„Smart Homes“: Interview mit dem Architekten Werner Sobek

Nicht nur Telefone und Autos werden immer „intelligenter“, auch die eigenen vier Wände steigern ihren IQ. Architekt Werner Sobek hat bereits mehrere „Smart Homes“ erbaut und weiß, wie sich das Wohnen entwickeln wird.

„Smart Homes“ werden seit Jahren als „das nächste große Ding“ gehandelt. In Privathäusern ist der Einsatz der entsprechenden Technik aber überschaubar. Viele Systeme sind teuer und manche unausgereift oder mit nur begrenztem Einsatzfeld. Wie sehen Sie den Markt?
Sobek: Der Markt ist sehr groß und chancenreich – für Käufer wie für Hersteller. Bislang fehlen allerdings häufig die passenden Produkte. Vieles ist zu teuer, ist zu kompliziert in der Installation, ist häufig nicht ausgereift oder bietet nur eine Insellösung. Und manches braucht man auch einfach nicht wie zum Beispiel selbst nachbestellende Kühlschränke.

Bleibt es ein Thema für Tüftler und Technikbegeisterte oder wird’s in ein paar Jahren Standard sein?
Sobek: Selbstlernende und sich selbst organisierende Systeme zur Steuerung des Energieverbrauchs und des Nutzerkomforts werden in wenigen Jahren Standard sein, denn die weltweite Energiewende ist nur dadurch zu schaffen, dass wir mit derartigen Systemen nicht nur einzelne Häuser ausstatten, sondern ganze Gruppen von Häusern bis hin zu Siedlungen und Städten miteinander vernetzen.Und dass wir die Elektromobilität an das Energiesystem der Immobilien koppeln. Leider hat das Bauschaffen bisher weder die Notwendigkeit noch die darin eingebetteten Chancen erkannt. Es ist auf dem besten Weg, dieses Feld anderen zu überlassen, zum Beispiel der ausländischen Kommunikationsindustrie. Wie bei vielen technischen Neuentwicklungen sind es zunächst Tüftler und Technikbegeisterte gewesen, welche die Entwicklungen vorangetrieben haben.

Stichwort Smart Home und Sicherheit: Inwieweit schützt ein intelligentes Haus vor Einbrüchen oder hilft bei Unfällen im Haus? Sind Smart Homes eine Hilfe, um im Alter möglichst lange selbstbestimmt zu wohnen?
Sobek: Zunächst einmal: Nicht das Haus soll intelligent sein, sondern seine Planer. Ein Gebäudeautomationssystem kann dazu beitragen, Energie zu sparen und den Nutzerkomfort, also das physische wie das psychische Wohlbefinden der Nutzer, zu steigern. Darüber hinaus kann es sicher auch zu mehr Sicherheit und Autonomie im Alter beitragen. Technische Systeme können uns unterstützen und manches leichter machen – sie dürfen aber nie das soziale Miteinander ersetzen.

Wir bleiben beim Thema Sicherheit: Wie sind Smart Homes gegen Hackerangriffe und sonstige Manipulationsversuche geschützt? Gibt es eine Rückfallebene, falls die Technik ausfällt?
Sobek: Ich kann hier natürlich nur für das System sprechen, mit dem wir arbeiten. Das selbstlernende und sich selbst organisierende System der Firma alphaEOS aus Stuttgart arbeitet prädiktiv. Es besitzt eine Einzelraumregelung. Wir haben uns für dieses System entschieden, weil es die maximale Energieeinsparmöglichkeit bietet und die gleichen Sicherheitsstandards besitzt, die auch beim Online-Banking der deutschen Banken Anwendung finden, und weil es Nutzerdaten nicht in irgendeiner Cloud speichert. Die Daten werden bei alphaEOS auch nicht an Dritte verkauft, sondern alle relevanten Daten verbleiben beim Nutzer.

