Moderne Lkw im Datennetz

Ein modernes Nutzfahrzeug steht im Zentrum eines multidimensionalen Datenstroms, der Sicherheit und Transporteffizienz erhöhen kann. Jürgen Bönninger, Chef von FSD Fahrzeugsystemdaten, klärt auf, von wem und wie diese Daten genutzt werden dürfen.

Moderne Lkw generien viele Daten, auf die unterschiedliche Parteien Zugriff möchten. CGI: Fabian Techel

Moderne Lkw generien viele Daten, auf die unterschiedliche Parteien zugreifen möchten. CGI: Fabian Techel

Das Unternehmen FSD Fahrzeugsystemdaten entwickelt und verbreitet im gesetzlichen Auftrag Vorgaben und Prüfverfahren für die Hauptuntersuchung aller Fahrzeugarten in Deutschland. Wir haben den Geschäftsführer Jürgen Bönninger getroffen.

Herr Bönninger, Autohersteller betrachten im Fahrzeug generierte Daten als ihr Eigentum, die Fahrer gehen stattdessen davon aus, dass sie ihnen gehören. Wie sieht die aktuelle Rechtslage dazu aus?

An Daten kann grundsätzlich kein Eigentum bestehen. Sie gehören allenfalls dem Eigentümer des Datenträgers, beim Auto demnach dem Halter. Davon zu unterscheiden ist die Befugnis, mit den Daten umzugehen. Datenschutzrechtlich Betroffene sind der Halter und der Fahrer eines Fahrzeugs. Sie können die Verfügung, Verwertung und Auswertung bestimmter Daten allerdings Dritten übertragen. In bestimmten Fällen wäre es jedoch sinnvoll, im Fahrzeug generierte Daten durch einen unabhängigen Sachverständigen in einem Gutachten verwerten zu lassen – etwa bei Unfällen oder Rechtsstreitigkeiten. Die Verwaltung der Zugänge zu den Daten sollte gesetzlich geregelt über Trustcenter organisiert werden.

Jürgen Bönninger ist Geschäftsführer der FSD Fahrzeugsystemdaten GmbH. Foto: FSD Fahrzeugsystemdaten GmbH

Jürgen Bönninger ist Geschäftsführer der FSD Fahrzeugsystemdaten GmbH. Foto: FSD Fahrzeugsystemdaten GmbH

Neben Herstellern und Zulieferern fordern auch Leasingfirmen, Versicherungen, Mobilfunkanbieter, Plattformen wie Google und weitere Parteien Zugriff auf die Fahrzeugdaten. Wie lässt sich dieses Dilemma lösen?

 

Es kommt datenschutzrechtlich immer darauf an, welche Daten zu welchem Zweck erhoben, gespeichert und verwendet werden. Somit bedürfen all die Parteien, die Zugriff auf die Daten nehmen wollen, einer verständlichen, freiwilligen und jederzeit widerrufbaren Einwilligung in die jeweilige Datennutzung zu einem konkreten Zweck. Man spricht von einem „Opt-in“. „Privacy by default“ muss sicherstellen, dass das Erfordernis einer solchen Einwilligung ab Werk berücksichtigt wird. Eine Standardeinwilligung, die der Nutzer erst widerrufen oder ausschalten muss, ein sogenanntes „Opt-out“, ist unzulässig.

Die zunehmenden Datenmengen bergen auch mögliche Risiken für Missbrauch. Wie kann dieser verhindert werden?

Am besten verhindert wird Missbrauch, wenn die Daten auf das nötige oder gesetzlich vorgeschriebene Maß beschränkt werden und umgehend gelöscht werden, sobald sie nicht mehr benötigt werden. Fahrzeughersteller müssten dies nach der europäischen Datenschutzgrundverordnung bereits bei der Herstellung des Fahrzeugs berücksichtigen. Allerdings gibt es dazu bislang keine spezifischen Vorgaben im Fahrzeugbereich. Auch fehlen bislang festgelegte Mindestanforderungen an die IT-Sicherheit. Solche Anforderungen sollten zukünftig in den Typgenehmigungs- und Betriebserlaubnisvorschriften verankert werden.

Intelligente Komponenten und deren Vorteile

In einem modernen Lkw interagieren viele Komponenten miteinander und dem Fahrer:

Sensoren: Etwa 400 Sensoren (1) stecken heute in einem modernen Lkw. Diese ermöglichen beispielsweise schnellere Erkennung von Hindernissen.

Software: 100 Millionen Zeilen Code (1) stecken in der Software eines aktuellen vernetzten Lkw und können so Logistikprozesse effizienter gestalten.

Cloud: 250 Meter Reichweite (2) besitzen die Fernbereichs-Radarsensoren eines Lkw. Für einen weiteren Horizont müssen Daten aus der Cloud genutzt werden.

Fahrer: Jeder 3. Lastwagen (3) fährt bis 2025 teilautonom. Der Fahrer wird dafür immer mehr in die Prozesse der Disposition und des Managements involviert.

Eine vollständige und flächendeckende Automatisierung von Lkw könnte viele Vorteile mit sich bringen:

Umwelt: Bis zu 60 % weniger CO2-Emissionen (3).

Zeit: Etwa 5 % Zeitersparnis (3) durch Routenoptimierung.

Sicherheit: 76 % weniger Unfälle bis 2025 (3) und bis zu 90 % weniger bis 2040 (4).

Wirtschaft: bis zu 100 Mrd. Euro wirtschaftlicher Mehrwert (3) p. a. weltweit.

Quellennachweis
(1) Quelle: Daimler
(2) Quelle: Continental
(3) Quelle: Studie „Delivering Change – Die Transformation des Transport­sektors bis 2025“, McKinsey
(4) Quelle: Studie „Automated Trucks – The next big disrupter in the automotive industry?“, Roland Berger
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