Vintage-Fahrrad im Trend

200 Jahre nach seiner Erfindung erlebt das Fahrrad in diesen Tagen eine neue Hochphase. Das Vintage-Fahrrad ist schwer angesagt. Die Lust am historischen Renner geht wieder um.

Fahrrad, Fahrräder

Auf alten Schotterstraßen: Auch die schönste Strecke in der Toskana – wie die Strade Bianche – kann anstrengen. Photo: Dan Zoubek

Samstagnachmittag in Berlin-Mitte. Zwei Männer in den Vierzigern und ihre Freundinnen schauen durchs Fenster und betreten den etwas anderen Coffeeshop. Neben frischem Kaffee aus der polierten Siebträgermaschine dreht sich hier alles um Fahrräder. Um ganz besondere Fahrräder: Vintage-Rennräder. „Klassische Rennräder und guter Kaffee gehören für mich einfach zusammen“, sagt Alex Bisaliev, Gründer von Steel Vintage Bikes. Mit seinem Team verkauft er restaurierte Räder an hippe Berliner – und per Onlineshop in die ganze Welt.

In Berlin blüht die Lust am Radfahren und das Geschäft damit. Ein kräftiger Beleg für den Aufwind des Drahtesels: Vor Kurzem wurden über 100.000 Unterschriften für ein Radverkehrsgesetz gesammelt. Die Unterzeichner fordern mehr Rücksicht und mehr Rechte für Radfahrer. Pragmatisch und vergnüglich zugleich rollen immer mehr Menschen auf schicken, alten Rennrädern durch den Hauptstadt-Alltag. Retro und Vintage sind in. Und deshalb holen viele junge und jung gebliebene Berliner die alten Renner von Papa oder Opa wieder aus dem Keller.

Oder sie investieren in den Neukauf eines „antiken“ Klassikers – und zwar nicht zu knapp, wie Bisaliev und seine Crew wissen. Die Jungs mit dem schicken Fahrradcafé haben sich auf Restauration und Verkauf alter Schmuckstücke spezialisiert. Für namhafte Renner werden locker vierstellige Beträge fällig, für besonders begehrte Schätze dürfen es gerne auch 5.000, 6.000 oder mehr Euro sein. Zu den Kunden gehören hippe Hauptstadtradler, aber auch italienische Anwälte, Manager aus China, ein Popstar aus Taiwan, Sammler aus Vietnam und der Mongolei – und Sir Bradley Wiggins. Seines Zeichens Sieger der Tour de France 2012 und fünffacher Gewinner der olympischen Goldmedaille. „Es gibt heute viel mehr Sammler, die sich für original Vintage-Bikes interessieren“, verrät Alex Bisaliev, der vor gerade mal fünf Jahren in seiner Studentenbude in Freiburg anfing, alte Stahlrenner zu restaurieren. „Die Sammler sehen die Räder als Wertanlage, die man auch fahren kann und mit denen man Spaß hat.“ Bei speziellen Auktionen bieten sie teils horrende Summen für Räder, die dann etwa als Wandschmuck in einem schicken Loft in Manhattan oder Tokio landen.

Doch natürlich können und wollen die historischen Rennräder auch bewegt werden. Und das werden sie nicht nur im Alltag der hippen Metropolen dieser Welt, sondern ebenso bei eigens für Vintage- Räder organisierten Events. Immer mehr dieser Veranstaltungen gibt es auch in Deutschland, doch die größte und wichtigste steigt jedes Jahr Anfang Oktober in der Toskana. Bei der L’Eroica nehmen Tausende in alte Wolltrikots gehüllte Sportler auf ihren Stahlrossen die berühmten weißen Schotterstraßen, die Strade Bianche, unter die Räder. So wie der Manager aus San Francisco, der eigens für das Event sein Colnago Master aus den 1980er-Jahren von der Wand genommen und den Zwölf-Stunden- Flug nach Europa angetreten hat. „Diese Veranstaltung, dieses Flair ist so toll und so einzigartig, da musste ich einfach dabei sein“, schwärmt er, während er sich an einer Verpflegungsstation der Radtour mit Weißbrot, Olivenöl und italienischem Hartkäse stärkt. Dann nimmt er einen kleinen Schluck Chianti und springt wieder auf sein Rad. So feiert er 200 Jahre nach der Geburt des Fahrrads diese einmalige, grazile und ästhetische Maschine. Karl Drais würde seine reine Freude haben.