Bei dem von uns eingesetzten System kann höchstens die Temperaturführung in einem einzelnen Raum ausfallen, da ein zeitgleiches Versagen von zwei oder mehr Komponenten sehr unwahrscheinlich ist. Über einen vom System selbst oder vom Bewohner via Handy durchgeführten Neustart lässt sich das System zudem in der Regel schnell wieder in Betrieb setzen

Wie zukunftssicher und damit wertstabil ist die zurzeit verfügbare Smart-Home-Technik?
Sobek: Ein funkbasiertes Energiemanagementsystem wie alphaEOS hat bei Bestandsgebäuden eine durchschnittliche Amortisationszeit von weniger als vier Jahren, in Einzelfällen betrug sie weniger als zwei Jahre. Das ist sehr kurz. Die Installation erfolgt sehr schnell in weniger als 30 Minuten pro Wohnung. Die verbaute Technik besteht zu wesentlichen Teilen aus Elektronik, ist robust und hat eine lange Lebensdauer. Die einzigen mechanischen Bauteile sind die Ventile – technisch ausgereifte Massenware mit hoher Verfügbarkeit. Wertstabilität und eine lange Lebensdauer sind damit gegeben. Zudem kann das System durch Software-Aktualisierungen oder den Ersatz einzelner Module durch modernere, höherwertigere lange Zeit dem Stand der Technik entsprechen.

Smart Home werden immer wichtiger.

Das Aktivhaus B10 gewann im Januar 2016 den iF Design Award. (Bild: DEKRA)

Sie haben mit dem B10 ein Musterhaus errichtet, dass nicht nur intelligent, sondern auch nachhaltig ist. Mit welchen Materialien erreichen Sie dies? Wie lassen sich Nachhaltigkeit und aktuelle Baustoffe unter einen Hut bringen?
Sobek: Zur Nachhaltigkeit gehören viele Faktoren. Wir haben schon 1999 das Triple-Zero-Konzept entwickelt, also die dreifache Null: Unsere Gebäude sollen im Jahresmittel nicht mehr Energie verbrauchen, als sie selbst aus erneuerbaren Quellen erzeugen, keine schädlichen Emissionen erzeugen und so konstruiert sein, dass sie vollständig in den Stoffkreislauf zurückgeführt werden können. Mittlerweile sind unsere Gebäude noch besser. Sie benötigen jetzt noch weniger Baustoffe, erzeugen bis zu 200 Prozent der benötigten Energie selbst und geben Überschussenergie an Nachbarhäuser,
Elektrofahrzeuge oder das Netz ab.

Wir verwenden viele unterschiedliche Baustoffe, die allesamt vollkommen rezyklierbar sind. Wichtig ist die Frage, wie die Materialien miteinander verbunden sind. Es geht hier um Fügetechniken und die Frage, ob alle Verbindungen reversibel sind – oder ob ein Verbundwerkstoff geschaffen wird, der nicht mehr sortenrein wiederverwendet werden kann. Im B10 haben wir zum Beispiel vor die unbehandelte Holzkonstruktion einfach eine textile Fassade gespannt, die als Witterungsschutz dient – und die bei einem eventuellen Rückbau des Gebäudes ganz einfach abgenommen werden kann.

Wie sind nach eineinhalb Jahren die ersten Erfahrungen im B10? Was hat sich bewährt, wo hakt es? Gibt es Dinge, die Sie beim heutigen Stand ergänzen oder weglassen würden?
Sobek: Wir sind sehr zufrieden mit dem, was wir bei B10 realisieren konnten. Natürlich gibt es immer wieder Dinge, die wir nachjustieren und optimieren. Mit B10 waren wir quasi in der Vorserienentwicklung. Bei den von uns soeben in Planung befindlichen Nachfolgeprojekten setzen wir noch sehr viel mehr auf einen rein elektrischen Betrieb. Angesichts fallender Batteriepreise und einem hochentwickelten Energiemanagementsystem macht das absolut Sinn.

So weit man es zum jetzigen Zeitpunkt sagen kann: Ließe sich das Konzept technisch und zu einem vertretbaren Preis auf komplette Siedlungen übertragen?
Sobek: Ja. Die Verknüpfung von energetisch starken und von energetisch schwachen Gebäuden kann und sollte auf Siedlungsanlagen und Stadtquartiere übertragen werden. Das Wissen hierüber ist vorhanden, die technischen Voraussetzungen sind gegeben. Auch die Kosten sind überschaubar – geht es doch nicht um den Aufbau einer neuen Infrastruktur, sondern vor allem um die Verknüpfung bestehender Erzeuger und Verbraucher durch ein vorausschauendes, selbstlernendes elektronisches System. Was uns noch fehlt, sind die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen für eine solche Verknüpfung.

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Der promovierte Bauingenieur und Architekt lehrt als Professor unter anderem in Stuttgart, an der Harvard University und der National University of Singapore. Er ist Mitglied zahlreicher Gremien für nachhaltiges Bauen und zudem als Prüfingenieur für Baustatik tätig. (Bild: DEKRA)

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