Shoppen ohne Grenzen

Ob Möbel, Bücher oder Gummibärchen – nach wenigen Klicks ist die Ware unterwegs. Doch die jährlich steigende Paketflut bringt nicht nur Zusteller in Bedrängnis.

Die Onlinehandel -Branche boomt. Foto: Fotolia - Nikita Kuzmenkov

Der Onlinehandel boomt. 2017 verschickten KEP-Dienstleister rund 3,3 Milliarden Sendungen. Foto: Fotolia – Nikita Kuzmenkov

Schnell, schneller am schnellsten lautet die Devise, die den Verbraucher mit immer neuen Angeboten zum Onlinehandel lockt. Anbieter bewerben die taggleiche Belieferung und schüren auch das Interesse für den Versand von Lebensmitteln und anderen zeitkritischen Produkten. Dabei ist die Lage bereits jetzt äußerst angespannt.

Der Markt wächst unaufhörlich. Im ersten Halbjahr 2017 sei bei den Paketsendungen ein Anstieg um 6,6 Prozent verzeichnet worden, berichtet der Bundesverband Paket und Expresslogistik. Für das gesamte Jahr rechnet er mit deutlich mehr als 3,3 Milliarden Sendungen, für 2021 werden 4,15 Milliarden Sendungen prognostiziert, das wäre ein Plus von mehr als 30 Prozent in lediglich fünf Jahren. DPD beispielsweise legte 2017 bei den Päckchen für Privathaushalte in Deutschland um satte 17 Prozent zu. Doch die Kauflust per Klick hat ihren Preis: Lieferfahrzeuge, die in zweiter Reihe, auf Busspuren oder Bürgersteigen parken, genervte Anwohner und gestresste Fahrer. Diese Entwicklung ist auch unter Umweltaspekten besonders problematisch, denn gerade diese Einkaufswege werden derzeit in der Stadt zu einem hohen Prozentsatz zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt.

Angesichts des überbordenden Weihnachtsgeschäfts hat Hermes im Dezember die Reißleine gezogen und erstmals regionale Mengenobergrenzen für Onlinehändler eingerichtet. Wurden die überschritten, hat man auf das Geschäft verzichtet. Das Unternehmen berichtete schon im Spätsommer von lokalen Engpässen. „Besonders die letzte Meile wird für die Branche immer mehr zum Nadelöhr“, sagte Dirk Rahn, Geschäftsführer Operations von Hermes Germany.

Kosten auf der letzten Meile steigen an

Hermes schlägt Paketshops als Abholadresse vor, damit in Stoßzeiten wie zu Weihnachten die Zustellung beschleunigt werden kann. Das würde auch die Auslieferungsfahrer entlasten, die ohnehin auf dem Arbeitsmarkt kaum noch zu finden sind – „auch weil es die Gratis-Versand-Mentalität der Verbraucher kaum möglich macht, den Job des Paketzustellers finanziell attraktiver zu gestalten“, sagte Rahn. Geringe oder gar keine Versandgebühren sind für die Kunden zur Selbstverständlichkeit geworden, kostenlose Rückgaben sowieso.

Das drückt auf die Margen der Dienstleister und hat mit der Realität nicht viel zu tun. „Die Kosten in der Paketlogistik und speziell auf der letzten Meile steigen seit langem überproportional stark“, sagte Thomas Horst, Geschäftsführer Sales bei Hermes Germany. Für geschäftliche Auftraggeber hat das Unternehmen nun zum 1. März die Preise um durchschnittlich 4,5 Prozent erhöht, im November und Dezember wird ein Peak-Zuschlag pro Sendung erhoben. Damit soll dann investiert werden. Insbesondere in die Löhne für die Zusteller.

