Auf dem Weg zur HU 4.0

Die periodische Fahrzeugprüfung der Zukunft wird datengetrieben sein. Schon heute laufen Prozesse digitalisiert und automatisiert ab. Bestes Beispiel ist die von DEKRA in der südchinesischen Stadt Shenzhen im Frühjahr 2019 eröffnete Prüfstation.

Die periodische Fahrzeugprüfung muss mit der zunehmenden Automatisierung und Digitalisierung der Fahrzeuge Schritt halten. Foto: DEKRA

Die periodische Fahrzeugprüfung muss mit der zunehmenden Automatisierung und Digitalisierung der Fahrzeuge Schritt halten. Foto: DEKRA

Die Fahrzeugprüfung läuft wie am Fließband; sequenziell absolvieren die Fahrzeuge einen Prüfstand nach dem anderen. Die Erfassung der Ist-Werte und der Abgleich mit den Soll-Daten erfolgen teilweise automatisiert, den Lichttest übernimmt ein Roboter. Allein diese kurze Aufzählung macht schon deutlich: In der Prüfstation von DEKRA in Shenzhen kommt jede Menge Hightech zum Einsatz. Die einzelnen Prüfschritte werden dabei von verschiedenen Mitarbeitern durchgeführt. Diese Art der Arbeitsteilung ermöglicht zugleich deutlich höhere Kapazitäten. Denn während DEKRA zum Beispiel in Deutschland in einer Prüfspur pro Stunde zwei bis drei Fahrzeuge unter die Lupe nimmt, beläuft sich die Zahl in Shenzhen auf bis zu 20. Und da in der von DEKRA geplanten Prüfstation in Peking vier Prüfspuren zur Verfügung stehen sollen, wird der Fahrzeugdurchlauf dort noch stärker sein. Dabei ist der Name DEKRA ein gewichtiges Pfund im größten Automobilmarkt der Welt mit einem hohen Anspruch an die Sicherheit der Fahrzeuge.

Internationale Unterschiede

Weltweit betrachtet sind die Unterschiede im Hinblick auf die wiederkehrende Untersuchung der im Verkehr befindlichen Fahrzeuge (Periodical Technical Inspection = PTI) groß. In der EU ist die aktuellste rechtliche Grundlage für die Fahrzeug­überwachung in den Mitgliedsstaaten die Richtlinie 2014/45 EU vom April 2014. Darin definiert sind die EU-weit geltenden Mindestanforderungen für die Fahrzeugprüfung, in deren Rahmen die Mitgliedsstaaten durchaus noch Gestaltungsspielräume haben. So zum Beispiel in Sachen Prüffrequenz: Während etwa in Deutschland, Österreich, Polen oder Schweden neue Pkw erstmals nach drei Jahren geprüft werden müssen, besteht diese Pflicht in Frankreich, Italien oder Portugal erst nach vier Jahren.

Ein kleiner Blick über Europa hinaus: In China steht für neue Fahrzeuge erstmals nach sechs Jahren der Gang zur PTI an, in Marokko nach fünf Jahren – anschließend dann in beiden Ländern im Ein-Jahres-Rhythmus. Und während in Neuseeland die PTI für Pkw von Beginn an jährlich vorgeschrieben ist, besteht die PTI-Pflicht in Südafrika bislang nur für Lkw und Taxis. Die südafrikanische Regierung diskutiert jedoch auch für Pkw die Einführung der flächendeckenden periodischen Fahrzeugüberwachung nach europäischem Vorbild. In den USA gibt es keine einheitliche Regelung – grundsätzlich entscheidet hier jeder Bundesstaat selbst, ob und in welchem Umfang Fahrzeuge regelmäßig untersucht werden müssen. Häufig findet nur eine Abgasuntersuchung statt. Eine zumindest in Teilen der PTI in Europa ähnliche technische Fahrzeugprüfung gibt es unter anderem in Georgia, Kalifornien, New York, North Carolina, Texas, Utah und Virginia.