Steel Vintage Bikes Berlin

Hingabe und Detailverliebtheit spiegelt sich nicht nur in der Einrichtung von Steel Vintage Bikes, sondern auch in der Pflege der Stahlrösser. Photo: Dan Zoubek

Eine Stadt wird zum Mekka der Radfahrer

Doch nicht nur immer mehr historische Zweiräder rollen durch Berlin. Überhaupt tut sich etwas in der Stadt. Vor allem im Zentrum schickt sich das Fahrrad mehr und mehr an, dem Auto als Mobilitätsmittel Nummer eins den Rang abzulaufen. Großes Vorbild der Berliner: Kopenhagen. Dort fuhren Ende vergangenen Jahres mehr als 265.700 Räder durch die Stadt – und damit erstmals mehr Fahrräder als Autos. Ziemlich genau 200 Jahre nachdem Karl Freiherr von Drais mit seinem Laufrad die Erfolgsgeschichte Fahrrad wortwörtlich ins Rollen gebracht hat, überholt das Fahrrad in Kopenhagen also das Auto. Damit unterstreicht die dänische Hauptstadt einmal mehr ihren Ruf als Welt-Fahrrad- Hauptstadt. Viele Städte rund um den Erdball eifern dem Vorbild aus Nordeuropa nach. Mittlerweile gibt es sogar ein eigenes Verb dafür, Städte fahrradfreundlicher zu machen: copenhagenize. Oder zu Deutsch: kopenhagenisieren.

Die Vorteile des Umstiegs vom Auto aufs Fahrrad liegen auf der Hand: Die Straßen werden entlastet und vom Fahrrad auch weit weniger beansprucht als vom Automobil. Das schont die Nerven der Verkehrsteilnehmer und den Geldbeutel der Städte, die seltener in Reparaturarbeiten investieren müssen. Gleichzeitig werden die Menschen durch die regelmäßige Bewegung fitter und gesünder. Und ganz nebenbei sinken Schadstoffbelastung und Flächenbedarf in der Stadt.

Dass Kopenhagen heute an der Spitze der fahrradfreundlichen Städte steht, verdankt die Metropole jahrzehntelanger, konsequenter Planung zugunsten des Fahrrads. Neue, breite Radwege wurden gebaut, teils komplett vom Autoverkehr entkoppelt. Spezielle Fahrradbrücken oder Tunnel sind entstanden. Fahrradfreundlich programmierte Ampelanlagen sorgen für möglichst freie Fahrt. Und zahlreiche Verleihstationen machen das Fahrrad überall und jederzeit für praktisch jeden zugänglich.

Nicht umsonst heißt es Holland-Rad

Kopenhagen steht längst nicht alleine da. In vielen anderen Städten hat sich schon viel getan. Ganz vorne mit dabei: die Niederlande. Im sogenannten Copenhagenize-Index der fahrradfreundlichsten Städte liegen Amsterdam und Utrecht hinter Kopenhagen auf den Plätzen zwei und drei, dazu Eindhoven auf Rang fünf. „Wir sind eben eine Nation von Fahrradfahrern“, erklärt Ivan Marijnissen. In seinem Job als DEKRA Schadenexperte hat er regelmäßig mit dem Fahrrad zu tun, etwa wenn er nach Verkehrsunfällen den Schaden am Fahrzeug bewerten muss oder die ordnungsgemäße Arbeit der Werkstätten kontrolliert.

Fahrrad, Fahrräder

Renner aus Stahl gehören mittlerweile zu einem Lifestyle, bei dem auch Genuss eine große Rolle spielt. Photo: Dan Zoubek

Natürlich schwingt sich der Mann aus dem Süden des Königreichs der Niederlande auch selbst in den Sattel, etwa um Freunde zu besuchen oder Besorgungen zu machen. Viel habe sich getan, erklärt er. „Wir haben viele tolle Radwege und eine durchdachte Wegeplanung, die für ein tolles und sicheres Fahrerlebnis sorgt“, schwärmt er. „Trotzdem muss man natürlich immer aufpassen und auch stets unaufmerksame Autofahrer auf dem Radar haben“, so Marijnissen. Doch die Vorteile überwiegen das Risiko um Längen. „Mit dem Rad kommst du in der Stadt schneller und entspannter ans Ziel als mit dem Auto, mit dem du einfach nur in einem einzigen, riesigen Stau stehst“, sagt er. Einen großen Anteil an der aktuellen Erfolgsgeschichte schreibt der DEKRA Experte auch dem E-Bike zu. „Es ist mittlerweile weit verbreitet. Für ältere Menschen ist die Unterstützung durch den Motor sehr praktisch. Und mit den flotten Speed-Pedelecs lassen sich auch größere Entfernungen schnell zurücklegen“, so Marijnissen.

In Berlin lehnt sich Alex Bisaliev derweil in seinen Sessel, nippt an seinem Cappuccino und freut sich darauf, bald endlich wieder selbst aufs Rad zu kommen. Doch das Geschäft lässt nur am Sonntag Zeit, selbst eine Ausfahrt zu machen. Dann sattelt er seinen Lieblings-Renner: einen Paupitz aus den 1960er-Jahren. Ein Berliner Original in Berlin. Er setzt die Tasse ab und lässt den Blick über die vielen funkelnden Räder in seinem Café wandern. „Mittlerweile dreht sich mein ganzes Leben um diese wunderschönen Räder.“

Text: Felix Krakow