Die Auslieferung der Paketflut ist mit bestehenden Konzepten kaum noch zu bewältigen. Foto: Nicole de Jong

Die Auslieferung der Paketflut ist mit bestehenden Konzepten kaum noch zu bewältigen. Foto: Nicole de Jong

Weniger Lieferungen an die Haustür – Bestellungen sollen abgeholt werden

Insgesamt erweist sich die Logistik für den Onlinehandel in ihrer bisherigen Form zunehmend als die Quadratur des Kreises. Wegen zunehmender Engpässe bei den Paketdienstleistern hat der Bundesverband Onlinehandel (BVOH) deshalb inzwischen ein Umsteuern der Branche und weniger Lieferungen an die Haustür verlangt. Die Kunden müssten vom Handel so gelenkt werden, dass sie sich stärker in den Lieferprozess einbringen, sagte Verbandspräsident Oliver Prothmann der Funke-Mediengruppe. Auch über Abholpunkte müsse nachgedacht werden.

Um die Situation zu verbessern fordert DPD, dass sich die Kommunen viel stärker als bisher engagieren und reservierte Parkflächen anbieten. Branchenprimus DHL kann sich sogar vorstellen, dass Städte über Ausschreibungen einen Dienstleister exklusiv beauftragen. Der wäre dann gebündelt mit einer Komplettlösung und den möglicherweise eintretenden Synergieeffekten unterwegs. Wer Lebensmittel, Schuhe und die neue Bettwäsche online bestellt, würde seine diversen Pakete nicht mehr von verschiedenen Dienstleistern an mehreren Tagen zugestellt bekommen. Der Bundesverband Paket und Expresslogistik (BIEK), in dem die DHL-Konkurrenz organisiert ist, befürchtet allerdings, dass so ein „Exklusivlogistiker“ entsteht.

Der E-Commerce ist immer noch ein relativ neues Phänomen, sodass die Daten zu Umweltfolgen, Auswirkungen auf die Infrastruktur und das Stadtbild noch relativ dünn sind, betont Sven Altenburg, der sich beim Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos mit der Thematik befasst. „Fest steht aber, dass der zunehmende Onlinehandel die Zahl der Lieferungen in Wohngebieten deutlich erhöhen wird“, sagt er. Auch wenn die Fahrzeuge künftig alle elektrisch unterwegs wären, verbessere das zwar die Luftbelastung, ändere aber nichts an ihrer Größe und ihrem Platzbedarf. „Die Infrastruktur ist für diese Menge an Lieferverkehren einfach nicht ausgelegt“, betont er.

Unfallrisiken vorprogrammiert: Verschiedene Zusteller konkurrieren um den begrenzten Platz am Straßenrand. Foto: Matthias Rathmann

Unfallrisiken vorprogrammiert: Verschiedene Zusteller konkurrieren um den begrenzten Platz am Straßenrand. Foto: Matthias Rathmann

Steigende Unfallrisiken in Wohngebieten und den Innenstädten

Die verschiedenen Verkehrsteilnehmer geraten sich deshalb zunehmend ins Gehege und konkurrieren um den begrenzten Platz. Die Folgen sind laut Prognos: „Stark steigende Konfliktpotentiale bezogen auf Nutzungskonkurrenzen, Verkehrsbehinderungen und Unfallrisiken in den Wohngebieten und innerstädtischen Bereichen.“ Und selbst innovative Lieferkonzepte haben ihren Schattenseiten, denn Abholstationen brauchen ebenso Platz wie Anlieferungsflächen und Mikro-Depots in unmittelbarer Nähe des Kunden. Platz, der dann für private Parkplätze, Bäume oder Klettergerüste für Kinder nicht mehr zur Verfügung steht.

Umstritten ist, ob sich private Einkaufsfahrten durch die Bestellungen im Internet verringern. „Zwar sind die Untersuchungen noch sehr unscharf, aber nach jüngsten Verkehrserhebungen ist die Anzahl der Einkaufswege nicht gesunken“, sagt Altenburg. Denn wenn Verbraucher sich zunächst mehrfach in den Geschäften vor Ort informieren, um dann – meist zu einem günstigeren Preis – online zuzuschlagen, wird das nirgendwo erfasst. Auch wer sich die Ware vermeintlich umweltfreundlich in einen Paket-Shop oder eine Abholstation liefern lässt, bewirkt unter Umständen weitere Verkehre – wenn er oder sie nämlich zum Abholen den eigenen Pkw nutzt.

