Wohnen im Wasserrohr

Am Boden ist der Platz knapp, der Quadratmeter teuer und die Konkurrenz groß – die Städte der Zukunft richten sich vor allem nach oben aus. Die wichtigste Maxime beim neuen Wohnen heißt jedoch: Weniger ist mehr.

Leben auf neun Quadratmetern: Der „OPod“ ist ideal für das schmale Budget. Foto: James Law Cybertecture

Leben auf neun Quadratmetern: Der „OPod“ ist ideal für das schmale Budget. Foto: James Law Cybertecture

Der Trend geht zur Beschränkung, und die Wohnungen werden zusehends kleiner, denn nicht nur ältere, sondern auch junge Menschen leben häufig allein. Die Senioren zunehmend alternder Gesellschaften wollen möglichst lange unabhängig bleiben, und die Ende des 20. Jahrhunderts geborenen Millennials lassen sich ungern dauerhaft nieder. Seit Längerem bereits dominieren Single-Haushalte in Nordamerika und Westeuropa, in Deutschland wohnt fast jeder Fünfte als Solist, in Großstädten ist es sogar jeder zweite Einwohner. Weltweit sind Mini-Haushalte die am stärksten wachsende Gruppe, hält das Beratungsunternehmen für Ingenieure, WSP, fest. Und angesichts horrender Mieten sind Mini- oder Micro-Appartements angesagt.

Der OPod ist stapelbar und kann schlecht bebaubare Freiräume ausfüllen. Foto: James Law Cybertecture

Der OPod ist stapelbar und kann schlecht bebaubare Freiräume ausfüllen. Foto: James Law Cybertecture

Für das schmale Budget hat das Architekturbüro James Law Cybertecture in Hongkong eine Wohnstatt in einem Wasserrohr aus Beton untergebracht. Neun Quadratmeter misst der „OPod“, Küche und Dusche inklusive, und bietet sich besonders als Übergangslösung für Studenten an. Bei Mietpreisen von bis zu 2.000 Euro für eine Wohnung mit nur einem Raum in einer der teuersten Städte der Welt erscheint der Prototyp zum Kaufpreis von etwa 12.000 Euro durchaus als Option, zumal er stapelbar ist und auch eher schlecht bebaubare Freiräume, beispielsweise unter Brücken oder in Häusernischen, ausfüllen kann.

Neue Wohnlösungen für das kleine Geld

Das erste Gebäude mit 55 Micro-Appartements in New York wurde aus Modulen errichtet. Das ersparte den Anwohnern Baulärm und beschleunigte den Ablauf. 40 Prozent der 23 bis 25 Meter großen Einheiten müssen als Sozialwohnungen vermietet werden. Der Ansturm der Interessenten war groß: 60.000 Menschen wollten eine der Kleinst-Wohnungen ergattern.

Aber nicht jedem gefällt ein Szenario, bei dem die private Welt auf wenige Briefbögen passt. Und deshalb werden bewohnte Einheiten andererseits auch größer: Wer als Single oder Senior nicht vereinsamen will, setzt aufs Sharing. Nicht nur Gästezimmer und Gemeinschaftsräume, sondern auch größere Küchen werden in den Hochhäusern der Zukunft öfter geteilt – privat finanziert und kollektiv genutzt. So kann man sich mehr Annehmlichkeiten leisten als allein. Ein soziales Umfeld in der Nähe ist außerdem wichtig, denn wer von zu Hause arbeitet, seine Einkäufe im Internet bestellt und anliefern lässt, muss die eigenen vier Wände eigentlich nicht mehr verlassen.

Paradebeispiel für zum Himmel strebendes und teures Wohnen: Der Jeddah Tower. Foto: Adrian Smith + Gordon Gill Architecture/Jeddah Economic Company

Paradebeispiel für zum Himmel strebendes und teures Wohnen: der Jeddah Tower. Foto: Adrian Smith + Gordon Gill Architecture/Jeddah Economic Company

Aber die Planer konzentrieren sich bei weitem nicht nur auf Platz sparende oder für die breite Masse bezahlbare Lösungen. Zielgruppe für das Leben in der hippen City mit einem Co-Working-Space um die Ecke sind insbesondere auch Besserverdiener mit digitalem Lebensstil, solvente Rentner gehören ebenfalls dazu. „Die Leute leben in einer Hotel-ähnlichen Umgebung und bezahlen dafür extra“, beschreibt Igor Kebel vom australischen Architekturbüro Elenberg Fraser das Konzept. Kinos, Lounges oder Wellness-Anlagen im gleichen Block gehören auch dazu. Paradebeispiel für zum Himmel strebendes und teures Wohnen ist der fast fertiggestellte Jeddah Tower an der Westküste Saudi-Arabiens. Er zeigt mit rund 1.000 Meter Höhe, was bautechnisch bereits möglich ist. Auf 530.000 Quadratmetern sollen bei Investitionen in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar neben Luxus-Wohnungen mit Service auch Büros und ein extravagantes Hotel Platz finden.

