Wirbel um Feinstaub & Co.

Viel Rauch um Feinstaub und Grenzwerte. Rund um Diesel-Fahrverbote, Feinstaub und Stickoxide geriet die Diskussion in Wallung. Zeit für eine sachliche Bestandsaufnahme. Im Gespräch mit DEKRA Immissions-Experte Jürgen Bachmann.

Die Themen Feinstaub, Stickoxide und Grenzwerte werden viel diskutiert. Foto: Fotolia - bluedesign

Die Themen Feinstaub, Stickoxide und Grenzwerte werden viel diskutiert. Foto: Fotolia – bluedesign

DEKRA solutions: Herr Bachmann, hat die Debatte Anfang des Jahres was gebracht?

Jürgen Bachmann: Definitiv nein. Das war eine beinahe absurde Diskussion. Der Vorstoß der Lungenärzte mit dem pensionierten Pneumologen Dieter Köhler als Leitfigur hat nur Verunsicherung gebracht. Von vorneherein war das wissenschaftliche Fundament fragwürdig. Dass sich die Truppe dann durch eklatante Rechenfehler selbst entlarvte, setzt dem Ganzen die Krone auf.

Aber mal nachgefragt: Sind die Grenzwerte denn richtig?

Das ist keine Frage von richtig oder falsch. Sondern Grenzwerte sind Fakt. Schauen Sie sich den Prozess an, aus dem diese sich ergeben. Am Anfang stehen Umweltwissenschaftler an renommierten Forschungseinrichtungen, die mit Akribie epidemiologische Studien über den Zusammenhang zwischen Krankheitsbildern und Luftverschmutzung erstellen. Diese Studien sind die Grundlage für die Weltgesundheitsbehörde, um Empfehlungen auszusprechen. Das sind die sogenannten Richtwerte. Nun folgt ein politischer Willensbildungsakt. Der, wie jede politische Aktion, ein Kompromiss aus Notwendigem und Zumutbarem ist. Die EU-Kommission hat sich dabei auf die berühmten 40 Mikrogramm pro Kubikmeter als Grenzwert geeinigt. Und der ist für alle EU-Staaten verbindlich. Und somit unumstößlich gültig. Er ist so gefasst, dass auch Vorerkrankte, Schwache, ältere Menschen und Kinder unter Dauerbelastung geschützt werden.

Ein weiterer Vorwurf lautet, die Messstellen stünden am falschen Ort?

Die Anlage 3 der 39. Bundesimmissionsschutzverordnung regelt, wo Messstellen zu platzieren sind. Und daran halten sich die Betreiber der Landesmessnetze. Zur Absicherung lässt das Umweltbundesamt momentan aber sämtliche Standorte von Messstellen mit Grenzwertüberschreitungen von dritter Seite überprüfen.

Also macht die Diskussion in der Form der vergangenen Wochen keinen Sinn?

Sie macht dadurch Sinn, dass sie das Thema in das öffentliche Bewusstsein gerückt hat. Die Art und Weise war überflüssig und hat nur zu Verunsicherung geführt. Studien wie etwa die aktuelle Studie des ICCT über die Sterberate durch verkehrsbedingte Luftverschmutzung von Ende Februar kann man nicht einfach dadurch entkräften wollen, dass man sagt, man hätte noch keine Stickoxidtoten gesehen. Hier zählen Fakten.

Jürgen Bachmann ist Immissions-Experte bei DEKRA. Foto: DEKRA

Jürgen Bachmann ist Immissions-Experte bei DEKRA. Foto: DEKRA

Sind die Daten des umweltnahen Forschungsinstituts International Council on Clean Transportation (ICCT) denn belastbar?

Hinter der Studie stehen auch Forscher der George Washington University sowie der Universität Colorado Boulder. Warum sollte ich daran zweifeln? Auf jeden Fall wird die ICCT-Studie sehr deutlich. Demnach sterben jedes Jahr weltweit 3,4 Millionen Menschen frühzeitig durch die Folgen von Luftverschmutzung durch Feinstaub, Stickoxide und Ozon. Deutschland liegt statistisch mit ca. 13.000 Todesfällen auf Platz vier. Nur in China, Indien und den USA sterben mehr Menschen vorzeitig an Krankheiten, die durch schlechte Luft ausgelöst werden.

Welche Schlussfolgerung sollten wir daraus ziehen?

Gerade als Hochtechnologieland dürfen wir nicht nachlassen, in allen Bereichen an der weiteren Minimierung von Schadstoffen zu arbeiten. Das gilt für den Verkehr, für das Thema Braunkohleausstieg, die Zukunft der erneuerbaren Energien. Und zwar weltweit. Wir sind gefordert. Mit Respekt vor nachfolgenden Generationen.

Feinstaub

ist besonders kleiner Staub, im Sinne von schwebenden Teilchen in der Luft. Es gibt verschiedene Größeneinteilungen: PM10 (Teilchen, die kleiner sind als 10 Mikrometer), PM2,5 (kleiner als 2,5 Mikrometer) und Ultrafeinstaub (kleiner als 0,1 Mikrometer). Grundsätzlich gilt: je kleiner, desto gefährlicher. In Ballungsgebieten sei, so das Umweltbundesamt, der Straßenverkehr die Hauptquelle. Hier entsteht Feinstaub einerseits durch den Verbrennungsprozess der Motoren, andererseits aber auch durch den Bremsen- und Reifenabrieb und das Aufwirbeln von auf der Straße liegenden Partikeln.

Stickoxide

sind gasförmige Verbindungen aus Stickstoff (N) und Sauerstoff (O). Da es davon viele verschiedene gibt, werden sie mit der Sammelbezeichnung NOx zusammengefasst. Bei Autoabgasen bezieht sich NOx meist auf die Summe aus ausgestoßenem Stickstoffmonoxid (NO) und Stickstoffdioxid (NO2). Bei den Schadstoffen in Autoabgasen machen Stickoxide nach Kohlendioxid und Kohlenmonoxid den drittgrößten Anteil aus. Diesel-Pkw sind im Verkehrssektor der größte Verursacher von Stickoxiden. Laut Umweltbundesamt (UBA) sind sie in der Stadt für über 73 % der Stickoxid-Emissionen verantwortlich.

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