Shinkansen – schnell, sicher und unabhängig

Pünktlich, sicher, super schnell – der neue Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen, der seit Juli in Japan im Einsatz ist, soll allen Vorgängermodellen überlegen sein. Doch kann der N700S mit anderen Hochgeschwindigkeitszügen mithalten?

Shinkansen. Foto: Shutterstock - Tackune

Japan hat im Juli 2020 seinen neusten Zug im Hochgeschwindigkeitsnetz vorgestellt. Foto: Shutterstock – Tackune

Bahnreisen erfreuen sich nicht nur bei eingefleischten Fans immer stärkerer Beliebtheit. Den Charme, in einem Zug sitzend die Landschaft an sich vorbeiziehen zu lassen, haben 2019 insgesamt 150 Millionen Fahrgäste in Deutschland für sich entdeckt. 2014 waren es nach Angaben der Deutschen Bahn 129 Millionen Reisende im Fernverkehr. Und nicht nur in Deutschland geht der Trend in Richtung Bahn. Damit sie zukunftsfähig und vor allem konkurrenzfähig zum Flugzeug wird, kommt es vor allem auf eines an: Geschwindigkeit.

Der neue Shinkansen N700S

Japan hat im Juli 2020 seinen neusten Zug im Hochgeschwindigkeitsnetz vorgestellt, den Shinkansen N700S. Das S steht hierbei für Supreme und der Zug soll mit vielen Superlativen daherkommen. Mit bis zu 360 km/h war der Zug in der Testphase unterwegs. Die erlaubte Reisegeschwindigkeit liegt allerdings aufgrund der kurvigen Strecke bei 285 km/h. Neben den bequemeren Sitzen und größerem Fußraum ist er auch wesentlich leichter als das Vorgängermodell N700A. Ansonsten ist der Hochgeschwindigkeitszug, der zwischen Tokio und Osaka verkehrt, optisch kaum zu unterscheiden, lediglich die Nase des Triebwagens wurde leicht verändert, um beim Einfahren in Tunnel die Geräuschentwicklung zu reduzieren. Die wahre Innovation des Flaggschiffs sind die Lithium-Ionen-Akkus, die selbst bei Stromausfall eine Weiterfahrt bis zur nächsten Evakuierungsstation ermöglichen, so der Bahnbetreiber Central Japan Railway Company (JR Central). Diese Neuerung ist im erdbebengefährdeten Japan sehr wichtig. Wie weit der Zug tatsächlich aus eigener Kraft kommt, verrät die Eisenbahngesellschaft jedoch nicht.

China hat große Ambitionen beim Hochgeschwindigkeitsverkehr

Auf den ersten Blick sehr faszinierend, was die Japaner in diesem Jahr vorgestellt haben. Auch wenn der ursprüngliche Plan, den Zug zu den Olympischen Sommerspielen auf die Gleise zu bringen, wegen der Corona-Pandemie nicht aufgegangen ist, muss der Shinkansen Supreme sich nicht verstecken. Doch seine Konkurrenz ist stark. Insbesondere ein Land investiert seit Jahren massiv in den Ausbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes: Die chinesische Volksrepublik ist spät eingestiegen, aber will weit hinaus. Mit 35.388 Streckenkilometern hat sie mit Abstand die meisten Strecken, darauf folgt laut UIC Passenger Departement Spanien mit 3.330 Kilometern. Und auch auf der Schiene hat China was zu bieten, denn der neue G8811 kommt ohne Lokführer aus. Zumindest theoretisch, aus Sicherheitsgründen ist dennoch immer ein Mensch in der Lok an Bord. Mit einer Reisegeschwindigkeit von 350 km/h bewältigt er die 174 Kilometer lange Strecke von Peking nach Zhangjiahou in 47 Minuten. Automatische Abfahrt, automatische Temporegulierung, automatisches Parken und automatisches Öffnen der Türen zeigen, wie die Zukunft im Fernverkehr aussehen könnte. Zum Vergleich: Die neuste Version des deutschen ICE besitzt eine zugelassene Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h.

Eine Hyperloop-Strecke in Bayern: An dieser Vision forscht ein Team der Technischen Universität München. Foto: TUM Hyperloop Der französische TGV fährt mit einer Geschwindigkeit von bis zu 515 km/h. Foto: SNCF Bereits 1988 stellte der ICE den damaligen Weltrekord mit 406,9 km/h auf. Foto: DB/Siemens Der neue G8811 aus Chna kommt ohne Lokführer aus. Foto: Xinhua

Dabei war Deutschland einst führende Nation bei den schnellen Zügen. Schon 1988 stellte der ICE den damaligen Weltrekord mit 406,9 km/h auf. Es dauerte jedoch nur zwei Jahre bis Frankreich diesen Rekord brach und der TGV mit 515 km/h auf den Gleisen dahin raste. Tatsächlich haben auch hier mittlerweile die Japaner den Platz an der Spitze erobert und im Jahr 2015 auf einer Teststrecke mit der Magnetschwebebahn Maglev einen neuen Weltrekord von 603 km/h aufgestellt. Doch während es bei diesen Rekorden vor allem um den Wettkampf der Hersteller geht, ist das Thema Sicherheit im Regelbetrieb ausschlaggebend.