Sog in die Städte hält weltweit an

„Überall auf der Welt arbeitet die Bauindustrie an neuen Wohnformen, die bezahlbar, umweltfreundlich, flexibel, schick, gesund oder teilbar sind“, schreibt die Unternehmensberatung Boston Consulting Group in einer neuen Untersuchung. Die Alternativen zu herkömmlichen Häusern machen danach bislang vier bis sechs Prozent aller Neubauten aus. Ein weiterer Anstieg wäre dringend und schnell nötig, denn der Sog in die Städte hält weltweit unvermindert an. Das liegt nicht nur daran, dass die Zentren der Wirtschaft die Landbevölkerung oder Arbeitsmigranten magisch anziehen.

Verstärkt wird der Effekt durch weiteres Bevölkerungswachstum in sich entwickelnden und weniger entwickelten Ländern. So gehen die Vereinten Nationen davon aus, dass die Zahl der Menschen von 7,3 Milliarden im Jahr 2015 – im Jahr 1950 waren es 2,5 Milliarden – bis 2050 auf 9,7 Milliarden steigt. Bereits 2030 werden rund 60 Prozent der Weltbevölkerung Stadtbewohner sein, das ist im Vergleich zu heute etwa ein Plus von einer Milliarde. Bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und dabei den Bedürfnissen von Menschen, aber auch der Natur und dem Klima gerecht zu werden, ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit.

Leben unter der Brücke mal anders: Der OPod bietet sich als günstige Übergangslösung an. Foto: James Law CybertectureFoto: James Law Cybertecture Der OPod ist eine Wohnstatt in einem Wasserrohr aus Beton. Foto: James Law Cybertecture Im OPod ist alles vorhanden, was man zum Leben braucht, inklusive Dusche und Küche. Foto: James Law Cybertecture Etwa 12.000 Euro kostet der Prototyp. Foto: James Law Cybertecture Der „Agora Garden“ soll den ökologischen Fußabdruck verringern. Foto: Vincent Callebaut Architectures/ www.vincent.callebaut.org Ziel des „Agora Gardens“ in Taipeh ist ein neuer Lebensstil in Harmonie mit der Natur. Foto: Vincent Callebaut Architectures/ www.vincent.callebaut.orgFoto: Vincent Callebaut Architectures/ www.vincent.callebaut.org Im Jeddah-Tower finden sich vor allem Luxus-Wohnungen. Foto: Adrian Smith + Gordon Gill Architecture/Jeddah Economic Company Der Turm an der Westküste Saudi-Arabiens ragt mit rund 1.000 Metern Höhe bis in die Wolken. Foto: Adrian Smith + Gordon Gill Architecture/Jeddah Economic Company

Verstädterung bedeutet vielfach immer noch Versteinerung, auch wenn sich Architekten wie der Belgier Vincent Callebaut scheinbar längst auf einen anderen Weg gemacht haben. Mit Hilfe von Algen und dem Plastikmüll des Pazifiks soll seine visionäre auf dem Meer vor Rio schwimmende Kuppel-Stadt „Aequorea“ entstehen. Auf der Oberfläche der futuristischen Gebäude könnten Früchte und Gemüse wachsen, Wasserturbinen auf dem Grund des Ozeans sorgen für den Energiebedarf von 20.000 Menschen. Callebaut, der sich Archibiotect nennt, entwirft ökologische Konstruktionen wie den „Agora Garden“ in Taipeh. Völlig wiederverwertbar soll das mit zahlreichen Pflanzen begrünte Gebäude den ökologischen Fußabdruck verringern und der globalen Erwärmung entgegenstehen. Das Ziel ist ein neuer Lebensstil in Harmonie mit der Natur. Das gesamte Gebäude wird von 42 Familien bewohnt. Ein Fahrstuhl, der das eigene Auto bis vor eines der 500 Quadratmeter große Appartements bringt, gehört auch dazu.

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