Nicolas Bouvier, Executive Vice President, Vehicle Inspection Service Division, DEKRA SE. Foto: Jim Wallace

Nicolas Bouvier, Executive Vice President, Vehicle Inspection Service Division, DEKRA SE. Foto: Jim Wallace

 

„Wir müssen in manchen Teilen der Welt noch intensive Überzeugungsarbeit leisten, um die verantwortlichen Stellen von der Einführung einer periodischen Fahrzeuguntersuchung zu überzeugen beziehungsweise deren Inhalte zu verbessern.“

 

 

 

 

Unterschiede bestehen weltweit auch dahingehend, wer die Fahrzeugprüfung durchführen darf. In vielen Mitgliedsstaaten der EU sind hierfür nur unabhängige Expertenorganisationen wie DEKRA autorisiert, in einigen Ländern auch ausgewählte Kfz-Werkstätten. In Österreich zum Beispiel kann die Überprüfung aber auch bei Autofahrerclubs wie ARBÖ und ÖAMTC stattfinden.

Konsequente Weiterentwicklung

​Angesichts der Menge an sicherheitsrelevanten Daten, die zukünftig von automatisierten Fahrzeugen generiert wird, ist heute schon klar, dass die Hauptuntersuchung der Zukunft vor ganz neuen Herausforderungen steht. „Wir müssen daher die Prüfung der elektronischen und mechanischen Komponenten im Fahrzeug konsequent weiterentwickeln, um jederzeit alle sicherheits- und umweltrelevanten Systeme auf Beschädigungen, Fehlfunktionen und Manipulationen prüfen zu können“, sagt Hans-Jürgen Mäurer, Head of Technical Services Management in der Service Division Fahrzeugprüfung bei der DEKRA SE.

In Italien muss ein neuer Pkw erstmals nach vier Jahren geprüft werden.Foto: DEKRA Wie überall prüft DEKRA auch hier in Mailand nach genauen Qualitätsstandards, unabhängig und professionell.Foto: DEKRA Wie überall prüft DEKRA auch hier in Mailand nach genauen Qualitätsstandards, unabhängig und professionell.Foto: DEKRA Seit März 2019 ist die erste DEKRA Prüfstation in China in Betrieb. Foto: DEKRA Arbeitsteilung und teilweise Automatisierung im chinesischen System der Fahrzeugüberwachung machen vergleichsweise hohe Stückzahlen von Prüfungen möglich. Foto: DEKRA Im Jahr 2013 ist DEKRA mit der 60-prozentigen Übernahme der neuseeländischen Prüfgesellschaft Vehicle Testing New Zealand (VTNZ) ins automobile Prüfgeschäft in der Region Asien-Pazifik eingestiegen. VTNZ ist an 90 Standorten in Neuseeland tätig. Foto: DEKRA

Ein wegweisender Schritt – auch in Richtung datenbasierter Hauptuntersuchung – war dabei in Deutschland die Einführung des HU-Adapters zum 1. Juli 2015. Über diese Schnittstelle können die Sachverständigen das Vorhandensein und die Ausführung der verbauten Sicherheitssysteme abfragen sowie die Funktion, die Wirkung sowie den Zustand bestimmter sicherheitsrelevanter Fahrzeugsysteme wie beispielsweise der Bremsen oder der lichttechnischen Einrichtungen überprüfen. „Der Einsatz von Hightech ist bei der PTI ein zweifelsohne zentrales Element, mindestens genauso wichtig ist aber auch die Qualifikation der jeweiligen Prüfer“, gibt Hans-Jürgen Mäurer zu bedenken.

Welche Bedeutung die PTI in diesem Zusammenhang gerade auch für die Verkehrssicherheit hat, untermauert die im Oktober 2018 von der University of Texas veröffentlichte Studie „Economic and Safety Considerations: Motor Vehicle Safety Inspections for Passenger Vehicles in Texas“. Die hierfür erhobenen Daten ergaben unter anderem, dass die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Unfalls bei Fahrzeugen mit technischen Mängeln doppelt so hoch ist wie bei Unfällen mit mängelfreien Fahrzeugen. Ein schlagkräftigeres Argument für die Beibehaltung oder überhaupt erst einmal die Einführung der PTI kann man sich kaum denken.

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