Zur Sicherheit tragen auch unabhängige Expertenorganisationen wie DEKRA bei. So prüft, überwacht, zertifiziert und begutachtet zum Beispiel DEKRA Rail regelmäßig die Schieneninfrastruktur wie auch Schienenfahrzeuge beziehungsweise neue Zugtypen. Die Prüfung eines Zuges kann dabei Labor- und Testgleismessungen sowie Messungen auf dem Netz des zukünftigen Landes, in dem der Zug fahren wird, umfassen.

Bahnverkehr rückt der Vision Zero näher

Darüber hinaus arbeitet die in den Niederlanden ansässige Eisenbahnsparte von DEKRA mit den Validierungsteams des Herstellers zusammen, um sicherzustellen, dass alle notwendigen Tests durchgeführt werden. Ebenso werden die Experten hinzugezogen, wenn es darum geht, die Ursachen für einen der seltenen Zugunfälle in Erfahrung zu bringen. In Sachen Kollision und Entgleisung spielen Zugpuffer und Zugsteifigkeit eine wichtige Rolle. „Um zu berechnen, wie sich bei einem Unfall die daraus resultierende Geschwindigkeitsänderung durch den Zug ausbreitet, haben wir eigene numerische Modelle entwickelt“, beschreibt Jean-Paul van Hengstum, Managing Director bei DEKRA Rail, ein weiteres Aufgabengebiet. Zudem sind die Bahnexperten für ein Modell verantwortlich, mit dessen Hilfe sich bei einer Kollision die Verletzungsschwere für die beteiligten Passagiere berechnen lässt. „Mit dem Modell können wir untersuchen, wie sich die Nachrüstung bestehender Züge mit stoßmindernden Komponenten auf die Sicherheit der Fahrgäste auswirkt“, führt van Hengstum aus. Das kann der Einbau von Crashpuffern im vorderen Zugbereich und von Stoßdämpfern in Kupplungen sowie zwischen Zugwagen sein. Modifizierungen im Zuginneren können den Abstand zwischen den Sitzen, die Positionierung und Steifigkeit der Sitze oder die Position und Form der Tische betreffen, um nur einige Beispiele zu nennen.

In Europa ist DEKRA anerkannt, alle Bewertungen nach den europäischen Richtlinien für Sicherheit und Interoperabilität durchzuführen. „Dieser europäische Rechtsrahmen und die dazugehörigen technischen Spezifikationen sind so umfassend, dass sie de facto zu einem Weltstandard geworden sind“, erklärt der Managing Director.

Züge sind eines der sichersten Verkehrsmittel

Auch wenn der Shinkansen mit seinen 285 km/h nicht der schnellste auf der Welt ist – die Modelle aus China und auch Frankreich erreichen Reisegeschwindigkeiten von 320 km/h, sowie aus Spanien mit 330 km/h – soll das japanische das sicherste Hochgeschwindigkeitsnetz sein. Laut JR Central ist es in 56 Jahren Betrieb noch zu keinem Unfall mit Verletzten oder Toten an Bord gekommen. Das hängt auch damit zusammen, dass in Japan die Hochgeschwindigkeitszüge ihr eigenes Netz haben und sich nicht, wie zum Beispiel in Deutschland, die Schiene mit langsameren Zügen teilen. Eine Analyse der Allianz pro Schiene zeigt, dass das Todesrisiko für Pkw-Insassen 56-mal höher ist als für Bahnreisende. Die Differenz ist noch größer, wenn es um Verletzungen geht. Hier ist die Wahrscheinlichkeit auf der Straße zu verunglücken 133-mal höher als bei einer Bahnfahrt.

Blick in die Zukunft

Dass hinsichtlich Flugreisen ein Umdenken stattfindet, hat nicht nur die Corona-Pandemie gezeigt. Die Flugscham-Debatte, die von Schweden vor allem bezüglich Kurzstreckenflügen ausging, hat unter anderem dazu geführt, dass Alternativen gefragt sind. Futuristische Projekte bekommen so Aufwind. Elon Musk, Mitbegründer von Tesla und SpaceX, will neben dem Tourismus ins All auch eine neue Form der Fortbewegung erforschen in sogenannten Hyperloops. Mit annähernd Schallgeschwindigkeit sollen Passagiere in einer Kapsel durch eine teilvakuumierte Röhre befördert werden. Nachdem sich die Forschergruppe der Technischen Universität München beim internationalen Wettbewerb beweisen konnte, wird nun eine Teststrecke in Bayern gebaut. 24 Meter lang und vier Meter hoch soll der Prototyp werden. „Der Hyperloop hat das Potenzial, eine schnelle, elektrische Alternative auf mittellangen Strecken zu bieten und somit nachhaltigeren und umweltfreundlicheren Transport zu ermöglichen“, erklärt Prof. Agnes Jocher, Leiterin des Forschungsprogramms. Ob wir in Zukunft tatsächlich durch Röhren von A nach B kommen, hängt auch von Produktionsmöglichkeiten, der Wirtschaftlichkeit und nicht zuletzt der Sicherheit der Transportmittel ab.

 

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