Der große Wandel

Neue Technologien revolutionieren die Arbeitswelt. Ziele sind mehr Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit. Die Sicherheit steht weiterhin im Fokus.

Kein Zaun trennt den Menschen mehr vom Kooperationspartner Roboter. Foto: Daimler

Weltweit wurden im Jahr 2014 rund 1.660 Millionen Tonnen Stahl produziert. Mit über 800 Millionen Tonnen ist China  der bedeutendste Produzent. Die Herstellung von Roheisen hat früher viel Personal gebunden und großen physischen Einsatz verlangt. In modernen Stahlwerken werden heute hingegen Hochöfen vom Leitstand aus am Bildschirm gesteuert. Aber ohne den Schmelzer, der vor Ort Prozesse kontrolliert, läuft nach wie vor nichts. Angesichts von Lärm und Hitze bis zu 800 Grad Celsius soll ein neuer Helm mit integrierter Datenbrille die Arbeitssicherheit verbessern, denn herkömmliche Sirenen oder Ampeln dringen bei Gefahr zu den Stahlarbeitern in Hitzeschutzkleidung nicht durch. Mit der Brille aber können virtuelle Warnungen direkt in das Sichtfeld des Schmelzers eingeblendet werden.

Entwickelt hat den Schutzhelm die Fakultät  Elektrotechnik der Westsächsischen Hochschule Zwickau in Zusammenarbeit mit einer Tochter der Salzgitter AG, der Gesis Gesellschaft für Informationssysteme mbH. Die Brille ist mit ihrer Robustheit und einer Betriebsdauer von acht Stunden auf die Bedürfnisse der Industrie zugeschnitten und kann zusätzlich auch für Arbeitsaufträge oder in Verbin­dung mit einer Fernwartungszentrale für Reparatur oder Instandhaltung Einsatz finden. „Bis 2018 soll die Brille produktionsreif sein“, sagt Gesis­-Projekt­leiter Thorsten Schulz. Dann kann er sich ihren Ein­satz, in leicht abgewandelter Form, beispielsweise auch in einem Bergwerk vorstellen.

Veränderungen finden immer schneller in unseren Alltag und nehmen auch Einfluss auf den Gesundheitssektor. Mithilfe von Scans sowie CAD/CAM­-Design lassen sich in einer Zahnarzt­praxis alle Arbeitsschritte bis zum fertigen Zahn­ersatz digital und automatisch erledigen. Forscher arbeiten bereits an der Entwicklung von 3D­-Druckern, die Hautflächen und ganze Organe liefern sollen. Im Operationssaal eines Krankenhauses unterstützen Roboter bereits seit Längerem Ärzte bei chirurgischen Eingriffen. Automatisierte Systeme ermüden nicht, haben immer eine ruhige Hand und nehmen minimalinvasive Eingriffe wie Prostataresektionen oder andere Operationen im Bauchraum vor. Roboter erweitern die Fähigkeiten von Ärzten und verbessern die Ergonomie des chirurgischen Arbeitsplatzes. Mittels Videokonferenz und Operationsroboter führen Chirurgen inzwischen über Tausende Kilometer hinweg erfolgreich Eingriffe durch.

Roboter können Wertschöpfung zurückholen

Algorithmen und Roboter können Menschen bei bestimmten Tätigkeiten ergänzen oder ersetzen, sie tragen aber auch dazu bei, durch Kostenreduktion Wertschöpfung in Hochlohnländer zurückzuholen. Das macht der Sportartikelhersteller Adidas mit dem Bau seiner Speedfactory im fränkischen Ansbach vor. Rund 500.000 Paar Laufschuhe sollen die Fabrik jährlich verlassen, Roboter produzieren hier serienmäßig ab 2017 rund um die Uhr. Sie sind nicht nur günstiger als menschliche Arbeitskräfte in Fernost, sie lassen sich auch schnell an Bedarf und individuelle Wünsche des Kunden anpassen.

Nähen und Verkleben gehört nicht zu den Aufgaben der Beschäftigten hier. Die etwa 160 Mitarbeiter in Ansbach sind insbesondere Techniker, die die Maschinen bedienen und warten. Die Umstellung auf eine On-Demand-Produktion könnte eine Lagerhaltung nahezu überflüssig machen. „Wir arbeiten an allen Fronten, um effizienter zu werden“, sagte der langjährige Adidas-Vorstandschef Herbert Hainer. Eine weitere Speedfactory soll ebenfalls 2017 in der Region Atlanta in den USA in die Serienproduktion gehen. Den Schwellenländern stehen damit große Veränderungen bevor.

„Natürlich fallen durch Digitalisierung und Industrie 4.0 auch Tätigkeiten weg“, sagt Professor Welf-Guntram Drossel, Leiter des Fraunhofer Instituts für Werkzeugmaschinen- und Umformtechnik (IWU) in Chemnitz. Aber gleichzeitig gebe es neue Jobs, beispielsweise in der Produktentwicklung. „Dort, wo der kreative Geist von Menschen gefordert ist, wird eine Vielzahl von Arbeitsplätzen entstehen“, ist der Produktionswissenschaftler überzeugt.

Soziale Faktoren ähnlich bedeutsam wie Technologie

Aber nicht nur die technische Revolution mit künstlicher Intelligenz, Nanotechnologie, 3D-Druck, Genetik oder Biotechnologie wird sehr große Auswirkungen auf die Arbeitsmärkte weltweit haben, betont Till Leopold, Projektleiter beim World Economic Forum. Parallel dazu gebe es wichtige  gesellschaftliche  Entwicklungen  wie  eine Überalterung in den Industriestaaten. In den aufstrebenden Märkten hingegen seien die Arbeitskräfte sehr jung und Frauen drängten verstärkt in den Beruf. „Zusammengenommen sind die sozialen Faktoren fast genauso bedeutsam wie die technologischen und verstärken sich gegenseitig“, sagt der Ökonom.

Die wichtige Konsequenz daraus lautet: Weiterbildung. Gerade auch in den Ländern mit einem hohen  Bestand  an  älteren  Arbeitskräften  und  wenig Nachwuchs liege es im Interesse der Wirtschaft, sich hier verstärkt zu engagieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. „Nötig ist ein gutes Technikverständnis“, meint Leopold. Gebraucht würden auch Fähigkeiten, um komplexe Probleme zu lösen, soziale Kompetenz und kritisches Denken. Lebenslanges Lernen ist angesagt. Für jeden einzelnen wie für Unternehmen als Ganzes.

 

Text: Regina Weinrich