Der E-Commerce ist nicht nur für die Paketdienste ein Wachstumsmotor, mit dem Onlinehandel geht auch eine wahre E-Mail-Flut einher. Das Mail-Volumen in Deutschland lag 2017 auf Rekordwert, meldeten web.de und GMX.de, bei denen jeder zweite Deutsche sein hauptsächlich genutztes Postfach hat. Die gezählten Mails seien um 145 Milliarden gegenüber 2016 angestiegen, das entspricht einem Plus von 23 Prozent. Onlineshops stehen als Versender von E-Post immerhin an zweiter Stelle. Für sie ist die Mail einer der wichtigsten Kommunikationskanäle, lautet die Analyse. Denn per E-Mail werden die Kunden immer wieder über den Stand ihres Einkaufs informiert und bekommen auch speziell auf ihr Verhalten zugeschnittene Angebote, Gutscheine und Newsletter.

Onlinehandel treibt Energieverbrauch nach oben

Prognos-Exerte Altenburg ist sich deshalb auch gar nicht so sicher, wie die Bilanz zwischen Online- und stationärem Handel in Bezug auf den Gesamtenergieverbrauch aussieht. „Dazu gibt es bislang keine genauen Untersuchungen, aber es könnte gut sein, dass ein hell erleuchteter Baumarkt da besser abschneidet“, gibt er zu bedenken. Dazu kommt obendrein, dass alles, was verschickt wird, verpackt sein muss. Mehr Kauf-Klicks bedeuten mehr Kartons. Selbst wenn sie nach dem Transport zu 100 Prozent recycelt würden – sie müssen zunächst einmal entsorgt werden und auch die neue Produktion verbraucht wieder Wasser und Energie.

Die Zustellung von Paketen mit Lastenfahrrädern ist eine umweltfreundliche Lösung. Foto: DPD

Paketdienstleister stellen auch umweltfreundlich zu – zum Beispiel mit Lastenfahrrädern. Foto: DPD

Wohin die Entwicklung geht? Derzeit sind ein Drittel der Kunden mit der Zustellung insgesamt unzufrieden, ergab eine Untersuchung der Unternehmensberatung PwC. „Jeder Vierte gab an, beschädigte Sendungen erhalten zu haben, und jeder Fünfte bemängelt unpünktliche Lieferungen“, heißt es dort. Die großen Paketdienste experimentieren auch mit technischen Innovationen. Aber der PwC-Umfrage zufolge sehen die Konsumenten Drohnen, Zustellroboter und insbesondere die Kofferraumbelieferung unverändert skeptisch. Selbst Packstationen lehnen 57 Prozent der Befragten ab, und ihre reale Nutzung hat im Vergleich zu 2015 um drei Prozent abgenommen. Immerhin: 61 Prozent der Befragten achten bei der Wahl ihres Onlinehändlers auf die Auslieferung durch E-Autos oder Lastenfahrräder. Das ist ihnen sogar wichtiger als eine schnelle Lieferung (59%).

Grundsätzlich sehen die Logistiker die zunehmende Digitalisierung als Rettungsanker, aber bis hier alle Sicherheitsaspekte und der Datenschutz endgültig geklärt sind, werden noch Jahre vergehen. Altenburg kann sich gut vorstellen, dass die bislang übliche Lieferung nach Hause künftig nur noch gegen einen Portoaufschlag angeboten wird. „So könnten Personal und Fahrstrecken eingespart werden“, sagt er. Ob es ökologisch besser ist, die letzte Meile auf den Personenverkehr zu verlagern, sei schwer abzuschätzen. „Entscheidend dafür ist ein klug geplantes und sehr feinmaschiges Netz von Abholstationen, die idealerweise an Knotenpunkten wie ÖPNV-Haltestellen stehen sollten“, meint Altenburg. Auf diese Weise könnten die zusätzlichen Wege im Personenverkehr minimiert werden.

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