Digitalisierung: „Umbrüche bringen Unruhe“

Der ehemalige VW-Vertriebsvorstand Detlef Wittig ist überzeugt, dass der Automobilvertrieb von der Digitalisierung profitieren wird. Im Interview eröffnet der Visionär Perspektiven.

Detlef Wittig im Interview. Er war bis 2009 Vertriebsvorstand des VW-Konzerns. Foto: Kurt Ringlebe

Detlef Wittig im Interview. Er war bis 2009 Vertriebsvorstand des VW-Konzerns. Foto: Kurt Ringlebe

Herr Wittig, inwiefern hat sich die Wertschöpfung der Automobilhersteller durch die Digitalisierung verschoben?
Die Digitalisierung führt zu einer immer schnelleren Entwicklung des Unternehmens, zu neuen Lösungen, kürzeren Produktzyklen und zu direkterer Kun­den­nähe. Industrie-4.0-Technologien erlauben, Fahrzeuge noch individueller, effizienter und ressourcenschonender zu bauen. Im indirekten Bereich helfen neuartige Smart-­Data-Technologien Arbeitsabläufe schlanker und effizienter zu machen. Elektronik- und Software-Lösungen haben heute einen hohen Anteil an der automobilen Wertschöpfung. Neue digitale Geschäftsfelder entstehen. Noch vor wenigen Jahren hatten wir insgesamt vielleicht drei- bis viertausend IT-Spezialisten, die vor allem auf die Prozessabläufe im Unternehmen fokussiert waren. Heute ist VW mit fast elftausend Fachleuten eines der größten IT-Unternehmen Deutschlands und weitere rund tausend neue Stellen werden für Programmierer, Data-Scientists und Experten für künstliche Intelligenz geschaffen.

Wohin wird sich aus Ihrer Sicht der Automobilvertrieb entwickeln?
Der Umbruch der Automobilindustrie, die Änderungen der Marktbedürfnisse an Service und Dienstleistungen sind eine großartige Chance, und meine Kollegen bei VW werden den Wandel an vorderster Front mitgestalten. Sie werden noch schneller werden und entscheidungsfreudiger. Eine dezentrale Struktur führt zum Beispiel dazu, dass viel mehr Entscheidungen in den Regionen getroffen werden und nicht mehr ausschließlich in Wolfsburg.

Glauben Sie, dass der Handel zunehmend an Bedeutung verliert?
Nein, im Gegenteil. Die Händler werden weiterhin die Pfeiler des VW-Geschäftsmodells bleiben, da sie durch ihre Nähe zum Kunden die vielfältigsten Formen der Kundenberatung und -betreuung, die Serviceleistungen und die Probefahrten, die Zufriedenheit der Kunden und damit den langfristigen Erfolg garantieren.
Ersetzt das Internet mit Konfiguratoren, Blogs und Foren nicht den stationären Handel?
Das Internet ergänzt den stationären Handel, macht ihn effizienter und frei für neue Dienstleistungen. Und es wird in Zukunft neue Handels- und Serviceformate geben. Diese neuen Betriebsformen werden kunden-, zielorientiert und flexibel sein, bringen Kostenoptimierung für Händler und fördern die Nutzung von Synergien im Marktgebiet.

Welche Entwicklungen im Bereich des Automobilvertriebs beunruhigen Sie? Welche Entwicklungen lassen Sie positiv in die Zukunft schauen?
Umbrüche bringen immer Unruhe und Zukunftsängste mit sich. Dieses Mal sind die Umbrüche aber komplexer und technischer, das erfordert zusätzlich ein hohes Maß an Erklärungspotenzial. Ein erfolgreiches Umsetzen wird daher nur in einer sehr offenen, respektvollen und vertrauensbildenden Diskussion zwischen den Partnern im mehrstufigen Automobilvertrieb gelingen. Digitalisierung ist etwas Technisches, Technokratisches und steht im Gegensatz zur „Wärme“ von menschlichen Beziehungen, von Kunden- und partnerschaftlichen Beziehungen. Richtig angepackt und mit dem Fokus auf die Kunden- und Partnerbindung kann Digitalisierung aber zu einem neuen, schnelleren, effizienteren Automobilvertrieb der Zukunft führen.

In Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Antje Helpup und Studierenden der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften befragte DEKRA solutions Detlef Wittig. Er war bis 2009 Vertriebsvorstand des VW-Konzerns, davor arbeitete er unter anderem als Vorstandschef der VW-Tochter Škoda. Heute beobachtet und kommentiert der 75-Jährige, wie die Automobilindustrie mit den großen Herausforderungen der Digitalisierung umgeht.

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