Wo gefährliche Stoffe lauern

Ein ganz normaler Einkauf genügt – und schon hat man das Haus voller potenziell gefährlicher Stoffe: Glasreiniger, Klebstoff, Geschirrreiniger, Fleckenentferner. Auf den ersten Blick harm­lose Dinge, die es aber in sich haben können.

Foto: David Tsay Photography

In der Küche gibt es oft viele Gefahrstoffe. Foto: David Tsay Photography – OTTO Archive

Als die Feuerwehr um kurz nach Mitternacht am dreistöckigen Wohnhaus in Duisburg eintrifft, steht das Zimmer im zweiten Stock in Flammen. Der Brand ist schnell gelöscht, die Ursache genauso schnell geklärt: Ein Mieter hatte seine Balkonmöbel mit Leinöl imprägniert und den Lappen im Zimmer abgelegt. Dass der ölgetränkte Lappen über Nacht mit Sauerstoff reagieren und in Flammen aufgehen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Welche Gefahr sollte von Leinöl ausgehen? „Naturprodukt“ stand groß auf der Vorderseite des Kanisters – und ganz klein auf der Rückseite: selbst­entzündlich!

Immer mehr Menschen versuchen, ihren Alltag möglichst umweltfreundlich zu gestalten und Schadstoffe zu vermeiden. Im täglichen Sprach­gebrauch versteht man unter Schadstoffen auch in der Natur vorkommende Stoffe oder Stoffgemische, die schädlich für Menschen, Tiere, Pflanzen oder andere Organismen sowie ganze Ökosysteme sein können: Autoabgase zum Beispiel oder Feinstaub.

Piktogramme kennzeichnen Gefahrstoffe

Von Gefahrstoffen im Sinne der CLP-Verordnung (EG Nr. 1272/2008 CLP) spricht man, wenn Stoffe und Gemische (Produkte) „Gefährlichkeitsmerkmale“ aufweisen. Zum Beispiel: giftig, reizend, ätzend, krebserregend, leichtentzündlich oder umweltgefährlich. Sie sind auf Produktverpackungen mit einem viereckigen, auf der Spitze stehenden Piktogramm gekennzeichnet. Sie finden sich auf vielen Reinigungsmitteln, werden jedoch im Alltag oft nicht weiter beachtet. Das kann mitunter verhängnisvoll sein, wie das traurige Beispiel einer 30-jährigen Frau aus Madrid zeigt. Sie hatte im Sommer 2018 zwei Stunden in ihrer Küche geputzt und dabei die Ammoniakdämpfe des Reinigers eingeatmet, wie ein Sprecher der Agencia de Seguridad y Emergencias Madrid erklärte. Danach fühlte sie sich sehr unwohl und wählte den Notruf, doch die eintreffenden Sanitäter konnten nur noch ihren Tod feststellen.

Für ein sicheres Zuhause

Ob Schadstoffe in Spielwaren, in der Raumluft oder im Boden, ob gefährliche Haushaltsprodukte oder ­Gebäudetechnik: DEKRA sorgt mit Messungen vor Ort, Laboranalysen und Produktprüfungen für ein sicheres Zuhause. Auch beim Umgang mit Gefahrstoffen steht DEKRA zur Seite.

Kontakt: testlab@dekra.com

Oft sorgt mangelnde Belüftung für eine gefährliche Anreicherung der Gefahrstoffe in der Atemluft. Dabei gibt es außer Ammoniak weitere Stoffe mit ähnlichem Bedrohungs­potenzial. So reizen chlorhaltige Rei­niger nicht nur Haut, Augen und Atemwege – richtig gefährlich kann es werden, wenn chlorhaltige Putzmittel zusammen mit sauren Reinigern oder Entkalkern benutzt werden. Dann kann sich giftiges Chlorgas bilden. Chlorgas kann auf der Haut, in den Augen und den Atemwegen reizend bis ätzend wirken. Hohe Konzentrationen können sogar zum Tod führen. Giftstoffe ganz ohne Warnkennzeichen finden sich dagegen sehr oft in Zierpflanzen wie Seidelbast, Maiglöckchen, Rizinus oder Goldregen, dessen Früchte Kinder leicht mit Erbsen oder Bohnen verwechseln können. Vorfälle damit beschäftigen regelmäßig die Notärzte.

Meist nicht so schwerwiegend, aber durchaus belastend ist ein Schluck aus den fruchtig duftenden Shampooflaschen. Der Cocktail schädlicher Stoffe sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden, selbst wenn er zunächst nur Übelkeit auslöst. Unmittelbare Gefahr geht von achtlos liegen gelassenen Medikamenten aus, seien es Schmerzmittel oder die Herzpillen der Großeltern. Allein beim Giftnotruf der Berliner Charité gehen wegen solcher Verwechslungsfälle und Nachahmungshandlungen von Kindern jährlich 50.000 Anrufe ein. Neugier und Appetit auf Süßigkeiten führte bei Einführung der beliebten Waschmittel-Pods zu einem verheerenden Anstieg von Kinderunfällen. Zwischen 2011 und 2013 verdreifachten sich in den USA die Zahlen der Waschmittelvergiftungen von 2.862 auf 9.004 Fälle, wie das Internetmagazin fortune.com berichtet. Das American Association for Poison Control Center (AAPCC) machte die bunten Pods 2017 für 80 Prozent der Unfälle verantwortlich, obwohl ihr Marktanteil damals nur 16 Prozent betrug.

