. Stürze, Vergiftungen, Verbrennungen und Verbrühungen sind nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft „Mehr Sicherheit für Kinder e. V.“ die Hauptursachen – vor allem bis zum fünften Lebensjahr.

Mit etwa zehn Jahren, wenn Kinder ohne elterliche Begleitung mobiler werden, wird der Straßenverkehr zum größten Risiko. Von etwa 14.500 solcher Kinderunfälle geschahen in Deutschland laut Statistischem Bundesamt etwa 7.000 mit dem Fahrrad und 3.000 als Fußgänger. Doch der Verkehr ist sicherer geworden. Tempolimits, Tempo-30-Zonen, mehr Fußgängerüberwege und Ampelanlagen haben dazu geführt, dass die Unfallzahlen mit Kindern in den letzten drei Jahrzehnten von rund 70.000 auf 30.000 Fälle gesunken sind. Besonders deutlich wird dies bei den Todesfällen: Waren 1980 noch rund 1.500 getötete Kinder in Deutschland zu beklagen gewesen, kamen 2017 61 Kinder im Straßenverkehr ums Leben.

Allerdings besteht besondere Gefahr, wenn Jugendliche als Fahranfänger motorisiert unterwegs sind. Ein Drittel der im Jahr 2016 verunglückten Fahrer von Mofas und Kleinkrafträdern war im Alter von 15 bis 24 Jahren. In dieser Altersgruppe starben je 100.000 zugelassenen Fahrzeugen 89 Menschen, bei Älteren 22. Quer durch alle Statistiken stellen Jungen mit etwa zwei Dritteln die Mehrheit der Verunglückten, weil sie sich risikobereiter verhalten. Mädchen kommen häufiger bei Unfällen zu Schaden, bei denen Tiere beteiligt sind, nämlich bei Reitunfällen.

Ikonen der Spielzeugwelt

1902: Teddybär – Plüschfigur von Richard Steiff (DE). Foto: Tim Evanson - CC BY-SA 2.0 1949: Lego – Bausteinsystem von Ole Kirk Christiansen (DK). Foto: Lego 1962: Kettcar – Tretauto von Heinz Kettler (DE). Foto: Kettler 1962: Skateboard vom Surfshop Val Surf (US). Foto: Imago - Westend61 1963: Carrera – Modellrennbahn von JNF (DE)Foto: David Hecker/ddp 1964: G. I. Joe – Action-Figur von Hasbro (US). Foto: AP Photo - Lenny Ignelzi 1965: Fischertechnik – Konstruktions­baukastensystem von Fischer (DE). Foto: Stefan Kiefer / VISUM 1972: Bobby-Car – ­Lauflernfahrzeug von BIG (DE). Foto: Simba Dickie Group/dapd 1974: Playmobil – Systemspielzeug von Brandstätter (DE). Foto: Playmobil 1974: Vier gewinnt – Strategiespiel von MB Spiele (US). Foto: MP Spiele 1975: BMX-Rad von Schwinn (US). Foto: Schwinn 1978: Senso – elektronisches Reaktionsspiel von MB Spiele (US). Foto: Joho345 - gemeinfrei 1980: Discoroller – mit festem Schuh und PU-Rädern von diversen Herstellern (US). Foto: Shutterstock - Underworld 1983: Entertainmentsystem – Spielekonsole von Nintendo (JP). Foto: 1988: Spielzeugautos mit Farbwechsler von Mattel (US). Foto: Mattel 1989 Game Boy – tragbare Spielekonsole von Nintendo (JP). Foto: Evan Amos - Gemeinfrei 1996: Tamagotchi – digitales Haustier von Bandai (JP). Foto: Tomasz Sienicki - cc3.0 2014: Hoverboard – selbstbalancierender Einachser von Hovertrax (US). Foto: Inventist 2001: X-Box – Spielekonsole von Microsoft (US). Foto:

Verändertes Freizeitverhalten

Stark verändert hat sich das Freizeitverhalten von Kindern. Naheliegende Begründung: 97 Prozent der 12- bis 18-Jährigen besitzen in Deutschland ein Smartphone, und das ist beim Faulenzen auf der Couch im Dauereinsatz. Ein Bild, das die Kids in vielen Ländern vereint. Studien und Zahlen aus Neuseeland, Südkorea, China, aber auch aus Kenia und Indien belegen die globale Omnipräsenz der verführerischen Mobilgeräte. Das Handy ist vor allem in Industrieländern zum zentralen Gegenstand im Leben vieler Jugendlicher geworden. Aktuelle Studien aus Kanada und den USA verweisen auf die Folgen übermäßigen Bildschirmkonsums: Zum Bewegungsmangel mit seinen typischen Folgen kommen nachweisliche Lernschwächen bei Bildschirmkonsum von über zwei Stunden täglich.

„Wir dürfen Computerspiele nicht grundsätzlich verdammen“, sagt dennoch Herbert Scheithauer, Professor für Entwicklungspsychologie an der Freien Universität Berlin. Studien belegten, dass Computerspiele die Kreativität, Schnelligkeit und logisches Denken fördern können und dort, wo im Team gespielt wird, auch soziale Kompetenzen wachsen. Was diese Spiele gefährlich macht? „Echtzeitbelohnungen lösen sofort eine positive Reaktion beim Spieler aus, immer höhere Level lassen uns die Zeit vergessen.“ Das hat Suchtpotenzial. Es kommt wie immer auf die Dosis an.

Mobbing wird zunehmend zu einem Problem an Schulen. Foto: iStock - LSOphoto

Mobbing wird zunehmend zu einem Problem an Schulen. Foto: iStock – LSOphoto

Der Psychologe hat sich auch einen Namen in der Mobbingprävention gemacht. Auch hier spielt das Smartphone eine gewisse Rolle. Fast jede(r) sechste 15-Jährige in Deutschland wird laut aktueller PISA-Studie regelmäßig Opfer körperlicher oder seelischer Misshandlung durch Mitschüler. Häufig verschwimmen Grenzen zwischen Täter und Opfer. Scheithauer plädiert dafür, moralisches Verständnis, Selbstbewusstsein und Sozialkompetenz der Heranwachsenden zu stärken. Die überstarke Betonung von Gefahren führe zum Verlust einer „unbedarften Kindheit“.

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