Auch in vielen Kosmetika lauern stille Gefahren: So verdanken Lippenstifte ihre cremige Konsistenz oft Paraffinen, und diese gelten in der häufig nachgewiesenen Kombination mit Mineralölkohlenwasserstoffen (MOAH) als krebsverdächtig. Das amerikanische Unternehmen Raw Natural Beauty hat errechnet, dass Frauen im Laufe ihres Lebens davon bis zu drei Kilo herunterschlucken.

Möbel ausdünsten lassen

Gefahr im Kinderzimmer: Möbel oder Bodenbeläge können über viele Jahre Lösungsmittel wie Formaldehyd ausdünsten. Foto: Stephen Kent Johnson - OTTO Archive

Gefahr im Kinderzimmer: Möbel oder Bodenbeläge können über viele Jahre Lösungsmittel wie Formaldehyd ausdünsten. Foto: Stephen Kent Johnson – OTTO Archive

Schadstoffe, die über ihre langen Einwirkzeiten schädigen können, stecken zudem in Gebäuden und ihrer Ausstattung: Bodenbeläge, Tapeten und Möbel können über viele Jahre Lösungsmittel wie Formaldehyd ausdünsten. Mancher Altbau hat womöglich noch bleihaltige Wasserleitungen. Schlimm sind die Fälle, in denen ganze Schulen geschlossen werden müssen, nachdem Asbestfasern oder Schimmelbelastungen festgestellt wurden. Hunderte Fälle solcher Schulschließungen aufgrund von Asbest, PCB, erhöhten Radonwerten oder Schimmelbefall finden sich in den Archiven der Europäischen Gesellschaft für Gesundes Bauen und Innenraum­hygiene. Doch auch Kindergärten bleiben nicht verschont. So musste beispielsweise 2013 in Hürth eine nagelneue Kita vorübergehend geschlossen werden, weil der Neubau mit krebserregendem Butanonoxim verseucht war. Verarbeitet wurde der Giftstoff nach Angaben der dortigen Bauverwaltung in einem Mittel, mit dem Bodenfugen ausgefüllt werden.

10 typische Schad- und Gefahrstoffe zu Hause

1. Quecksilber aus Energiesparlampen kann schon in geringen Mengen massive körperliche Schäden verursachen. Sparlampen dürfen nicht zerbrechen und gehören in den Recyclingmüll. Quecksilber verdampft schnell. Sofort lüften!

2. Asbest wurde früher wegen guter wärmedämmender Eigenschaften im Wohnungsbau verwendet. Die Faser ist krebserregend, die Verwendung in Deutschland seit 1993 verboten. Asbesthaltiges Material aus Altbauten muss von einem Fachbetrieb entsorgt werden.

Quelle: www.flaticon.com

3. Chemikalien in Reinigungs- und Waschmitteln: Alkalien zum Beispiel, die Fette und Öle lösen. Biozide gegen Viren und Pilze. Enzyme, Silikate, Tenside – die Liste ist lang. Besser für Mensch und Umwelt: biologisch abbaubare Produkte verwenden.

Quelle: www.flaticon.com

4. Blei im Trinkwasser kann zu gesundheitlichen Schäden führen. Der Einbau von Bleileitungen für Trinkwasser ist seit 1973 verboten, doch solche Rohre sind noch in Altbauten vorhanden. Bei Verdacht führen Gesund­heitsämter oder Wasserversorger Analysen durch.

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5. Schimmelpilz ist das Schreckgespenst in jedem Haushalt, er entsteht durch Feuchtigkeit in schlecht gelüfteten Räumen. Wer die unsichtbaren Schimmelsporen in großer Menge einatmet, riskiert Atemwegserkrankungen und allergische Reaktionen.

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6. Formaldehyd wird in sehr vielen Alltagsprodukten verarbeitet, aus denen es mit der Zeit in die Raumluft entweicht: Lacke und Leime, Klebstoffe, Desinfektions- und Reinigungsmittel, Möbel, Teppichböden und Spanplatten. Auch Zigarettenrauch enthält Formaldehyd.

Quelle: www.flaticon.com

7. Weichmacher verstecken sich oft in Kunststoffen, machen diese weich und flexibel. Phthalate & Co. können in Bodenbelägen, Tapeten, Turnschuhen, Verpackungen, aber auch in Kosmetika stecken. Weich­macher dünsten aus und können bei Kontakt mit Fetten und Ölen in diese übergehen.

8. Lösungsmittel lauern meist dort, wo sich auch Weichmacher und Formaldehyd verstecken: auf Böden und Wänden, aber auch in den Innenraumverkleidungen von Autos. Vertrauen Sie Ihrer Nase: An die frische Luft mit allem, was stark nach Plastik riecht!

9. Pyrethroide werden in Textilien verwendet, um sie vor Mottenbefall zu schützen. Sie können zu Hautreizungen und Kopfweh führen. Für Wasserorganismen sind sie sehr toxisch.

10. Kohlenmonoxid ist ein geruchloses Gas und regelmäßig für Todesfälle in schlecht belüfteten Räumen verantwortlich, in denen etwa mit Holz oder offener Gasflamme geheizt wird.

 

 

 

Grafiken: www.flaticon.com

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